Die Antwort hat viel mit dem Blick auf sie zu tun.

Junge Männer mit Migrationshintergrund, so das Klischee, achten besonders übertrieben auf ihr Äußeres. Sie sähen aus wie frisch vom Friseur oder als wären sie gerade im Fitnessstudio gewesen. 

Stimmt das? Und wenn ja, warum? Diese Frage wird gerade auf Twitter diskutiert. Can Gülcü hat sie gestellt – und legt in einem Thread offen, dass sie seiner Meinung nach mehr mit dem Blick auf die sogenannten "MigraBoys" zu tun hat als mit den Jungs selbst.

Was ist dran? Wir haben mit einem Experten über Migration, Männerbilder und die "MigraBoys" gesprochen.

Erol Yildiz ist Soziologe, Autor und lehrt an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Er beschäftigt sich am Institut für Erziehungswissenschaften mit Migration und Bildung sowie kritischer Migrationsforschung.

Gibt es typische Vorurteile gegenüber jungen Männern mit Migrationshintergrund? 

Ich würde das nicht Vorurteil nennen, sondern Urteil. Wir sprechen von erlerntem Wissen. Das negative Bild von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird uns schon in der Schule präsentiert. Immer geht es dabei um Defizite und Konflikte. Dieses Bild normalisiert sich im Laufe der Zeit und Lehrer sagen oft: "Die sollen so sein wie wir." Gemeint ist, wenn die jungen Männer sich anpassen, gibt es kein Problem.

Der Begriff 'mit Migrationshintergrund' sagt nichts aus, man braucht ihn nicht. Die jungen Männer sind ja deutsch.
Erol Yildiz

Auch in der Wissenschaft ist es nicht anders. Eine bekannte Studie über die zweite Generation von Migranten untersuchte in den Achtzigern, wie man "voll deutsch" wird. Darin gab es drei Gruppen von Jugendlichen und nur die, die in Deutschland geboren sind, konnten offenbar "voll deutsch" werden. Die Studie wurde bis in die Nullerjahre immer wieder rezipiert. So wird Wissen erzeugt.

Warum gibt es so unterschiedliche Männlichkeitsbilder? 

Deutsche Männerbilder sind vielfältig, da gibt es nicht nur eines. Aber bei jungen Männern mit Migrationshintergrund wird nicht unterschieden. Also entsteht bei ihnen ein ganz unterschiedliches Verständnis von Männlichkeit: In der Vorstellung der "MigraBoys" muss ein Mann offenbar gepflegt sein, dadurch werten sie sich selbst auf und grenzen sich von anderen ab. Es ist ihre Art, auf negative Klischees zu reagieren.

Junge Männer mit Migrationshintergrund müssen also mehr auf ihr Äußeres achten?

Das kommt auf die Schicht an. Die Frage ist auch, ob wir solche Unterscheidungen überhaupt brauchen. Man erzeugt durch Begriffe wie Herkunft oder Ethnizität zentrale Kategorien, die den Migrationsdiskurs bestimmen und zu Alltagsmythen führen. Wir schaffen also ein Umfeld, worauf die jungen Männer dann reagieren. Es wird zumindest der Eindruck übermittelt, die "MigraBoys" nutzen ihr äußeres Erscheinungsbild, um sich zu zeigen. Auch das hat etwas Spielerisches und ist nicht neu – es ist ihr Umgang mit dem Klischee.

Also spiegeln sie die negativen Vorurteile, die ihnen zugeschrieben werden?

Ja. Und der Gedanke ist nicht neu: Etwas, das uns von außen zugeschrieben wird, verinnerlichen und übernehmen wir. Ob viele das bewusst so machen, ist nicht klar. Natürlich kann es sich bei ihnen aber auch um eine selbsterfüllende Prophezeiung handeln. 

Auf Türkisch sagt man: "Wenn man jemandem 40 Mal sagt, er sehe krank aus, werde er auch krank." Wir übernehmen also entweder unbewusst solche Stereotype, oder aber wir nutzen sie bewusst als ironische Selbstbezeichnung, meist politisch.

In der Türkei findet man die "MigraBoys" – anders als in Deutschland oder Österreich – übrigens nicht, deshalb muss man auch immer den gesellschaftlichen Kontext mitdenken. Das ist eine Sache der Migration, nicht kulturell bedingt.

Sie arbeiten auch mit jungen Männern zusammen. Von welchen Erfahrungen berichten die? 

Mir fällt direkt eine Studie mit Jugendlichen aus der zweiten oder dritten Generation aus Bosnien in Österreich ein. Sie sagten, sie würden ständig mit dem Islam konfrontiert, hätten aber eigentlich nichts damit zu tun. Manche Mädchen trugen dann aus Trotz ein Kopftuch, obwohl ihre Mütter das nicht machten. In einer weiteren Studie erfuhr ich, dass junge Leute, die hier aufgewachsen sind, sich Muslime nennen, aber eine offene, neue Form von Religion praktizieren. Sie beten zum Beispiel nicht, fühlen sich aber als Muslime.

Was macht es mit den jungen Männern, wenn sie immer wieder gefragt werden, woher sie "wirklich" kommen? 

Für die, die in Deutschland oder Österreich geboren sind, ist das wirklich ein Problem. Viele sind genervt davon, weil sie so oft gefragt werden. Die Frage ist ihnen meist zu privat, sie sagen, die Familiengeschichte gehe Fremde nichts an. 

Andere gehen hingegen ganz offen damit um. In Istanbul entdeckte ich einen "Stammtisch der Rückkehrer". Die Deutschen haben sich bewusst so genannt, weil sie so wahrgenommen wurden. Journalisten aus Deutschland fragten sie immer wieder, warum sie in die Türkei zurückgegangen wären. Dabei fühlten sie sich nicht als Rückkehrer, sondern als Auswanderer. Sie sind in Deutschland geboren und in die Türkei ausgewandert.

Das Idealbild des "normalen Mannes" – gibt es das? 

Nein, Normalität ist höchst individuell. Und auch Männerbilder können sehr unterschiedlich sein. Es gibt kein Männerbild für bestimmte Kulturen, weder ein deutsches, noch ein türkisches oder eines für Migranten. Man kann nicht verallgemeinern. Und trotzdem gibt es Studien über Migrantenfamilien – aber in dem Sinne keine über deutsche Familien. Auch solche Generalisierungen und undifferenzierten Studien erschaffen negative Bilder.

Inwiefern ist der besonders gepflegte Männerkörper auch ein Schutz vor Diskriminierung? 

Weil "MigraBoys" anscheinend so sehr nicht auffallen wollen, fallen sie eben doch auf. Da gibt es eine Doppeldeutigkeit. Es kann durchaus sein, dass ein besonders gepflegter Körper einfach die Reaktion der "MigraBoys" ist. Oder wollen sie vielleicht doch auffallen? Beides wäre denkbar, Studien belegen Unterschiedliches. Die jungen Männer tragen oft bestimmte Haarschnitte, mit denen sie sich selbst verorten und positionieren.

Kann das Verhalten der Mitmenschen gegenüber den "MigraBoys" zu einem gestörten Selbst- und Körperbild führen?

Da "MigraBoys" ständig mit bestimmten Verhaltensformen konfrontiert werden, lautet die Frage, wie sie damit umgehen. Während einige vielleicht mit Frust oder Gewalt reagieren, sind andere hoch motiviert und machen etwa eine steile Karriere. 

In der Studie "Generation mix" von 2015 hat man die Kinder und Enkelkinder von türkischen Gastarbeitern in mehreren Ländern gefragt: In Schweden machten davon 80 Prozent Abitur. In Deutschland und Österreich schneiden sie dagegen sehr schlecht ab. Das liegt nicht an den Kindern oder der Kultur, sondern an der Struktur der Bildung. In Schweden gibt es zum Beispiel kostenlose Kitas und Ganztagsschulen für alle. Die Studie zeigt, dass es Alternativen gibt – und dass man von anderen Ländern einiges lernen kann. 

Was sagt uns das? 

Bestimmte Phänomene, die wir hier erleben, gibt es woanders nicht. Die Schulbildung spielt eine wichtige Rolle und, ob man diskriminiert wird oder nicht. Mir fällt ein Hip-Hopper auf YouTube ein, der ein Kind fragt, woher es kommt. Das Kind im Video sagt, es komme gerade aus dem Kindergarten. Er fragt dann, ob es dort viele Ausländer gäbe. "Da gibt’s nur Kinder, keine Ausländer", war die Antwort. 

Man müsste über das Thema Migration neu nachdenken. Wir brauchen ein anderes Bild, ein anderes Wissen – und wir müssen einen neuen Umgang erzeugen. 

Man wird also nicht als Migrant geboren, sondern dazu gemacht. 

Genau. Deshalb bin ich dafür, den Begriff ganz abzuschaffen. Er ist zu negativ besetzt. Wir sollten weniger in "Wir" und "Die" einteilen. In den Sozialwissenschaften ist man sich heute einig, dass nicht Sesshaftigkeit, sondern Wanderung historisch gesehen normal ist. Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte von Migration. Wir sind alle "Mobilanten" – und haben einen "Welthintergrund".



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