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5 Lehren, die helfen, weiterzumachen.

Es ist ein historischer Tag: Am 19. Januar 1919 fand die erste Parlamentswahl der deutschen Geschichte statt, bei der auch Frauen ihre Stimmen abgeben durften. In den vergangenen 100 Jahren hat sich viel getan: Frauen in Deutschland haben sich das Recht erkämpft, unabhängig von einem Mann berufstätig zu sein, sie haben es in Chefetagen großer Unternehmen und an die Spitze der Bundesregierung geschafft. Trotzdem wurde vieles, was sich die Aktivistinnen vor 100 Jahren erhofften, bis heute nicht erfüllt

Hier sind fünf Lehren aus der Arbeit der Feministinnen, die uns heute noch helfen können, den Kampf fortzuführen.

1 Gleichberechtigung auf dem Papier reicht nicht aus.

Auf dem Papier herrscht in Deutschland zwischen Frauen und Männern Gleichberechtigung – man könnte also meinen, es sei alles geschafft. Doch gleiche Rechte bedeuten nicht automatisch gleiche Teilhabe. 

In vielen Chefetagen sitzen noch immer mehr Männer, Frauen verdienen im Schnitt weniger (bento) und sind in der Politik und in Parteien unterrepräsentiert – aktuell ist weniger als ein Drittel der Abgeordneten im Bundestag weiblich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Strukturen es Frauen in bestimmten Bereichen erschweren, ein- und aufzusteigen. Sie wurden von Männern für Männer geschaffen (BR). 

Die erste weibliche Abgeordnete in Deutschland, Marie Juchacz, sagte 1919 im Reichstag: "Es wird hier angestrengtester und zielbewusstester Arbeit bedürfen, um den Frauen im staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt." Das trifft heute noch immer zu. 

Marie Juchacz war die erste Abgeordnete in einem deutschen Parlament.

(Bild: dpa)

Was können wir also tun? Zum Beispiel Quoten einführen. Seitdem die Grünen, Die Linke und die SPD dies in den Siebziger- und Achtzigerjahren taten, stieg der Frauenanteil im Bundestag fast kontinuierlich an. Nur bei der vergangenen Wahl sank er wieder (bpb). Eine Quote in der Politik ist keine radikale Forderung: Im deutschen Grundgesetz heißt es: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin" – eine Selbstverpflichtung, Ungleichheiten aktiv zu bekämpfen.

Marie Juchacz würde wohl sagen: Fordert das ein! Schließlich war ihre Meinung zum Frauenwahlrecht: "Was diese Regierung getan hat, war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." (Bundestag)

Was wir daraus lernen können: Die Strukturen ändern sich nicht von allein – wir müssen sie ändern. 

2 Arbeit passiert nicht nur im Büro.

Für viele der damaligen Feministinnen war es ein Hauptanliegen, die Hausfrauenrolle loszuwerden. Das Argument, Frauen seien für die Arbeit im Privaten besser geeignet, rechtfertigte lange, dass ihnen keinen Zugang zu anderen Gesellschaftsbereichen gegeben wurde. 100 Jahre später hat sich an der Rollenverteilung wenig geändert. 2018 erledigten 72 Prozent der Frauen in Deutschland täglich Hausarbeit – aber nur 29 Prozent der Männer:

(Bild: Statista )

Gleichzeitig gehen gut 75 Prozent der Frauen einer Lohnarbeit nach (Statistisches Bundesamt). Diese Doppelbelastung ist für viele ein großer Stressfaktor, wie Studien zeigen – zumal die meisten Jobs Frauen nicht genug Flexibilität geben, um ihre verschiedenen Rollen ausüben zu können (SPIEGEL ONLINE).

Was wir daraus lernen können: Wenn wir mehr Gleichberechtigung wollen, müssen wir darüber reden, wie viel Arbeit – bezahlt und unbezahlt – Frauen heute leisten.

3 Wir sind viele, auch wenn wir unterschiedlich sind.

Genau wie heute, gab es damals nicht den einen Feminismus, sondern viele Varianten. Radikale Gruppierungen forderten schon während der Revolution 1848 das Frauenwahlrecht und wurden dafür in den folgenden Jahrzehnten verstärkt politisch unterdrückt, bürgerliche Frauenvereine forderten zunächst einen besseren Zugang zu Bildung und Arbeit. Am Ende schlossen sich trotzdem die verschiedenen Frauenstimmrechtsvereine zusammen und legten dem Parlament eine gemeinsame Erklärung vor. Ein Jahr später wurde das Frauenwahlrecht beschlossen. (100 Jahre Frauenwahlrecht)

Dieser Erfolg war möglich, weil sich Frauen verschiedener Bewegungen zusammenschlossen. In den Sechzigerjahren geschah das wieder: In der sogenannte Zweiten Welle des Feminismus schafften es die unterschiedlichsten Grupppierungen, sich hinter einigen großen Zielen zu vereinen: Selbstbestimmung, Mitbestimmung und freier Zugang zu Arbeit. Ab den Neunzigerjahren zeigte die Dritte Welle des Feminismus, dass noch längst nicht alles erreicht ist. Was ist mit Fragen von Identität, Gender und Queer-Feminismus? Haben wir es nicht erst dann geschafft, wenn alle Frauen frei sind?

Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.
Audre Lorde


Was uns das lehrt? Wir müssen nach wie vor für die Rechte aller Frauen einstehen.

4 Kein Erfolg ohne Gegenwind.

Wenn uns die Geschichte der Frauenbewegung eines lehrt, dann: Es wird immer Rückschritte geben. Nach jeder großen Welle des Feminismus kam zuverlässig der Backlash

Als Frauen sich nach der Revolution 1848 organisierten, beschlossen die Politiker kurz darauf ein politisches Vereins- und Versammlungsverbot für Frauen. Als das aktive und passive Wahlrecht dann erkämpft war – wählen und gewählt werden – nahmen die Nationalsozialisten den Frauen letzteres direkt wieder weg. Auch nach der MeToo-Debatte gab es antifeministsiche Stimmen.

Was kann man daraus lernen? Nicht abschrecken lassen. Es geht voran, wenn weiter gekämpft wird.

5 Auch Männer können dabei gewinnen.

Nur, wenn alle Menschen sich frei entfalten können, kann die Gesellschaft wachsen und sozialer Frieden herrschen – darin waren sich die Feministin Harriet Taylor-Mill und ihr Mann John Stuart Mill schon 1869 sicher. Auch die deutsche Frauenrechtlerin Hedwig Dohm schrieb: "Gleichgültig, ob ich Mann, Weib oder Neutrum bin – vor allem bin ich Ich, eine bestimmte Individualität." (bpb)

Solange Menschen in Rollenbilder gepresst werden, die ihnen nicht entsprechen, sind sie nicht frei. Das betrifft auch Männer. Auch sie profitieren davon, wenn sie sich von Rollenbildern befreien. Zum Beispiel, indem sie Elternzeit einfordern, bei Krankheiten nicht aus "Männlichkeit" den Arzt meiden oder sich trauen, Schwächen zu zeigen. Damit am Ende jeder Mann der sein kann, der er sein möchte – ob das nun stark oder zart, laut oder leise ist. 

Was wir daraus lernen: Die Situation für Frauen kann sich nur verbessern, wenn sich auch unser Bild von Männlichkeit ändert.



Fühlen

Zwillinge zeigen, wie sie sich seit ihrer Kindheit verändert haben
"Als hätten wir einen gemeinsamen Pfad, auf den wir immer wieder zurückkommen"

Eineiige Zwillinge teilen nicht nur die Erbanlagen: Schon im Mutterleib sind sie zusammen, als Kinder werden sie ständig verglichen und verwechselt. Ihre besondere Verbindung hält meist ein Leben lang an.

Für bento blicken vier Zwillingspaare darauf zurück, wie sich ihr Verhältnis seit ihrer Kindheit verändert hat. 

Dafür haben wir ein altes Kinderfoto nachgestellt – und uns von beiden Geschwistern erzählen lassen, was ihre Beziehung ausmacht.

Um zu sehen, wie die Zwillinge sich verändert haben, klicke auf die Pfeiltasten!

Assan und Ousainou, 28