Bild: Peter Endig, dpa
Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Schwangerschaftsabbruch

Im Moment wird in Deutschland wieder heftig über das Thema Abtreibung diskutiert. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Gießener Ärztin Kristina Hänel. Sie wurde im November 2017 vom Amtsgericht Gießen zu einer Strafzahlung verurteilt, weil sie auf ihrer Website angab, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. 

Die Richterin sah darin einen Verstoß gegen Paragraf 219a des Strafgesetzbuches vorliegen. Er verbietet es Ärzten, Werbung für Abtreibungen zu machen (SPIEGEL ONLINE).

Hänel weigerte sich, die Strafe zu zahlen – und will, wenn nötig, bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Durch die Debatte über ein Werbeverbot ist auch die Diskussion über Abtreibung neu entfacht.

Die wichtigsten Infos dazu beantworten wir hier:

Darf man in Deutschland abtreiben?

"Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

So steht es in Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs. Abtreibung ist somit verboten. Eine Frau, die ihre Schwangerschaft abbricht, macht sich strafbar.

Es gibt allerdings Ausnahmen, die in Paragraf 218a festgehalten werden. In den folgenden Fällen bleibt ein Schwangerschaftsabbruch straflos: 

  • Beratungsregelung: Die Betroffene hat sich mindestens drei Tage vor dem Abbruch in einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen und weist dies der Ärztin oder dem Arzt schriftlich nach. Die Abtreibung muss vor der 13. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden.
  • Kriminologische Indikation: Die Schwangerschaft kam durch eine Vergewaltigung zustande.
  • Medizinische Indikation: Auch wenn eine Ärztin oder ein Arzt bescheinigen, dass das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren bedroht sind, verzichtet der Staat auf Strafe. In diesem Fall kann eine Schwangerschaft bis zur 22. Schwangerschaftswoche abgebrochen werden.

Frauen ab dem 16. Lebensjahr dürfen über eine Abtreibung selbst entscheiden. Sind sie jünger, wird in der Regel eine Einverständniserklärung der Eltern oder eines Elternteils durch die Ärztin oder den Arzt gefordert (pro Familia). 

(Bild: dpa / Uli Deck)

Seit wann ist das so?

Den Paragrafen 218 gibt es seit 1872, den Widerstand gegen diese Regelung fast genauso lange. In der Urfassung stand, dass eine Schwangere, die "ihre Frucht abtreibt oder im Leib tötet", mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft wird. Während der Weimarer Republik wurde der Paragraf etwas abgeschwächt, das NS-Regime verschärfte ihn wieder und führte das Verbot der Werbung für Abtreibung ein (Tagesspiegel).

Bis in die 70er Jahre waren Abtreibungen strikt verboten. Dann entstand eine Protestbewegung, deren berühmtester Slogan "Mein Bauch gehört mir" lautete. Eine Titelgeschichte im  Magazin "Der Stern" im Jahr 1971 befeuerte die Debatte. Darin erklärten 374 Frauen – unter ihnen die Schauspielerinnen Senta Berger und Romy Schneider – "Wir haben abgetrieben!", und brachen damit das Schweigen über ein gesellschaftliches Tabu. 

Auch die Wiedervereinigung spielte eine wichtige Rolle für die Neuregelung des Paragrafen. In der DDR ist eine straffreie Abtreibung während der ersten drei Schwangerschaftsmonate bereits seit 1972 möglich. Man nannte das auch Fristenlösung.

Auch die BRD führte eine solche Regelung ein – diese wurde aber 1975 durch das Bundesverfassungsgericht gekippt. Kurz darauf führte der Gesetzgeber das sogenannte Indikationsmodell ein, bei dem Abtreibung zwar verboten ist, unter gewissen Voraussetzungen aber straffrei bleibt. Die aktuelle Gesetzeslage besteht seit den 90er Jahren. 

Jetzt kein Kind

Es gibt Momente im Leben, in denen wünschen wir uns ein Baby. Und es gibt Momente, da passt das nicht. Was passiert dann?

In Deutschland können Frauen unter bestimmten Voraussetzungen abtreiben. Was dabei passiert, wie das geregelt ist und warum dieses Recht nicht selbstverständlich ist, darum geht es in dieser Reihe. Schreib uns hier, wenn du eine Frage hast, die in unseren Beiträgen unbeantwortet bleibt.

Frauen protestieren vor dem Amtsgericht in Gießen für eine Abschaffung des Paragrafen 219a.(Bild: Boris Rössler/dpa)

Was passiert in der Schwangerschaftskonfliktberatung?

In der Beratung können Frauen über die Gründe ihres Abbruchwunsches sprechen, müssen es aber nicht. Sie sollen vor allem informiert werden: über die Rechtsgrundlage, staatliche und andere Sozialleistungen und Unterstützungen wie Eltern-, Kinder- oder Wohngeld. Sie erfahren auch Details über den medizinischen Vorgang einer Abtreibung und die Kosten, die möglicherweise auf sie zukommen. 

Die Beratung kann nur von einer staatlich anerkannten Stelle vorgenommen werden, zum Beispiel von Vereinen wie Pro Familia oder Donum vitae. Alle Beratungsstellen sind bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aufgelistet.

Wichtig zu wissen: Zwischen der Beratung und dem medizinischem Eingriff muss es einen zeitlichen Abstand von mindestens 72 Stunden (drei Tage) geben, in denen die Frau über ihre Entscheidung nachdenken kann. 

(Bild: Jerry Lai/ flickr.com )

Wie viele Schwangerschaftsabbrüche gibt es in Deutschland?

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Abtreibungen in Deutschland gesunken – und stieg von 2016 auf 2017 wieder leicht an. Im vergangenen Jahr wurden 101.209 Fälle gezählt. Das entspricht einem Zuwachs von 2,5 Prozent (Statistisches Bundesamt).

Zum Vergleich: Die Zahl der Geburten im selben Jahr lag bei 792.131 (Statistisches Bundesamt II).

Es sind vor allem junge Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Im vergangenen Jahr waren knapp drei Viertel (72%)  zwischen 18 und 34 Jahre alt (Statistisches Bundesamt). 

Nur etwa vier Prozent entfielen dabei auf kriminologische oder medizinische Indikationen. Bei etwa 95.000 Fällen handelte es sich also um Frauen, die über die Beratungsregelung abtreiben ließen. 

Eine Fruchtblase in der siebten Schwangerschaftswoche, aufgenommen nach einem Schwangerschaftsabbruch.(Bild: dpa / Verena Deutschmeyer/Kristina Hel)

Was genau passiert bei einer Abtreibung?

Es gibt drei medizinisch anerkannte Methoden für einen Schwangerschaftsabbruch, die sich vor allem danach richten, wie weit die Schwangerschaft bereits fortgeschritten ist.

  • Die Absaugung ist die häufigste Methode für Abtreibungen in Deutschland und kann bis zur zwölften Woche durchgeführt werden. Dabei führt die Ärztin oder der Arzt einen flexiblen Plastikschlauch in die Gebärmutter ein, der mit einer Saugpumpe verbunden ist. Durch einen starken Sog wird der Embryo mitsamt Plazenta (Mutterkuchen) abgesaugt. Der Eingriff dauert etwa fünf bis zehn Minuten. 
  • Die Ausschabung wird vor allem dann vorgenommen, wenn die Absaugung nicht erfolgreich war. Dabei wird der Embryo mitsamt der Plazenta mit einer Curette – einem stumpfen Schabinstrument – von der Gebärmutter abgelöst und ausgeschabt. Auch nach Geburten oder Fehlgeburten muss die Gebärmutter manchmal ausgeschabt werden. 
  • Eine Abtreibung kann auch medikamentös durchgeführt werden. Dabei nimmt die Frau unter medizinischer Aufsicht ein Medikament ein, das die Wirkung des Hormons Progesteron blockieren soll, welches für die Erhaltung der Schwangerschaft nötig ist. Fehlt dieses Hormon, stößt der Körper den Embryo nach einigen Tagen aus. Passiert das nicht, muss die Betroffene einige Tage später die Ausstoßung zusätzlich durch die Einnahme zusätzlicher Hormone einleiten (SPIEGEL ONLINE).

Übernimmt das die Krankenkasse?

Besteht kein klarer Grund für die Abtreibung (wie etwa ein medizinisches Risiko für die Schwangere oder eine vorausgegangene Vergewaltigung), muss die Betroffene die Abtreibung selbst zahlen. Der Eingriff kostet zwischen 200 und 570 Euro. Die ärztliche Beratung und Behandlung nach dem Eingriff werden von der Krankenkasse übernommen (pro Familia). 

Wie ist die Situation in der EU und weltweit?

Die grosse Mehrzahl der Länder auf der Welt erlauben Abtreibung unter bestimmten Voraussetzungen. 

(Bild: statista)

Die einzigen europäischen Länder, die Abtreibung sehr restriktiv regeln, sind Andorra, Malta, San Marino, Monaco, Liechtenstein und Polen (Bundeszentrale für politische Bildung).

Bis vor kurzem gehörte auch Irland dazu, wo das Abtreibungsverbot sogar in der Verfassung stand. Im Mai stimmte die Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum für eine Verfassungsänderung (bento).


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