Und was fünf R-Wörter damit zu tun haben

Ingrid ist keine Frau, die man auf den ersten Blick in die Öko-Schublade stecken würde. Doch wenn sie an der Supermarkt-Theke ihre Tupperdose rausholt, ist das Erstaunen oft groß: Die bringt ihre eigene Dose mit?!

Die 26-Jährige, die fast mit ihrem Lehramtsstudium fertig ist, eifert seit gut einem Jahr der sogenannten Zero-Waste-Bewegung nach. Deren Pioniere schaffen es angeblich, gerade mal ein Einmachglas pro Jahr mit Müll zu füllen. Zum Vergleich: In Deutschland hinterlässt jeder Menschen im Schnitt mehr als 450 Kilo Müll pro Jahr (Umweltbundesamt).

Ingrid in ihrer Küche(Bild: Sarah Theisen)

Bei Ingrid war es ein kleiner Alltagsmoment, der sie dazu brachte, ihr Leben zu verändern. Eines Tages kam sie vom wöchentlichen Supermarkt-Einkauf nach Hause und begann ihre Lebensmittel vom Plastik zu befreien: Gemüse, Obst, Käse und Nudeln, damit sich alles in Gläsern, Regalfächern und Kühlschrank verstauen lässt. Als sie fertig war, quoll ihr Küchen-Mülleimer schon fast über.

Die magischen 5 R des Zero-Waste-Lebens: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle und Rot.

Ingrid begann sich zu fragen, ob das nicht auch anders geht. Dabei stieß sie auf die Zero-Waste-Bewegung mit ihrer berühmten Bloggerin Bea Johnson: Sie predigt die magischen 5 R des Zero-Waste-Lebens - Refuse, Reduce, Reuse, Recycle und Rot.

Refuse zielt darauf ab, überflüssigen Müll abzulehnen, zum Beispiel durch ein „Keine Werbung“-Schild am Briefkasten oder den Verzicht auf Käse, der in Plastik verpackt ist.

Reduce regt dazu an, bewusster zu konsumieren, etwa durch den Kauf von weniger Kleidungsstücken oder den Gang zum Second-Hand-Laden.

Reuse rät zu Mehrwegprodukten anstelle etwa von Einwegrasierern oder Plastikflaschen.

Recycle fordert zum Müll trennen auf, Rot zum Kompostieren. 

Als Ingrid den Entschluss fasst, ihr Leben umzukrempeln, wird sie von Freunden und Familie belächelt. "Eine Bekannte meinte, das sei nur eine Phase von mir", erinnert sie sich.

Aber Ingrid lässt sich nicht entmutigen, obwohl der Start schwer fiel. "Ein bisschen komisch fühlt sich das an, wenn man an der Käsetheke mit der Tupperdose aufkreuzt", sagt sie. Da müsse man sich erstmal überwinden.

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Sie weiß noch, wie sie zum ersten Mal fragte: "Können Sie mir das bitte hier reinpacken?" Der Verkäufer guckte verdutzt, dann landete ein in Plastik eingewickeltes Stück Gouda in der Dose. So war das nicht gedacht. Ingrid musste ihm erklären, warum der Käse unverpackt in die Dose soll. 

Manchmal packt auch jemand unauffällig die Plastiktüte wieder ins Regal und greift zu einer Stofftüte.

Mittlerweile läuft es besser. Wenn Ingrid an der Kasse steht und ihre Dose aufs Band legt und Gemüse und Obst in kleine Stofftüten packt, gucken die Leute in der Schlange ihr schon mal verstohlen zu. Manchmal packt auch jemand unauffällig die Plastiktüte wieder ins Regal und greift zu einer Stofftüte. 

In Bio-Läden gibt es auch seltener Verständnisschwierigkeiten mit den Verkäufern, Supermärkte setzen vermehrt auf Papier- und Stofftüten. Und bei einigen Cafés bekommt man inzwischen Rabatt, wenn man eine eigene Tasse für den Coffee-to-go mitbringt.

Wenn Ingrid heute ihren Jutebeutel packt, kommt neben der Tupperdose ein Leinentuch für die Brötchen beim Bäcker hinein; außerdem eine Metallflasche mit Leitungswasser für die Uni und ein Thermosbecher für Kaffee.

Ingrids Ausstattung zum Einkaufen(Bild: Sarah Theisen)

An manchen Tagen packt Ingrid auch ein Einmachglas für Nudeln ein, die sie sich beim Italiener oder beim Unverpacktladen abfüllt. Von solchen Läden gibt es mittlerweile schon über vierzig in ganz Deutschland (Utopia). Hier kann man sich unverpackte Lebensmittel in eigene Behälter abfüllen.

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Aber ist es nicht wahnsinnig unpraktisch, immer so viel zu schleppen? "Ich koche für mich allein, deshalb brauche ich nicht viel", sagt Ingrid. "Nudeln oder Reis kaufe ich nur alle zwei Monate – da muss ich dann eben mal Gläser schleppen."

Das Zero-Waste-Leben ist mit erledigtem Einkauf übrigens noch nicht zu Ende. Beim Kochen etwa sammelt Ingrid Gemüseschalen-Reste in einer Dose im Tiefkühlfach. Ist diese voll, kocht Ingrid den Inhalt mit viel Wasser zwei bis drei Stunden lang, gibt etwas frische Zwiebel oder auch mal Lorbeerblätter hinzu und presst anschließend alles durch ein Sieb: So entsteht eine selbst gemachte Gemüsebrühe.


Ist man mit Ingrid unterwegs, darf man sich auch nicht wundern, wenn sie plötzlich Stofftaschentücher zum Nase putzen herausholt. "Ich habe ganz feine Weiße, bei denen nicht mal auffällt, dass sie nicht aus Papier sind", sagt sie. "Stofftaschentücher sind auch angenehmer und sanfter, man kriegt nicht diese rote Nase bei Erkältungen."

Ein Einmachglas voll Müll pro Jahr – das gelingt Ingrid noch nicht.

Geld zu sparen versucht Ingrid beim Putzmittel: Ihr genügen Essigreiniger oder Citronensäure und Backpulver. Zum Bodenwischen beispielsweise vermischt sie Essig und Wasser mit der Schale von Orangen oder ätherischen Ölen – fertig ist der Allzweckreiniger. Außerdem kauft sie gern unverpackte Seife.

Doch auch Ingrids Einsatz für die Umwelt hat seine Grenzen – auf der Toilette. Während sich so mancher Zero-Waste-Blogger einen Wasserschlauch zulegt, um sich sauber zu spülen, kauft sie lieber Recycling-Klopapier. Nicht alles hat sich verändert. Und ein Einmachglas voll Müll pro Jahr – das gelingt Ingrid noch nicht.     

Aber immerhin: Sie hat nach dem Einkaufen heute seltener ein schlechtes Gewissen – und sie muss nicht mehr so oft den Müll rausbringen wie früher.


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