Bild: Julian Stratenschulte/dpa
Wir haben mit der jungen Frau gesprochen.

Ihr Englisch ist nicht so gut. Dennoch sucht Leïla am Telefon nach den richtigen Worten, will unbedingt ihre Geschichte erzählen. Sie fühle sich sehr schlecht, sagt sie. Die Beine würden schmerzen, der Rücken, die Hände. Zu ihrem Schutz ist ihr Name geändert.

Leïla ist 25 Jahre alt und kommt aus Togo. Im November floh sie nach Deutschland, noch am Flughafen München wurde ihr Asyl aberkannt. Seitdem saß sie in einer sogenannten Zurückweisungshaft, obwohl das in der Regel nur für wenige Tage gestattet ist.

Nun soll Leïla abgeschoben werden – für sie wird eigens ein ganzes Flugzeug gechartert.

Am Telefon erzählt sie bento ihre Geschichte. Noch am Dienstag rief sie aus der Haftanstalt im bayerischen Eichstätt an. Täglich durfte sie dort 30 Minuten lang telefonieren. Am Mittwoch kommt sie plötzlich frei, bis zu ihrem Abschiebeflug soll sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung. 

Mitten in der Coronokrise soll ein Flugzeug eine einzige Frau nach Togo ausfliegen

Es ist kein Abschiebeflug, wie ihn andere abgelehnte Asylbewerber vor ihr erlebten. Drei Mal sollte sie bereits abgeschoben werden, drei Mal wurde der Flug verschoben. Einmal habe sie sich gewehrt, heißt es von der Bundespolizei. Zwei mal hätten "organisatorische Gründe" dahintergesteckt. Nun plant die Bundespolizei den vierten Anlauf ausgerechnet für Anfang Mai – zu einem Zeitpunkt, an dem aufgrund der Coronakrise die Welt stillsteht.

Für Leïla wird eine eigene Maschine gechartert, sagt ihr Anwalt Peter Fahlbusch zu bento. Außerdem solle der derzeit geschlossene Flughafen in Lomé eigens geöffnet werden. Der NDR hatte zuerst über den Fall berichtet, demnach soll die junge Frau nach der Landung zudem in eine zweiwöchige Quarantäne, ein Hotel wird eigens dafür gemietet. Peter Fahlbusch schätzt, dass die Exklusivabschiebung um die 100.000 Euro kosten wird:

„Dieser Flug ist der reinste Abschiebewahnsinn.“
Peter Fahlbusch

Der Jurist kann nicht verstehen, wieso Deutschland so bereitwillig für nur einen Flug "Ressourcen verballert", sich aber gleichzeitig schwertut, Gelder bereitzustellen, um Kinder aus dem Lager Moria einzufliegen. Dort, auf der griechischen Insel Lesbos, sind derzeit 20.000 Menschen unter widrigen Umständen zusammengepfercht. Deutsche Politiker haben nach einer längeren Debatte zugestimmt, zumindest 50 Kinder von dort zu retten (Tagesschau).

Für Leïla sieht es nicht so gut aus. Sie harrte erst fünf Monate lang in Eichstätt in der Zurückweisungshaft, nun kommen knapp vier Wochen in einer anderen Unterkunft hinzu. Sie kann sich nicht erklären, warum für sie eine eigene Maschine gechartert wird, warum es so lange nicht ging – aber plötzlich jetzt mitten im Corona-Halt sein muss. Nach einer kurzen Pause sagt sie über die Bundespolizei: 

„Vielleicht sind sie so, weil ich Afrikanerin bin.“
Geflüchtete Leïla

Die Bundespolizei selbst begründete gegenüber dem NDR die harte Maßnahme mit dem gescheiterten ersten Abschiebeflug. Damals hätte sich Leïla gewehrt, man musste abbrechen. Leïla selbst behauptet am Telefon, dass sie sich nicht körperlich gewehrt hat und es auch beim nächsten Versuch nicht vorhabe. "Es ist doch die Polizei", sagt sie, "die kann ich nicht bekämpfen". Sie wolle sich lediglich mit Worten wehren.

Dass abgelehnte Asylbewerber ausgeflogen werden, ist nicht unüblich. Doch der Fall von Leïla ist in seiner Art beinahe einzigartig. Für gewöhnlich werden die Abgelehnten zwischen begleitende Polizisten in bestehende Linienflüge oder in großer Zahl in eigens gecharterte Maschinen für sogenannte Sammelabschiebungen gesetzt. Eine ganze Maschine für eine Person? Gibt es wenn, dann eigentlich nur für Schwerkriminelle wie zuletzt im November für den Clan-Chef Ibrahim Miri (SPIEGEL). 

An Leïla sei aber nichts kriminell, sagt Jana Jergl von Amnesty International. Weder sie noch ihr Anwalt Peter Fahlbusch können sich erklären, warum die junge Frau wie ein Clan-Chef behandelt wird. Das zuständige Staatsministerium des Inneren in München will sich zu Leïlas Fall auf Nachfrage nicht äußern.

Sie hatte bei der Ankunft falsche Papiere, sagt Anwalt Peter Fahlbusch – aber das hätten viele andere auch, die anders nicht aus ihrem Land fliehen können. Verfolgte hätten oft keine andere Möglichkeit, als unter falscher Identität zu fliehen. 

Auch Betreuerin Jana kann das Urteil nicht verstehen:

„Ich kenne Leïla als aufrichtige, in sich ruhende Frau.“
Betreuerin Jana Jergl

Jana betreut für Amnesty International geflüchtete Frauen in der Abschiebehaft am Standort Eichstätt – also dort, wo derzeit Leïla auf ihre Abschiebung wartet. Die 21-Jährige berät die Frauen in Rechtsfragen, organisiert psychologische Betreuung und hört vor allem zu. "Viele Frauen hier haben Traumata", sagt Jana, "die Fälle lassen mich auch in meiner Freizeit nicht los".

Betreuerin Jana Jergl vor der Haftanstalt Eichstätt: "Die Fälle lassen mich nicht los."

(Bild: Jana Jergl)

In Eichstätt gibt es knapp 100 Plätze, doch die wenigsten sind derzeit belegt. Aufgrund der Coronakrise wurde für viele Männer und Frauen die Abschiebung ausgesetzt, sie wurden in Asylunterkünfte gebracht. Dass Leïla als eine von fünf Personen trotz der Coronakrise weiterhin dort ausharren muss, findet Jana nicht richtig.

Leïlas Mann ist tot, er war Oppositionspolitiker

Leïla sei bereits 2017 aus Togo ins benachbarte Ghana geflohen. Ihr Mann sei damals ermordet worden. Als sie später nach Togo zurück wollte, fühlte sie sich noch immer unsicher, besorgte sich falsche Papiere – und kam so schließlich mit dem Flieger nach Deutschland. So habe es die Togoerin Jana in ihren Gesprächen erzählt.

Auch am Telefon erzählt Leïla diese Geschichte. "Mein Mann starb wegen seiner Politik", sagt sie. Er habe sich für eine sozialistische Oppositionspartei engagiert. "Wenn ich zurückkomme, schnappen sie mich", sagt Leïla.

Togo wurde nach einem Militärputsch 38 Jahre lang vom Diktator Eyadéma Gnassingbé regiert, nach dessen Tod 2005 übernahm sein Sohn Faure. Als Demonstrierende im Sommer 2017 für eine Amtsbeschränkung demonstrierten, ging das Militär brutal gegen sie vor, zu dieser Zeit flüchteten viele wie Leïla nach Ghana. Proteste und freie Meinungsäußerung werden seither unterdrückt. (Africa Portal)

Leïlas Asylgesuch wurde dennoch abgewiesen, dabei gilt Togo nicht als sicherer Herkunftsstaat (Welt). Da sie mit gefälschen Papieren einreiste, wurde ihr Gesuch direkt am Flughafen verhandelt, in einem sogenannten Flughafenasylverfahren. 

Bei ihrer Ankunft in Deutschland hatte Leïla keinen Anwalt

Die Verfahren sind umstritten. Viele Ankommende haben keinen Rechtsbeistand – auch Leïla hatte zunächst keinen Anwalt. Die Entscheidung über das Asyl fällt im Eiltempo, der Einspruch bei einer Ablehnung muss innerhalb von drei Tagen erfolgen. Leïla hatte nicht widersprochen, ihre Abschiebung ist bestandskräftig. Es ist unklar, ob sie verstanden hat, was passierte.

"Solche Flughafenverfahren sind unfair, ankommende Schutzsuchende haben da kaum eine Chance", sagt Peter Fahlbusch, der Leïla erst später als Anwalt betreute.

„Dass in so einem Verfahren ein Asylgesuch anerkannt wird, passiert einmal in 100 Jahren.“
Peter Fahlbusch

Peter Fahlbusch hofft trotzdem, die Rückführung verhindern zu können. Zum einen sei die Haft rechtswidrig gewesen, weil die Behörden sie unnötig in die Länge gezogen hätten. Eigentlich bleiben Abgelehnte aus einem Flughafenverfahren auf dem Flughafengelände wenige Tage in Zurückweisungshaft – sie werden nicht extra in eine richtige Abschiebehaft verlegt.

Zum anderen hält Peter Fahlbusch für unklar, ob die Abschiebung formal stattfinden darf. Bisher habe ihm die Bundespolizei keine gültigen Papiere vorlegen können: "Die sollen mir erst mal belegen, dass sie eine Landeerlaubnis in Togo haben." Die Rückführungspapiere, die Togo ursprünglich ausgestellt hatte, seien Ende März abgelaufen. Gleichzeitig hat die Togoer Botschaft in Berlin derzeit aufgrund der Coronakrise geschlossen.

Mit der Entlassung aus der Haft am Mittwoch gibt das Landgericht Ingolstadt dem Anwalt nun ein bisschen recht. Im Rechtsbeschluss, der bento vorliegt, argumentieren die Richter, es existierte "kein gültiger Heimreiseschein" für die Togoerin, außerdem habe "die weltweite und unkontrollierte Ausbreitung des Corona-Virus zur Absage von Flugbewegungen geführt". Wie – und wann – sich da auch mit einem Einzelcharter ein Abschiebeflug organisieren lasse, sei unklar. 

Das Innenministerium schweigt zur Exklusivabschiebung

Das zuständige Staatsministerium des Inneren in München möchte den Fall auf Anfrage von bento nicht kommentieren, "um die entsprechenden Maßnahmen nicht zu gefährden". Auch das Bundesinnenministerium will sich zum Fall nicht äußern. Eine Sprecherin antwortet jedoch, dass es bei Rückführungsmaßnahmen allgemein derzeit zu "Einschränkungen" kommen kann. Man müsse daher "sehr dynamisch" handeln.

Faktisch sind Abschiebungen kaum noch möglich – weil die Grenzen geschlossen wurden oder es keine Flugverbindungen mehr gibt. Oder weil Länder spezielle Quarantäne-Regeln auferlegt haben, die es Begleitbeamten unmöglich machen, einzureisen.

Auch im Fall von Togo dürfen die Beamten nicht einreisen. Ob sie auf dem Rollfeld in Lomé ihre Ruhezeiten einhalten dürfen oder ein zweites Team von Pilotinnen und Beamten mitfliegt, um den Rückflug übernehmen zu können, bleibt unklar. 

Anwalt Peter Fahlbusch hält das ganze Prozedere für unnötig – und medizinisch fragwürdig: 

„Beamten und Ärzte, die hier in der Coronakrise dringend gebraucht werden, begleiten eine Frau in ein Land, das kaum ausreichend ausgerüstet ist, um eine Corona-Pandemie abzufedern.“
Peter Fahlbusch

Falls die Abschiebung ein Exempel sein soll, falls "Seehofer Zähne zeigen will", hält es der Jurist für verfehlt: "Für Menschen in echter Not ändert sich nichts, nur weil ihnen jemand sagt, dass sie eventuell mit einem Privatflugzeug wieder heimgeflogen werden."

Über ihre Freilassung sei sie sehr glücklich und erleichtert, lässt Leila am Tag nach der Entscheidung über ihre Betreuerin Jana ausrichten. Sie ist nun in einer Erstaufnahmeeinrichtung in München. Doch die Abschiebung in gut einem Monat droht weiterhin. Wenn der Flug stattfindet, wird sie in Togo auf sich allein gestellt sein. Nicht nur ihr Mann ist tot, auch ihre Eltern leben nicht mehr. "Ich habe keine Familie mehr", sagt sie. 

Es gebe nur noch einen Onkel. Er lebt in Deutschland.


Fühlen

Erste Küsse, erste Liebe: Wie es sich anfühlt, queer aufzuwachsen

Klassenfahrt – für viele bedeutet das: Erste romantische, vielleicht sogar sexuelle, Erlebnisse und viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Für mich waren diese Klassenfahrten grausam. Das lag mit daran, dass ich stark übergewichtig war, wenig Freunde hatte. Aber auch daran, dass mir diese erste Liebe in der Jugend verwehrt war – denn ich bin queer.

In Filmen, Büchern oder Serien wird "die Jugend" häufig als Zeit der ersten Liebe und der ersten Erfahrungen dargestellt. Als Strudel aus Gefühlen und Erfahrungen – und die Freundinnen und Freunde sind die Zeugen dieser Zeit, mit ihnen vergleicht man sich, tauscht sich aus, macht aus den ersten intimen Momenten eine Erzählung, die oft bis ins Erwachsenenalter Teile der Identität bestimmt. Doch für viele Menschen ist es auch die Zeit, in der sie zum ersten Mal an sich selbst zweifeln oder Ausgrenzung erfahren. Sie wachsen anders auf, machen andere oder keine körperlichen und gefühligen Erfahrungen.