"Die Vorlesung zum Schwangerschaftsabbruch war genauso wie eine zur Blinddarmentfernung"

Leonie, 23, studiert im achten Semester Medizin an der Berliner Charité. Für das Modul Gynäkologie ist sie aber nach Schweden gegangen. Denn Leonie wollte etwas lernen, was ihre Uni den Studierenden lieber nicht beibringt: wie man eine Schwangerschaft beendet.

Lange durften Ärztinnen und Ärzte nicht einmal darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Der umstrittene Werbeparagraph wurde gerade abgemildert, das Urteil gegen die Ärztin Kristina Hänel gekippt. (SPIEGEL ONLINE)

Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland

Nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs ist Abtreibung in Deutschland verboten. Es gibt aber Fälle, in denen sie straffrei ist: Vor der 13. Schwangerschaftswoche (nach einem Beratungsgespräch in einer staatlich anerkannten Stelle) sowie nach einer Vergewaltigung oder wenn die Gesundheit der Schwangeren bedroht ist.

Nach monatelangen Debatten hatte sich die Große Koalition im Februar auf eine Reform des umstrittenen Paragraphen 219a geeinigt. Ärztinnen und Ärzte dürfen auf ihrer Internetseite darüber informieren, dass sie Abtreibungen vornehmen – zu den Methoden dürfen sie aber weiter keine Angaben machen.

2018 haben knapp 101.000 Frauen in Deutschland eine Schwangerschaft beendet, fast alle Abtreibungen erfolgten innerhalb der ersten zwölf Wochen.

Medizinstudentin Leonie ist Teil der Gruppe "Medical Students for Choice Berlin" (MSFC), die Abtreibungen enttabuisieren will. Sie organisieren regelmäßig Workshops, bei denen sich Studierende die Schwangerschaftsabbrüche selbst beibringen – an Papayas. (bento)

bento hat mit Leonie darüber gesprochen, wie es ist, wenn Schwangerschaftsabbrüche ein ganz normaler Teil des Medizinstudiums sind – inklusive Praktikum auf der schwedischen Abtreibungsstation.

bento: Du bist nach Schweden gegangen, um dir Abtreibungen beibringen zu lassen?

Leonie: Ich wusste, ich wollte in Schweden studieren und habe überlegt, was ich mir gut anrechnen lassen kann. Vor allem aber wollte ich die Erfahrung sammeln, wie das Fach Gynäkologie und speziell der Schwangerschaftsabbruch in einem anderen Land gelehrt wird. Ich habe das Modul Gynäkologie, das jeder Medizin-Student belegen muss, komplett dort besucht.

Was ist das Problem an deiner Berliner Uni?

Der Schwangerschaftabbruch ist in Deutschland oft gar nicht im Medizinstudium vorgesehen. An der Charité gab es lange nur ein Seminar zur Pränataldiagnostik, in dem der Schwangerschaftsabbruch maximal für zehn Minuten zur Sprache kam. Seit einem Semester gibt es jetzt ein Seminar, nachdem die MSFC dafür gekämpft hatten. Aber da geht es weiterhin nur um die politischen, ethischen und psychologischen Aspekte – nicht ums Medizinische.

Wie lief das in Schweden ab?

Im Gynäkologiemodul gab es zwei Wochen theoretischen Input und danach waren wir sechs Wochen auf Station. In der zweistündigen Vorlesung zum Schwangerschaftsabbruch ging es unter anderem um solche Fragen: Welche Methoden gibt es? Welche Medikamente werden für die medikamentöse Methode verwendet? Was für Nebenwirkungen und Konsequenzen gibt es? Wie können wir die Betroffenen physisch und psychisch unterstützen?

Ohne Emotionen?

Es war sehr sachlich und direkt. Beim chirurgischen Teil wurde dargestellt, wie der Ablauf ist. Wie bei anderen Operationen auch. Die Vorlesung zum Schwangerschaftsabbruch verlief genauso wie beispielsweise eine zur Blinddarmentfernung. Und das kritisieren ja auch die "Medical students for Choice Berlin". Beim Schwangerschaftsabbruch wird eine Ausnahme gemacht und so getan, als sei das ganz was anderes. Dabei ist das ein normaler Eingriff. Es ist sogar einer der sichersten Eingriffe der Gynäkologie.

Die Lehre zum Schwangerschaftsabbruch sollte beides beinhalten: sachliche Information und Aufklärung darüber, dass bei diesem Eingriff mehr psychische Unterstützung notwendig ist als vielleicht bei anderen.

Wie haben die Studierenden reagiert – auch nicht emotional?

Ich war tatsächlich überrascht, dass Dozierende und Studierende so sachlich darüber geredet haben. In Deutschland ist die Diskussion immer sehr emotional aufgeheizt. Später im Seminar wurden noch einmal Referate über verschiedene gynäkologische Eingriffe gehalten, um den Input zu wiederholen. Ich hatte – zufällig – den Schwangerschaftsabbruch. Und ich habe es mir nicht nehmen lassen, über das deutsche System zu reden. Mich hat interessiert wie da die Reaktionen sind.

Wie waren die?

Sie waren richtig schockiert. Nach der Veranstaltung kamen ein paar Kommilitonen auf mich zu und fragten: Falls ich später in Deutschland arbeite, darf ich wirklich nicht sagen, dass ich auch Schwangerschaftsabbrüche durchführe? Ob ich Angst davor hätte? Und viele konnten nicht glauben, dass ich das an meiner Uni nicht lerne.

War Schwangerschaftsabbruch eine Pflichtveranstaltung an deiner schwedischen Uni?

Ja, innerhalb des Gynäkologiemoduls ist das Pflicht.

Kann man sagen: Meine Religion spricht dagegen, ich gehe nicht hin?

Es gab keine Anwesenheitsliste. Man hätte also fernbleiben können. Ich habe nicht mitbekommen, dass jemand aus diesem Grund nicht dabei war. Ich will jetzt nicht sagen, dass alle Medizinstudierenden da komplett dahinterstanden. Das Stigma, Abtreibungen seien verwerflich, existiert auch dort noch.

Danach hast du auf der Abtreibungsstation gearbeitet. Wie hast du das erlebt?

Ich war einer Ärztin zugeteilt, bin mit ihr mitgelaufen und habe die Beratungsgespräche erlebt, meist Erstgespräche. Manche wussten ganz genau: Ich will eine Abtreibung. Andere Frauen waren nicht so sicher, aber wollten die Optionen offen dargelegt bekommen. Die Gespräche waren also sehr unterschiedlich, auch die Stimmung.

Manche haben geweint, weil sie mit der Belastung nicht klarkamen, Schuldgefühle hatten und es ihrem Partner, der Partnerin oder Familie nicht sagen konnten. Und natürlich gab es auch welche, die schon eine Abtreibung hatten, das Prozedere kannten und aufgeklärt waren. Es gab aber kein einziges Gespräch, das leichtfertig war.

Haben die Frauen sich vorher online informiert?

Ein Großteil war zum Teil informiert, ja. Es gibt ja auch Informationen auf der Seite der Abtreibungsstation. Da kann man schon mal nachlesen: Was sind meine Optionen? Und die Station wird sogar auf dem Instagram-Auftritt der Klinik vorgestellt.

In Deutschland beraten Stellen wie Pro Familia Frauen, die abtreiben wollen. Können die nicht eine bessere Hilfe sein als gestresste Ärztinnen und Ärzte?

Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass die Schwangeren in Schweden schlechter beraten waren. Aber die Ärztinnen und Ärzte haben auch Zeit bekommen: Die Gespräche dauerten 45-60 Minuten. Erst durften die Schwangeren erzählen, dann wurden die Optionen aufgezeigt. Es ging auch darum, was es bedeuten würde, das Kind zu behalten. Dann wurde zum Teil ganz direkt gefragt: Wie sollen wir jetzt weitermachen? Es gibt dabei viel Selbstbestimmung. Das steht in Schweden auch so im Gesetz: Den Frauen darf niemand reinreden. Bis zur 18. Schwangerschaftwoche entscheiden sie komplett selbstständig.

Aber das ist ja nicht nur eine medizinische Entscheidung.

Wenn die Frauen soziale oder finanzielle Sorgen hatten, wurde das auch angesprochen. Und immer haben die Schwangeren eine Visitenkarte oder Telefonnummer einer Sozialarbeiterin oder eines Sozialarbeiters und eines Psychologen oder einer Psychologin bekommen.

Warst du in Schweden auch bei einer Abtreibung dabei?

Nein, ist aber auch nicht verwunderlich. Der Großteil der Abtreibungen wird ja medikamentös gemacht und kann bis zur neunten Schwangerschaftswoche zu Hause durchgeführt werden.

Eine Absaugung hast du also noch nie miterlebt?

Nein, noch nicht.

Willst du denn Gynäkologin werden?

Ich finde die Fachrichtung spannend. Aber unabhängig davon könnte ich mir vorstellen, Abtreibungen durchzuführen. Kristina Hänel ist ja auch Allgemeinmedizinerin.

Aber dazu müsstest du ja mal bei einer dabeigewesen sein?

Ja. Das wäre etwas, was ich dann nach dem Studium mal eigenständig organisieren muss.


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