Nach dem Anschlag in Ankara werden die türkischen Medien zensiert. Nicht zum ersten Mal. Ein junges Portal umgeht alle Verbote.

Vor drei Jahren explodierten in Roboski in der Türkei Bomben. 35 Menschen starben bei dem Angriff der Armee, angeblich kurdische Rebellen. Augenzeugen hingegen sagten, es seien junge Schmuggler getötet worden. Einen Tag später suchte der damals 20-jährige Engin Önder nach Berichten bei den großen Medienhäusern — und fand nach eigenen Angaben nichts.

Auf Social Media hingegen sah er massenhaft Fotos und Videos. Auf Twitter baut er ein Netzwerk auf, um die Beiträge zu sammeln und weiterzuverbreiten. So entstand das Portal 140Journos: Nachrichten in 140 Zeichen, die bei den großen Medienhäusern nicht erscheinen. Ein halbes Jahr später beginnen die Proteste am Gezi-Park in Istanbul. Wieder werden Medien zensiert und Journalisten vom Staat drangsaliert. 140Journos wächst dafür.

Wir haben den Gründer Engin Önder gefragt, wie 140Journos funktioniert:

Das Logo der 140Journos soll einen Rapp zeigen. Die Vögel sterben in der Türkei wegen falscher Haltungsweisen aus.

Wie ist 140Journos entstanden?

Wir haben vor drei Jahren als junge Initiative angefangen und sind mittlerweile der Gegenspieler zu den Mainstream-Medien. Große Medienhäuser in der Türkei werden oftmals zensiert und filtern viele wichtige Nachrichten. Und das wollten wir ändern. Mittlerweile umfasst unser Team zehn Redakteure sowie 400 ehrenamtliche Reporter und Tippgeber. Unsere Redakteure und Web-Designer bearbeiten diese Inhalte zeitnah und speisen sie in mehr als ein Dutzend Social-Media-Portale ein.

Wie funktioniert das?

Jeder, der eine Geschichte mit Nachrichtenwert hat, kann uns twittern, auf Facebook oder über WhatsApp (+905364996609) anschreiben. Wir führen keine typische "Reporter-Anstalt-Beziehung". Unsere Reporter werden mit der Zeit auch unsere Freunde.

WhatsApp-Newsletter von 140Journos: "Ihre Registrierung für 140Journos im Whatsapp ist bei uns eingegangen. Ab heute senden wir Ihnen aktuelle Nachrichten über das Geschehen in der Türkei."

Sind eure Nachrichten nur auf Tweets beschränkt?

Früher haben wir tatsächlich nur getwittert. Mittlerweile produzieren wir täglich Inhalte für Facebook, Whatsapp, Instagram, Snapchat, Medium, Vine, 8tracks, Soundcloud, Tinder und Periscope. Wir führen unsere Interviews über WhatsApp und laden sie in Soundcloud hoch. Infografiken oder längere Geschichten veröffentlichen wir auf Medium.

Mit 140 Zeichen auf Twitter hat es angefangen, mittlerweile schreiben die 140Journos auch längere Beiträge.

Welche Themen stehen bei euch im Fokus?

Meistens sind es politische Inhalte. Wir beschäftigen uns aber auch mit dem Bildungssystem, mit Gesundheit, urbanem Leben oder der Umwelt.

Uns zeichnen aber Nachrichten aus, die man in den Mainstream-Medien so nicht finden kann. Beispielhaft dafür sind unsere Berichte über einen Schönheitswettbewerb unter Transexuellen in der Türkei; den naturzerstörenden Bau einer Autobahn namens Yeşil Yol; Dopingfälle bei türkischen Sportlern oder die Zerstörung von armenischen Gräbern.

Wir beschäftigen uns aber nicht nur mit politischen Themen, sondern sind auch ein humorvolles Medium, bei dem es etwas zu lachen gibt. So bedienen wir als von politisch-harten Themen bis hin zu Social-Media Phänomen oder Pop-Kultur alles mögliche.


Auch auf bento: Warum die Gewalt zwischen Kurden und Türken wieder eskaliert.

Wie stellt ihr sicher, dass die eingeschickten Beiträge auch stimmen?

Wir sind eines der Netzwerke, die das Verifizieren der geteilten Inhalte am besten kann. Seit 2012 setzen wir uns damit täglich auseinander. Dieses System konnten wir nach den Gezi-Park Protesten verbessern. Jeder unserer Redakteure ist dafür gut ausgerüstet. Wir haben online oder offline Methoden, die wir anwenden. Außerdem können wir auch eine Sache ganz gut, die keine Technologie schafft: Wir können die Menschen und die Aktualität sehr gut analysieren. Wir haben ein qualifiziertes Team, das politisch respektvoll handelt, sich in Social Media und den darin geteilten Inhalten gut auskennt.

Hier geht es zu den 140Journos.