Bild: Hannah Sartin

Was wäre wenn? Hannah Sartin wollte sich diese Frage nicht mehr theoretisch stellen, sondern sich ganz praktisch mit ihr auseinanderzusetzen: Sie entschloss sich, gar keinen Müll mehr zu produzieren. Zero Waste. Anlass war die Geburt ihres Kindes.

In ihrem Buch "Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben: Zero Waste als Lifestyle", erschienen im MVG Verlag, beschreiben sie und ihr Partner Carlo Krauss, ob und wie ihnen das gelungen ist, außerdem informieren sie über Hintergründe der Müllentstehung und Recyclinglügen.

Wir haben mit ihr gesprochen.

Hannah, wie kommt man durch den Tag, ohne Müll zu produzieren?

Gut. Wir stehen morgens auf, putzen Zähne mit unseren Holzzahnbürsten. Statt Zahnpasta nehmen wir Zahnputztabletten.

Zahnputz-was?

Die muss man in den Mund nehmen, zerkauen und schon hat man Zahnpasta.

Aha.

Zum Frühstück essen wir häufig Haferflocken, die ich lose kaufe. Dazu gibt es Apfelstücke und Zimt. Die Milch kommt aus der Pfandflasche. Dann packe ich meiner Tochter ihre kleine Lunchbox aus Edelstahl, im Rucksack hat sie auch ihr Stofftaschentuch, falls sie sich die Nase putzen muss.

Mittwochs fahre ich gern auf den Markt, dort kaufe ich mit Gläsern und Beutelchen ein, die habe ich aus alter Bettwäsche selbst genäht. Wäsche waschen wir mit einem selbstgemachten Waschmittel. Das ist aus Kernseife und Waschsoda.

Zum Klicken: Müllvermeidung, selbst gemacht

In ihrem Buch "Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben: Zero Waste als Lifestyle" geben Hannah Sartin und Carlo Krauss praktische DIY-Tipps. Wir zeigen eine Auswahl.
Dafür brauchst du: 2 Stoffreste, aus denen sich zweimal 26 cm × 26 cm schneiden lassen. (Du kannst Größe, Farbe und Form auch frei wählen.) Außerdem: 1 Kordel, Band oder Schnur, ca. 70 cm lang.
So geht's: Für die Nähte mit einer Nahtzugabe von 0,7 cm arbeiten. Damit die Kanten nicht ausfransen, einmal ringsum mit Zick-Zack-Stich einfassen.
Dann die erste Naht (seitlich und unten) schließen. Danach wird der Tunnelzug entlang der Längskante oben genäht.
Hierfür kann man verschiedene Methoden anwenden, die einfachste ist, die Längskante einmal umzusteppen, 1,2 cm umschlagen und schmalkantig niedersteppen.
Jetzt wird die letzte Längsnaht geschlossen. Man näht nur bis zur Unterkante des Tunnelzugs und verriegelt anschließend die Naht. Mit einer Sicherheitsnadel die Kordel einfädeln. Fertig.
So geht's: Essigessenz mit Wasser verdünnt in eine Sprühflasche geben.
Wer den Essiggeruch als unangenehm empfindet, kann ein paar Tropfen eines ätherischen Öls dazugeben.
Diese Mischung verwenden die beiden als Allround-Putzmittel für den gesamten Haushalt. Da Essig antibakteriell wirkt, eignet er sich auch für die Reinigung von Küche und Bad.
Dafür brauchst du: 1 EL Kokosöl, 1 EL Bienenwachs (je höher der Anteil an Bienenwachs, desto fes- ter der Balsam), 1 EL Lanolin (kann auch durch Sheabutter ersetzt werden), 1 TL Honig
So geht's: Die Zutaten in einer Schale über dem Wasserbad langsam erhitzen, bis sie geschmolzen sind und man sie gut verrühren kann.
Flüssigkeit in die vorbereiteten Tiegel geben (diese sollten vor dem Befüllen ausgekocht oder mit Alkohol desinfiziert werden).
Mit einer Glaspipette den Farbextrakt in die noch flüssige Mischung geben und so lange rühren, bis sich die Farbe gleichmäßig verteilt.
Für die rote Farbe rote Bete in Wasser kochen. Wenn die Bete gar ist, das eingefärbte Wasser in ein Fläschchen geben und abkühlen lassen, dann mit etwas Alkohol (z.B. Wodka) mischen – für die Haltbarkeit.
Auch schön: Zimt oder Kakao ergeben einen schönen Braunton, Hibiskus einen violetten Hauch.
Und nicht vergessen: Die Bete essen! Mit etwas Essig und Öl und ein bisschen frischer Petersilie zum Beispiel.
Dafür brauchst du: 1 altes Handtuch, 1 Stück Stoff (am besten Biberbettwäsche oder Moltontuch), 1 Glas – Größe des Glases entscheidet Padgröße
So geht's: Handtuch und Moltontuch/Biberbettwäsche, mit Stecknadel aneinanderheften. Mit Schneiderkreide oder Bleistift die Konturen des Glases umfahren.
Die einzelnen Pads fixiert man, indem man sie mit Stecknadeln innerhalb des Kreises zusammenheftet.
Pads ausschneiden. Möglichst nah an der Kante aufeinandersteppen, abschließend mit Zick-Zack-Stich einfassen. Wer eine Overlockmaschine hat, kann den Rand damit einfassen.
Dafür brauchst du: 1 alte Plastiktüte, 1 Stoffrest, 1 Reißverschluss, passend zur Größe des Wetbags
Auch hier ist die Größe variabel. Reißverschlüsse sowie sonstiges Nähzubehör findet man auf den meisten Flohmärkten.
So geht's: Der Stoff wird zweimal auf 21 × 14 cm zugeschnitten, die Tüte ebenfalls. Am leichtesten geht es, den Stoff auf die Tüte zu legen und entlang der Konturen zu schneiden. Nicht feststecken, da man die Tüte beschädigen würde.
Mit einem Zickzackstich die Stoff- und Plastiklagen verbinden. Reißverschluss einnähen. Alle offenen Nähte schließen – und fertig ist der Wetbag.
Die Transportpalette (aus dem Super- oder Baumarkt) vertikal auf der langen Seite aufstellen.
Vorher die drei Bretter auf der Oberseite der Platte lösen und diese an der Unterseite verschrauben – so entstehen drei lange "Beete".
Als Füße verwendeten die beiden Restholz, dazu zwei Bretter möglichst gleicher Länge unten auf die lange Seite der Palette schrauben und mit einem Winkel oder einem Querbrett stabilisieren.
Zum Schluss die Beete mit Mulltüchern auslegen (geht auch: Jutesäcke oder Filz) und mit Erde befüllen. Die Tücher verhindern, dass die Erde beim Gießen aus dem Beet rieselt.
Palettenbeete eignet sich besonders gut zum Anbau von Gartenkräutern, da der Boden etwas erhöht ist, wird er leichter erwärmt, was die meisten Kräuter lieben!
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Ihr produziert also wirklich gar keinen Müll mehr?

Wir produzieren nach wie vor eine kleine Menge. Würden wir den Müll ein Jahr lang sammeln, würde er ein 800-Milliliter-Glas füllen. Wir nehmen auch mal eine Kopfschmerztablette oder benutzen Kondome.

Was sagen die Verkäufer in normalen Läden, wenn ihr mit euren Boxen und Einmachgläsern ankommt?

Für manche ist es ganz selbstverständlich, andere haben erst mal ein paar Fragen – und in ganz seltenen Fällen gibt es auch Verkäufer, die nicht mitmachen. Bei meinem ersten Einkauf beispielsweise hieß es, dass es aus hygienischen Gründen nicht möglich wäre, mir die Ware in mein mitgebrachtes Behältnis zu packen.

Zum Klicken: Mit seinem Fotoprojekt #MermaidsHatePlastic will der Fotograf Benjamin Von Wong auf die Umweltverschmutzung der Meere aufmerksam machen

(Hier geht's zum Artikel)

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Und dann?

Bin ich mit einem halb leeren Korb nach Hause gefahren und habe erst mal ein paar Tage gebraucht, bevor ich es noch mal versucht habe. Es war uns wichtig, uns zu informieren, was ist erlaubt und was nicht. Beim zweiten Anlauf in einem anderen Laden hat es ganz wunderbar geklappt.

Inzwischen habe ich Tricks entwickelt, um unnötigen Diskussionen aus den Weg zu gehen. Wenn der Kellner im Take-Away-Imbiss mir mein Essen in eine Plastikbox tun möchte, sage ich einfach, ich hätte eine Plastikallergie. Wenn man selbstbewusst argumentiert, kann das hilfreich sein.

Und was macht ihr im Urlaub?

Auf unseren ersten müllfreien Urlaub in England waren wir wirklich gut vorbereitet. Wir hatten alles dabei, wir wussten, wo es Bioläden gibt, hatten ein Ferienhaus gebucht, um uns selbst zu versorgen. Im Supermarkt gab es aber nichts, was nicht in Plastik eingepackt war. Im nächsten Markt das gleiche. Da haben wir kapituliert. Es war kein schönes Gefühl.

Wie kann ich beim Einkauf ohne großen Aufwand weniger Müll verursachen?

Klick dich durch Hannahs Antworten:

"Zum Beispiel darauf achten, dass deine Einkäufe nicht in Plastik, sondern nur in Papier verpackt sind.
Obst und Gemüse kannst du auch kaufen, ohne die kleine Plastiktüte mitzunehmen.
Und manchmal passen die Einkäufe auch wirklich noch in den Rucksack.
Und wenn du dich ein bisschen vorbereitest, geht noch viel mehr!
Du kannst einen eigenen Beutel mitnehmen,
Stoff- statt Papiertaschentücher benutzen,
die Küchenrolle durch einen Stofflappen ersetzen
und dich mit einem Stück Seife waschen und nicht mit Duschgel.
Das ist kein großer Aufwand."
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Gebt ihr jetzt mehr Geld aus als früher?

Zwischenzeitlich haben wir mehr ausgegeben, unverpackte Schokolade war zum Beispiel teurer. Wahrscheinlich war ich früher zuckersüchtig, ich brauchte regelmäßig Schokolade. Nach unserer Umstellung war ich anfangs auf Entzug. Mal eben ein Schokoriegel, das ging nicht mehr. Mittlerweile geben wir eher weniger Geld aus als vor unserer Umstellung. Auch weil wir nicht mal eben so in den Drogeriemarkt gehen und noch schnell etwas kaufen.

Wie fühlt sich dieses müllfreie, konsumfreie Leben an?

Ich fühle mich frei. Ich kann durch eine Stadt gehen und verspüre keinen Drang, in Geschäfte zu gehen. Wenn etwas kaputt geht, versuche ich zuerst, es zu reparieren. Ich fühle mich unabhängig.

Haben eure Freunde euch nicht anfangs für Freaks gehalten?

Doch, klar. Manche dachten, wir seien durchgedreht und wüssten mit unserer Zeit nichts besseres anzufangen. Andere fanden es aber super cool. Tatsächlich haben viele unserer Freunde angefangen, etwas weniger Müll zu produzieren.

Seid ihr etwa die typischen Veggie-Missionare?

Nein, ich erzähle immer aus meiner Perspektive und will anderen Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben.

Aber es stimmt: Die Leute fühlen sich manchmal schlecht, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe. Wenn wir bei Bekannten eingeladen sind, erzählen die schon an der Tür, wie unangenehm es ihnen sei, dass sie vorhin im Supermarkt keine Tasche dabei gehabt hätten.

Zum Buch

Keinen Müll produzieren – Hannah und Carlo haben das geschafft. In ihrem Buch beschreiben sie, wie – und verraten Rezepte zum Selbermachen von Produkten, die man nicht verpackungsfrei kaufen kann.

"Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben: Zero Waste als Lifestyle" findet ihr bei Amazon. (Wenn ihr über diesen Link bestellt, bekommt bento eine Provision.)

Muss man sich also schämen, wenn man bei jedem Einkauf eine Plastiktüte kauft und sie dann wegschmeißt?

Wenn man die Tüte nach jedem Einkauf wegschmeißt, würde es sicher nicht schaden, über den eigenen Plastikkonsum nachzudenken. Ich fände eine Anti-Plastik-Kampagne ähnlich der Anti-Rauchen-Kampagne super.

Prinzipiell sollte jeder so leben, wie er es für richtig hält. Ich erlebe häufig, dass Leute sich aus einer Art Ohnmachtsgefühl einreden, dass es nichts bringt, etwas am eigenen Konsumverhalten zu verändern. Das ist schade, denn tatsächlich hat jede Kaufentscheidung einen Einfluss.

Im Quiz: Wie grün lebst du wirklich?


Als Grundlage für unser Quiz haben wir Informationen vom WWF (Living Planet Report, PDF), Green Peace ("Der ökologische Fußabdruck Deutschlands", PDF), Brot für die Welt, Footprint Deutschland und Spiegel Online verwendet.


Tech

Es gibt jetzt ein Panini-Heft mit YouTubern

Die Hamburger Firma Juststickit bringt Donnerstag ein Panini-Album voller Selfies von YouTube-, Instagram- und Musical.ly-Berühmtheiten auf den Markt. "201 Stars, 216 Bildchen", sagt Alexander Böker, der das Projekt mitverantwortet. "Ich habe den Eindruck, das sind die neuen Stars, die die etablierten ablösen."