Bild: EPA/Sedat Suna

Die Türkei schickt erstmals Panzer und Jets nach Syrien – offiziell zum Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (SPIEGEL ONLINE I). Nach fünf Jahren Bürgerkrieg im südlichen Nachbarland ist das die deutlichste Einmischung Ankaras in die Konflikte in Syrien.

Die Mission heißt "Schild des Euphrat". Seit dem frühen Mittwochmorgen sollen nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu bereits 81 IS-Stellungen bombardiert worden seit. Sie sei mit den USA koordiniert.

Schon in der Vergangenheit waren türkische Soldaten in Grenzgefechte verwickelt, im November hatte das Militär zudem einen russischen Kampfjet abgeschossen (bento I). Doch "Schild des Euphrat" ist die erste richtige Einmischung der Türkei in den Syrienkrieg. Diese drei Akteure beeinflussen den Vorstoß:

1. Der "Islamische Staat"

Die Türkei hat den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" lange ignoriert. Schlimmer noch: In den vergangenen Jahren wurden die Extremisten mit Waffen und Logistik unterstützt – und auch beim Austausch von Kämpfern über die türkisch-syrische Grenze hat Ankara weggeschaut (bento II).

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL.

Doch nun richtet sich der IS gegen die Türkei: Seit einem Jahr ist es dort vermehrt zu blutigen Anschlägen gekommen. Auch wenn sich der IS bislang nie bekannt hat, vermuten ihn Experten als Drahtzieher. Mehrere IS-Zellen sollen sich im Land eingerichtet haben, allein seit Anfang 2016 hat die Polizei mehr als 1600 IS-Anhänger verhaftet (Anadolu).

Trotzdem fühlt sich die türkische Bevölkerung unsicher und wünscht sich von Präsident Recep Tayyip Erdogan ein deutlicheres Durchgreifen (bento III). Das Engagement in Syrien soll nun genau das zeigen: Die Türkei tut was.

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2. Die USA

Offiziell sind die Türkei und die USA in Syrien Verbündete: Als Nato-Partner stellt die Türkei Stützpunkte, von denen Kampfjets der von den USA geführten Koalition starten. Die USA unterstützen allerdings in Syrien auch kurdische Kämpfer mit Waffen und 300 Militärberatern (southfront.org) – diese Ko-Allianz ist für Ankara allerdings ein Problem (siehe hierzu Punkt 3).

Die verschiedenen Allianzen in Syrien hier auch noch mal im Bild:

Die nun gestartete Offensive könnte dabei helfen, die Machtverhältnisse in der Region zu verschieben. Und den USA zu signalisieren: Wir sind euer Partner vor Ort, nicht die Kurden. Die Militäraktion begann nur wenige Stunden vor dem Türkeibesuch des US-Vizepräsidenten Joe Biden.

Auch ein zweiter Punkt ist hier wichtig: Der islamistische Prediger Fethullah Gülen lebt im US-Exil. Der einstige Partner von Erdogan gilt in der Türkei mittlerweile als Staatsfeind, die Regierung sieht ihn als Drahtzieher des im Juli gescheiterten Putsches (bento IV). Erdogan will unbedingt Gülens Auslieferung. "Sind wir nicht strategische Partner?", sagte er in Richtung USA, "Liefern wir Verbrecher nicht einander aus?" (SPIEGEL ONLINE II)

3. Die Kurden

Die Kurden sind eine ethnische Minderheit, deren Siedlungsgebiet sich vor allem über die Südtürkei, den Nordirak und Nordsyrien erstreckt. Seit langem träumen die Kurden von einem eigenen Staat. Im Irak verwalten sie bereits eine Autonomieregion, im Syrienkrieg könnte es nun bald soweit sein: Entlang der türkischen Grenze haben kurdische Truppen immer mehr Gebiete erobert. Sie nennen diese quasi-autonome Region Rovaja.

Die Türkei fürchtet genau das – einen kurdischen Staat. Im eigenen Land werden die Kurden in ihren Rechten beschnitten. In den vergangenen 30 Jahren kamen mehr als 40.000 Menschen bei Kämpfen zwischen dem türkischen Militär und der PKK, dem radikalen Arm der Kurden, ums Leben ("Time"). Je mehr Erfolge die von den USA unterstützten Kurden in Syrien und dem Irak feiern – so fürchtet Ankara – motiviert das auch die türkischen Kurden zu mehr Widerstand.

Dass die Kurden ihre Gebiete im Osten und Westen (im Tweet unterhalb gelb gefärbt) miteinander verbinden, bezeichnete die Türkei immer als "rote Linie". Bereits in der Vergangenheit hatten Soldaten von der Grenze aus mehrmals kurdische Stellungen in Syrien beschossen (Al-Monitor). Kein Problem war hingegen, dass die vergangenen drei Jahre der IS in Dscharabulus sitzt.

Der Vorstoß türkischer Panzer ins nordsyrische Dscharabulus mag sich daher nun zwar offiziell gegen den IS richten. Tatsächlich bewegen sich die Truppen aber auch nahe einer Region, die die Kurden längst vom IS befreit haben.

Der Kampf gegen Islamisten könnte so nur der Vorwand sein, um in Wirklichkeit erneut gegen die Kurden vorzugehen.

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