Bild: Samuel Zuder
Abdul Abbasi wird of eingeladen, um zu erklären, wie "die Syrer" so ticken. Wie geht es ihm damit?

Mehr als 800.000 Syrerinnen und Syrer leben in Deutschland. Und wenn in Talkshows, im Radio oder auf irgendeinem Podium mal wieder erklärt werden soll, wie "die Syrer" so ticken, wird oft Abdul Abbasi eingeladen.

Der 25-Jährige ist das funkelnde Beispiel perfekter Integration: Geboren in den Vereinigten Arabischen Emiraten, als Jugendlicher aus Aleppo geflohen – heute studiert er Zahnmedizin in Göttingen.

Er macht interkulturelle YouTube-Videos, sozialkritisches Theater und hat über seine Integration sogar ein Buch geschrieben: "Eingedeutscht". Aber so langsam hat Abdul die Nase voll von der Integrationsdebatte.

Mit bento hat Abdul Abbasi darüber gesprochen, warum ihn Kirchtürme so nerven – und wie es sich anfühlt, für einen Terroristen gehalten zu werden.

bento: Du hast gerade ein Theaterstück mit einem ziemlich radikalen Titel geschrieben: "Bombe".

Abdul: Ja, das Wort beschreibt für mich die Beziehung zwischen Geflüchteten und Deutschland.

bento: Bitte?

Abdul: Weil diese Beziehung in den vergangenen Jahren ihre bombastischen Momente erlebt hat. Aber auch welche, die nach hinten losgingen. Außerdem habe ich eine Geschichte erlebt: Ich hoffe, du glaubst mir die, ist wirklich wahr.

bento: Erzähl.

Abdul: Es war am Anfang meines Studiums, meine Freunde an der Uni wussten, dass ich aus Syrien komme. Dann gab es immer diesen Witz: "Wow, Abdul, großer Rucksack. Hast du eine Bombe dabei?"

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Fandest du das witzig?

Abdul: Nee. Aber ich war ganz neu im Land, fing mit dem Studium an und wollte nicht gleich Stress machen. Also meinte ich: Haha, witzig. Und irgendwann wollte ich den Witz auch mal machen. In unserer Zahnmediziner-Whatsappgruppe gab es manchmal verirrte Nachrichten. Kennst du bestimmt: Leute schreiben was. Und kurz später: Oh, sorry, falsche Gruppe.

bento: Ja. Und dann?

Abdul: Ich schrieb: Hey, ich bombardiere morgen das Klinikum – Oh sorry, falsche Gruppe. Ein blöder Witz. Aber die Leute in der Gruppe haben gelacht, gesagt: Abdul, du wieder. Am nächsten Tag war ich im Gefängnis – eine Person hatte mich angezeigt. Es kamen vier Polizei-Autos, um den Bombenleger zu stellen. Die haben meinen riesigen Rucksack mit Büchern gesehen und gesagt: Bitte lassen Sie den fallen. Und haben mich festgenommen.

bento: Hattest du Angst?

Abdul: Die größte Angst war, dass ich meinen Studienplatz verliere. Ich musste mit meiner Familie 2012 aus Syrien flüchten. Dann kam ich nach Ägypten: Da durfte ich nicht studieren. Dann nach Libyen: Dort auch nicht. Dann in die Türkei: Da durfte ich studieren – aber nicht legal arbeiten. Es war eine lange Reise.

bento: Wie ging es aus?

Abdul: Mein Kommilitone kam um zwei Uhr morgens zur Polizei und hat denen erklärt, dass alles ein Witz war. Meinen Laptop haben sie noch eine Woche dabehalten und durchsucht. 

bento: Du hast immerhin nicht nur keinen Terroranschlag geplant – sondern sogar mal einen verhindert, indem du 2016 einen Fahndungsaufruf ins Arabische übersetzt hast. Daraufhin übergaben drei Syrer einen Terrorverdächtigen der Polizei. (Deutschlandfunk) Machen dich die Vorurteile deiner Kommilitonen da nicht wütend?

Abdul: Nein. Ich verstehe die Menschen sogar. Ich war auch ein Mensch mit vielen Vorurteilen. Ich war – und da bin ich gar nicht stolz drauf – homophob. Ich hab dann in einer WG gewohnt und meine Mitbewohnerin war lesbisch. Das war ein Prozess, an mir zu arbeiten und herauszufinden, dass das Schwachsinn ist.

bento: Durch Begegnung also? Was ist mit Menschen, die beispielsweise in der Provinz wohnen und keine Berührungspunkte mit Geflüchteten haben. Werden die ihre Vorurteile los?

Abdul: Ich habe mit einem Freund ein Buch über Vorurteile geschrieben. Zu den Lesungen kamen aber nur Menschen, die sowieso an Vielfalt glauben. Das ist ein Problem. Aber wenn man versucht, zu den anderen zu gehen, mit denen über Fakten zu sprechen – und das habe ich – reagieren die aggressiv. Ich glaube, die müssen sich selbst retten und aus dieser Blase holen.

bento: Warum hast du das Buch dann geschrieben?

Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich nicht mehr damit einverstanden bin, wenn sie für mich sprechen. Egal, ob gut oder schlecht.

bento: Auch die gutmeinenden Linken?

Abdul: Auf jeden Fall. Es ist schön, wenn die sich für Menschenrechte einsetzen. Aber ich habe manchmal das Gefühl: Die diskutieren unter sich und ich schaue nur zu. Guck dir Talkshows an. Oder Integrationskonferenzen: Da sind fast nur Deutsche eingeladen – und manchmal ich.

bento: Was sagst du denn zu aktuellen Debatten? Zum Beispiel zur Frage, ob die Nationalität von Straftätern genannt werden sollte.

Abdul: Ich verstehe nicht, wie mir das als Leser hilft. Wenn ein Urdeutscher den Edeka beklaut hat, warum ist das anders, als wenn es ein Syrer ist? Das macht nur Sinn, wenn ich sowieso schon annehme, die Syrer seien krimineller als andere. Es gibt ja keine syrischen Gene, die eine Persönlichkeit prägen.

bento: Aber Kultur! Die prägt doch?

Abdul: Du kannst zehn Syrer in einem Zimmer haben und jeder hat eine andere Kultur. Man sagt immer, die jungen Araber haben so ein schlechtes Frauenbild. Als ich hier an der Uni ankam, meinten meine Kommilitonen: Die da krieg ich auf jeden Fall heute Abend. Sowas habe ich auf Deutsch und Arabisch gehört. Die Nation ist doch weniger wichtig als die Umgebung in der jemand aufgewachsen ist. Egal wo.

bento: Was muss sich tun, damit Integration besser gelingt?

Abdul: Ich bin kein Fan vom Wort Integration. Man spricht immer über Geflüchtete als homogene Gruppe, dabei gibt es da ganz unterschiedliche Ideologien. Ich bin eher Fan von Inklusion.

bento: Kann man jeden inkludieren? In der aktuellen Islamdebatte lautet eine gängige Position: Islam gehört zu Deutschland – aber nur wenn er liberal ist.

Abdul: Sehe ich auch so. Religion sollte nicht politisch sein, weder Christentum, noch Judentum, noch Islam.

bento: So einfach ist es ja nicht. Die CDU regiert Deutschland und wir haben eine Kirchensteuer.

Abdul: Damit bin ich auch nicht einverstanden. Ich finde es nicht okay, dass die Kirche neben meinem Haus mich alle 15 Minuten an die Zeit erinnert. Müsste sie auch nicht: Ich kann ja auch auf mein Handy gucken. Wenn wir wollen, dass Menschen das Gefühl haben, sie gehören zu Deutschland, müssen wir das Deutschsein von Religion und ethnischer Zugehörigkeit befreien. Deutschsein heißt nicht: christlich und weiß.

bento: Und was heißt Deutschsein dann?

Das ist für mich nicht an eine Hautfarbe oder an bestimmte Gewohnheiten gebunden. Vielmehr ist es ein subjektives Gefühl von Vertrauen und Sicherheit, was nun mal örtlich an dieses Land gebunden ist. Diesen Sommer war ich mit meiner Freundin in Portugal im Urlaub. Es war super schön, warm, leckeres Essen - eine tolle Zeit. Wir waren jeden Tag am Meer! Trotzdem haben wir uns am Ende so darauf gefreut zurück nach Deutschland zu kommen. Es ist dieses Gefühl, das sich bei mir in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Dieses Gefühl, dass ich Deutschland als Zuhause sehe und mich trotz der Kälte und den Verspätungen der Deutschen Bahn riesig freue wiederzukommen.

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