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Fast die Hälfte aller Wähler unter 30 stimmte für die Partei eines Clowns.

Niemand weiß, wer Italien regieren wird. Das gilt auch Tage nach der Wahl noch. Zu unklar sind die Mehrheitsverhältnisse im neuen Parlament. 

Aber eines ist klar: Die Italiener haben Populisten an die Macht gewählt, die gegen die Europäische Union und Einwanderer stänkern. 

Die Establishment-Parteien haben verloren, besonders die des bisherigen Premier-Ministers Matteo Renzi. Das liegt auch an den jungen Italienern. Fast die Hälfte der Wähler unter 30 hat die sogenannte 5-Sterne-Bewegung gewählt, nur 15 Prozent wollten Renzi behalten. Auch der 81-Jährige Silvio Berlusconi und die rechtsradikale Lega spielten bei den Jungen kaum eine Rolle.

Die 5-Sterne-Bewegung wird nun zusammen mit der fremdenfeindlichen Lega entscheiden, wie es in Italien weitergeht. Was ist das für eine Partei?

1. Ein Clown hat sie gegründet

(Bild: Getty Images/Antonio Melita)

Als der Komiker Beppe Grillo vor knapp zehn Jahren durchs Land zog, wetterte er gegen korrupte Politiker und machte sich über sie lustig. Dann erfand er die 5-Sterne-Bewegung, mit der er Frust und Zorn der Hoffnungslosen entfesselte. Die Partei entstand als basisdemokratische Bewegung, mittlerweile ist klar, dass vor allem das zählt, was Grillo und seine Gefährten wollen. 

2. Sie konnte wohl nur so stark werden, weil junge Italiener kaum Chancen haben

(Bild: Getty Images/Christopher Furlong)

Arbeitsplätze – das war das wichtigste Thema für Erstwähler. 

Seit Jahren liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 30 Prozent (FAZ); neun von zehn Italienern halten Auswandern eher für eine Notwendigkeit als eine freiwillige Entscheidung (Zeit Campus); selbst die Italiener mit einem Job verspüren keine Sicherheit. Ihre Verträge sind oft befristet, die Bezahlung sehr schlecht. (The Atlantic)

Die etablierten Parteien haben daran nicht viel ändern können, jetzt haben die jungen Italiener die Populisten gewählt. Die wollen ihre Wahlversprechen unter anderem damit bezahlen, dass sie die Korruption härter bekämpfen. Das ist ein schöner Gedanke, ob das klappt, ist aber unklar.

3. Ein 31-Jähriger ist der neue Anführer

(Bild: Getty Images/Franco Origlia)

Luigi Di Maio schlug sich vor seiner politischen Karriere mit Aushilfsjobs durch. Er kann also zumindest nachvollziehen, was die vielen jungen arbeitslosen Italiener empfinden.

Nur einmal sorgte er außerhalb Italiens für Aufsehen: Bei einer Volksabstimmung würde er für einen Austritt aus dem Euro stimmen, sagte er. Die Einschätzung korrigierte Di Maio aber schnell wieder.

Optisch sticht Di Maio aus der Partei heraus. Er kommt aus einem rechten Elternhaus, trägt feine Anzüge. Viele andere Kandidaten der Bewegung treten in Sneakern und Jogginghosen auf.

4. Die Partei ist populistisch – aber weder klar links noch klar rechts

(Bild: Getty Images/Andrew Medichini)

Erfolgreicher Populismus aus der Mitte, das kommt in Europa nicht besonders oft vor. 

  • Die AfD argumentiert populistisch, orientiert sich aber am rechten Rand. 
  • Podemos in Spanien schlägt immer wieder populistische Töne an, definiert sich aber klar links. 

Natürlich behaupten Populisten immer wieder, sie seien weder rechts noch links. Klingt ja auch cool. Ist aber meistens nicht so, die Gesetzesvorschläge lassen sich häufig klar in ein klassisches Schema einordnen.

Bei der 5-Sterne-Bewegung ist das anders: Di Maio steht in gesellschaftlichen Fragen eher rechts, in wirtschaftspolitischen eher links – obwohl er eher einer der Konservativeren in der Partei ist. Die Partei spricht sich für ein Grundeinkommen für alle Bürger aus; andererseits hat sie in der Kampagne auch hin und wieder Stimmung gegen Einwanderer gemacht.

Links oder rechts, das verschwimmt bei den "Cinque Stelle", aber eines ist stets klar: Sie sind gegen das Establishment, gegen die korrupten Politiker, wir hier unten, gegen die da oben – das ist der Gründungsmythos der Partei.

5. Sie wurde vor allem im Süden gewählt

Im wirtschaftlich gebeutelten Süden des Landes wählten die Menschen die 5-Sterne-Bewegung, im Norden dominiert die rechtsradikale Lega, nur in der Mitte des Landes gibt es noch einige rote Flecken, in denen Matteo Renzis Sozialdemokraten stärkste Kraft sind.

6. Alles begann mit den "Leck mich am Arsch"-Tagen

(Bild: dpa/ANGELO CARCONI)

"Vaffanculo", das ist Italienisch für "Leck mich am Arsch". In den frühen Tagen der Bewegung organisierte Grillo die sogenannten Vaffanculo-Tage. Bei den Treffen versammelten sich insgesamt zwei Millionen Leute und ärgerten sich gemeinsam über unfähige Politiker. Das große "V" für "Vaffanculo" hat es bis in den Parteinamen geschafft: "MoVimento 5 Stelle" (Republik/The Atlantic)

7. Sie organisieren sich online – aber wehe dir, wenn du die Mächtigen herausforderst

Screenshot des Parteiblogs

Die Bewegung wurde im Netz geboren, so stellt es selbst Beppe Grillo dar. Zunächst erreichte er mit seinem Blog Millionen Menschen. Dann pries er die Online-Demokratie als Lösung aller Probleme des politischen Lebens an.

"Die Wahrheit" solle so direkt zu den Menschen gelangen, Medien und Politik würden nur stören. Die logische Ausgestaltung der Idee: Die gewählten Parlamentarier sollen nur vollstrecken, was die Mitglieder online beschließen. Politik von unten, das wollte die Bewegung schaffen.

Davon ist allerdings nicht viel übrig geblieben: Unliebsame Mitglieder werden einfach ignoriert, wenn sie für Ämter kandidieren. Bisweilen werden die Onlineprofile auch einfach gelöscht. Oder die Leute werden mit einem einfachen Vermerk aus der Partei ausgeschlossen. PS: Du bist raus. 

So schnell geht das bei der Bewegung, wenn die Mächtigen in der Partei es auf dich abgesehen haben. Ein Beobachter spricht von "gelenkter Demokratie" innerhalb der Partei. Und trotzdem: Im Vergleich zu den traditionellen italienischen Parteien, in denen vor allem die Politiker gefördert werden, die Verbindungen haben, hat die 5-Sterne-Bewegung auch Vorteile. (Republik)

(Bild: dpa/Cesare Abbate)

Wie geht es weiter? Die Partei gibt sich nun staatsmännisch. Jahrelang hatte die 5-Sterne-Bewegung jedes Bündnis ausgeschlossen. Nun nach dem Wahlsieg sagte Di Maio: "Wir werden den Dialog mit allen suchen." (Süddeutsche)

Durch den Schwenk erscheint es nun nicht mehr völlig ausgeschlossen, dass andere Parteien ihn unterstützen. 

Kann er genug Parlamentarier überzeugen, könnte er der jüngste Staatschef werden, den Italien je hatte.


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Rechtsextreme Terroristen der "Gruppe Freital" zu langen Haftstrafen verurteilt
Die Mitglieder hatten Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt.

Vor zwei Jahren ist in Sachsen eine rechtsextreme Terrorgruppe aufgeflogen. Die "Gruppe Freital" wurde verdächtigt, Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und politische Gegner durchgeführt zu haben. Die Polizei verhaftete die Mitglieder im April 2016 (bento).

Nun hat ein Gericht über den Fall entschieden – und die Terroristen zu langen Haftstrafen verurteilt.