Die Idee könnte bald in ganz Deutschland zum Einsatz kommen.

Gerade im Frühling und im Sommer nervt es. Du bist mit dem Tretboot auf dem See unterwegs, stehst in der ersten Reihe beim Festival-Auftritt deiner Lieblingsband oder grillst mit Freunden im Stadtpark, ausgerechnet dann drückt die Blase.

Immer wieder taucht die Frage auf: Wo ist das nächste Klo, oder besser noch der nächste Busch? Wildpinkeln ist oft die schnellste Lösung – doch das kann zum Problem werden. Für die Natur und für Veranstalter, die alles wieder sauber machen müssen und denen dadurch hohe Reinigungskosten entstehen. 

Natalie Eßig, 41, ist Professorin für Baukonstruktion und Bauklimatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in München und hat sich des Themas Wildpinkeln angenommen. 

Zusammen mit ihren Studentinnen und Studenten befasst sie sich seit dem Wintersemester 2016/17 mit dem Urinieren in freier Wildbahn. Sie befragten Wildpinkler, studierten die Geschichte von stillen Örtchen, untersuchten, warum gerade Männer so gern draußen pinkeln. 

Natalie Eßig

Warum habt ihr euch überhaupt mit Wildpinkeln beschäftigt?

Ein Ingenieurbüro, das mit dem FC Bayern zusammenarbeitet, ist auf die Hochschule zugekommen. Der Fußballverein hat wie viele andere ein riesiges Problem mit Wildpinklern rund um die Allianz-Arena. Auf dem Rückweg vom Stadion zur U-Bahn oder dem Auto kommt das Bedürfnis, doch dann ist keine Toilette mehr in der Nähe. Meine Studentinnen und Studenten haben nachgezählt: An einer Mauer vor dem Stadion urinieren pro zehn Minuten bis zu 50 Menschen. Die Reinigungskosten sind extrem hoch.

Uns geht es nicht nur um den FC Bayern. Der Toilettengang ist immer noch ein Tabuthema, auch unter den Studentinnen und Studenten gab es erst einmal viel Gelächter. Es ist wichtig, dass wir damit an die Öffentlichkeit gehen und für die Thematik sensibilisieren.

(Bild: Matthias Schrader/dpa)

Inwiefern schadet Wildpinkeln überhaupt – abgesehen von den Reinigungskosten?

Ein einzelner Pinkler schädigt die Natur nicht. Problematisch wird es bei großen Events. Ich denke da gerade an die Fanmeile in Berlin. Dort kommen Tausende zusammen und pinkeln in den Tiergarten. Das Problem ist, dass Urin den Pflanzen Wasser entzieht. Die Stadt Berlin muss kommen und die Pflanzen mit Tausenden von Litern wieder wässern, damit die alten Baumbestände nicht eingehen. Auch bei großen Konzerten oder Fußballspielen ist das ein Problem. Die Allianz-Arena liegt zum Beispiel mitten in einer Naturschutzfläche.

In Urin ist Phosphor enthalten. Bei Gebäuden kann er die Bausubstanz angreifen. An hellen Oberflächen hinterlässt er Flecken.

Hier findest du öffentliche Toiletten

Warum pinkeln Menschen eigentlich gern im Freien?

Jede Epoche hat seine eigenen Pinkel-Rituale. Von den Griechen und Römern kommt zum Beispiel der Ausdruck: "Ein Geschäft erledigen". Sie hatten Sammeltoilettenanlagen, in denen sie gelesen und eben Geschäfte abgeschlossen haben. In London gab es im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts Toilettenfrauen und Toilettenmänner, die mit Eimern und großen Mänteln dastanden, damit Menschen ihr Geschäft erledigen konnten. Oder nehmen wir Schloss Versailles: Dort gab es Dienerinnen und Diener, die hinter den Damen und Herren hergelaufen sind und den Boden gewischt haben.

Heute haben wir zwar Toilettenanlagen mit fließendem Wasser. Aber wenn man draußen unterwegs ist, geht man einfach nicht gerne auf öffentliche Toiletten, auf klassische mobile Toilettenanlagen schon gar nicht – sie gelten als dreckig, stinkig, dabei stimmt das oft gar nicht. Trotzdem: Die Akzeptanz fehlt einfach.

(Bild: Imago)

Warum sieht man fast nur Männer beim Wildpinkeln?

Die Bequemlichkeit, in der Öffentlichkeit zu pinkeln, ist bei Männern tatsächlich stärker ausgeprägt. Das haben Studien gezeigt. Demnach haben Männer weniger Hemmungen, je mehr Alphatier in ihnen steckt. Nach dem Motto: Wir wollen hier unser Revier markieren. Außerdem pinkeln Männer wohl gern in Gemeinschaft. Wissenschaftler sprechen dabei vom "Sozialpinkeln". 

Darüber hinausspielt Alkohol eine Rolle. Vor dem Spiel gehen alle noch brav auf die Stadiontoilette, aber danach – wenn viel Bier getrunken wurde – nutzen viel weniger das Klo. Unsere Studiengruppe hat Wildpinkler an der Allianz-Arena sozusagen in flagranti befragt. Ihre Begründung: Es müsse schnell gehen und es störe ja nicht. 

Frauen stellen sich trotzdem in die Schlange und gehen oft auch zusammen auf die Toilette. Gestern habe ich mit Kölnern ein Gespräch dazu geführt, die versicherten mir: Beim Karneval würden aber auch Frauen ihre Hemmungen verlieren.

Was ist nun eure Idee? Wie kann man Wildpinkeln verhindern?

Auf St. Pauli kam schon ein Spezial-Lack zum Einsatz: Die angepinkelte Wand warf den Urin zurück, der Pinkler wurde nass (Tagesspiegel). Der FC Bayern drohte sogar schon mal mit dem Entzug von Dauerkarten. Ich denke, Verbote bringen nicht viel. 

Zuallererst braucht es genügend öffentliche Toiletten, aber die werden weniger. Und Toilettenanlagen müssen attraktiver werden – Komfort und Behaglichkeit ausstrahlen. Meine Studiengruppe und ich haben uns zum Beispiel Toiletten in Japan angeschaut, dort geht man ganz anders mit der Situation um. Es gibt dort große Wohlfühlräume, die sauber sind und gut riechen, sein Klopapier bringt man sich selbst mit.

Eine weitere Lösung: Wir müssen eine neue Art Freilufttoilette gestalten. 

Wie könnte die aussehen?

Wir arbeiten an zwei Varianten. Mobile Toiletten, die aussehen wie große Pflanzenkübel, die mit ökologischen Granulaten wie Rindenmulch gefüllt sind – alles komplett rückbaubar. Oben drauf könnten Blumen oder ein kleiner Baum gepflanzt oder an den Seiten sogar Werbung betrieben werden. Sie bestünden aus einem 1,20 Meter hohen und 1,50 Meter breiten Kasten.

Und dann wären noch stationäre Pinkelbeete denkbar, bei denen der Urin in Pflanzenklärteiche weitergeleitet wird. 

Beide Varianten müssten genau wie mobile Toilettenanlagen geleert werden. Es werden keine chemischen Materialien verwendet, es landet nichts auf dem Sondermüll. Alles kann kompostiert werden. 

(Bild: Imago)

Wann könnte es die ersten Toiletten dieser Art geben?

Wir sind noch in der Projektentwicklungsphase, es dauert bestimmt noch ein Jahr, bis die ersten Prototypen entstehen. Wir sind derzeit mit Stadionbetreibern im Gespräch, auch an Städte und Kommunen wollen wir herantreten. 

Es muss sich was ändern: Zunächst sollte jeder sein eigenes Handeln überdenken. Außerdem müssen Städte ihre öffentlichen Toiletten umgestalten und an umweltfreundliche Materialien denken.

Eure Freilufttoiletten klingen so, als ob sie nur für Männer gedacht sind. Was ist mit den Frauen?

Wildpinkeln ist schätzungsweise zu 90 Prozent ein Männerproblem. Aber ich gebe dir recht: Wir sollten uns auch überlegen, ob es eine Variante für Frauen gibt.


Today

22-jähriger Zuwanderer rettet Kind und wird zum "Spiderman von Paris"
"Spiderman aus dem XVIII."

Ein Mann hangelt sich innerhalb weniger Sekunden an der Fassade, die Menschen jubeln. Das ist Mamoudou Gassama, einem 22-jährigen Zuwanderer aus Mali, vermutlich egal. Alles, was in diesem Moment zählt: Den Balkon im vierten Stock erreichen und das Leben eines Kindes retten.