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Weihnachten ist das Fest des Konsums – daran ändert auch der Klimanotstand nichts.

Weihnachtszeit ist Konsumzeit. Ein Fünftel seines kompletten Jahresumsatzes verdiente der deutsche Einzelhandel 2018 allein im Weihnachtsgeschäft (Statistisches Bundesamt). Laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young wollen die Deutschen in diesem Jahr durchschnittlich 281 Euro für Geschenke ausgeben, also fast so viel wie die Rekordsumme aus dem vergangenen Jahr. Jüngere Konsumenten unter 35 Jahren wollen zwar nur 212 Euro ausgeben, sie sind damit aber die Altersgruppe, die ihre Ausgaben am meisten steigern will (Ernst & Young).

Und das am Ende eines Jahres, in dem so viel über den persönlichen Konsum debattiert wurde wie noch nie. In dem es um Plastikvermeidung, Minimalismus und Verzicht ging. 

Wie passt das zusammen? Und lässt sich Weihnachten nachhaltiger feiern? 

Das haben wir Robert Böhnke, 35, Experte für nachhaltigen Konsum beim Rat für Nachhaltige Entwicklung, gefragt.

(Bild: Andreas Weiss)

bento: Verlieren wir im Weihnachtsshopping unser Gewissen?

Robert Böhnke: Eine schwierige Frage. Die hohen Geschenkausgaben können einen im ersten Moment erschlagen – aber es könnte auch sein, dass die Ausgaben für Geschenke zwar steigen, aber die Menschen eher Qualitätsware kaufen. Dass die Menschen immer mehr Geld für Geschenke ausgeben, liegt außerdem auch an der Erwartungshaltung, an Weihnachten definitiv Geschenke parat haben zu müssen.

bento: Warum haben wir diese Erwartung?

Robert: Es ist zumindest auch das Ergebnis der Marketingmaschinerie der Hersteller, die Bedürfnisse in uns weckt, die wir zuvor gar nicht hatten. Beispiel Smartphone: Die wenigsten kaufen sich nach zwei oder drei Jahren ein neues Handy, weil es kaputt ist. Die Hersteller entwickeln das Produkt nur ein bisschen weiter, ohne große technische Neuerungen, aber die Handykamera sieht nun anders aus oder das Display ist etwas größer – und dadurch wirken die Vorgängerversionen auf einmal alt. Dadurch wird ein Druck auf die Menschen ausgeübt, der suggeriert: Kauf dir lieber das neue Modell.

bento: Im Prinzip also durchschaubar. Trotzdem können wir dieser Strategie nur schwer widerstehen. Schließlich liegt häufig dann doch das neue iPhone unterm Weihnachtsbaum.

Robert: Genau so ist es. Um dem etwas entgegenzusetzen, müssen wir eine andere Konsumkultur entwickeln. Es geht nicht darum zu sagen: Wir dürfen nichts mehr kaufen. Aber derzeit wird jedes fünfte Kleidungsstück, das wir kaufen, so gut wie nie getragen. Mehr als die Hälfte unserer Kleidung entsorgen wir schon nach drei Jahren.

bento: Was müssten wir ändern?

Robert: Wir müssten die Langlebigkeit von Produkten verbessern. Hersteller müssen ihre Produkte länger nutzbar machen. Im Falle von Elektronik müssten sie Ersatzteile anbieten und dafür sorgen, dass man ihre Geräte reparieren kann. Außerdem sind wir als Verbraucher gefragt: Wir haben uns an die billigen Preise gewöhnt. 

„Vieles ist zu günstig für das, was eigentlich an Kosten darin steckt – nicht nur im Sinne von Produktionskosten, sondern an langfristigen sozialen und Umweltkosten.“
Robert Böhnke

Natürlich ist qualitativ hochwertige Kleidung teurer als bei Primark oder H&M. Aber man kann sich fragen: Wenn ich zehnmal im Jahr für 20 Euro Klamotten kaufe, die aber auch ständig wegwerfe, könnte ich das gleiche Geld nicht auch für Kleidung einsetzen, die länger hält und ökologisch und fair produziert wurde?

bento: Das ist ja nun alles nicht neu und eigentlich haben gerade junge Menschen ein großes Problembewusstsein in Sachen Umweltschutz (Verbraucherzentrale). Warum fällt es uns trotzdem so schwer, anders zu handeln?

Robert: Weil wir oft sehr in unseren Routinen verhaftet sind. Und Konsum betrifft all unsere täglichen Routinen: Wie wir einkaufen, wie wir uns bewegen, wie wir wohnen, wie wir mobil sind und in Urlaub fahren. Routinen machen es einfacher, den Alltag zu bewältigen – aber deshalb ist es auch schwer, diese abzustreifen und sich neue anzugewöhnen. Aber gerade, wenn junge Menschen es schaffen, sie zu hinterfragen, können sie eine Art Treiber sein: Etwa wenn sie dieses Thema in ihre Familie tragen, die sich bisher vielleicht weniger damit beschäftigt hat.

bento: An Weihnachten herrscht Konsumschlacht. Geschenkpapier landet nach der Bescherung tonnenweise im Müll, manche hängen ihr ganzes Haus mit Lichterketten voll. Wie geht das nachhaltiger?

Robert: Wie bei Geschenken ist auch hier mein Tipp: Weniger ist mehr. Gerade Weihnachtsbeleuchtung ist ein gutes Beispiel für sogenannte Rebound-Effekte. Produkte sind heute zwar oft energieeffizienter, diese Einsparungen werden aber durch Mehrverbrauch ausgeglichen. Wir haben heute zwar LED-Lichterketten, die weniger Strom verbrauchen, dafür hängen davon viel mehr im Haus als früher.

Beim Weihnachtsbaum kann man darauf achten, dass er regional produziert und nicht mit Pestiziden belastet ist. Und wenn wir an den Feiertagen schon Fleisch essen, dann vielleicht eine ökologische Weihnachtsgans.

bento: Auch in der Debatte rund um "Fridays for Future" geht es um Konsum – weniger Fleisch essen, weniger fliegen. Ist Verzicht also die Antwort?

Robert: Wir müssen natürlich weniger konsumieren. Da wird nichts drum herum führen. Aber weniger heißt ja nicht schlechter. Weniger heißt nur, dass man sich mal die Frage stellt: Brauche ich das wirklich? Die Verzichtdebatte wird oft mit einer negativen Konnotation geführt, weil es heißt: Die Leute dürfen jetzt nicht mehr ihr Leben genießen. Darum geht es nicht. 

„Mit Verzicht geht ja nicht unbedingt ein Verlust von Lebensqualität einher, sondern kann auch ein Gewinn an Zeit bedeuten.“
Robert Böhnke

Ich glaube, wenn wir uns die Frage stellen, was uns wirklich zufrieden und glücklich macht, kommen wir da nicht auf Materielles, sondern auf andere Werte.

bento: Also keine Geschenke mehr an Weihnachten?

Robert: Man kann ja auch Geschenke machen, die keine Produkte sind, also etwa Achtsamkeit und Zeit schenken. Aber das muss jede Familie für sich regeln. Unserer Tochter schenken wir nur zwei ausgewählte Geschenke, die dann auch eine entsprechende Qualität haben. Das reicht. Ansonsten schenken wir uns in unserer Familie nichts, außer vielleicht Selbstgemachtes. Diese ständige Suche nach dem passenden Weihnachtsgeschenk raubt Zeit und Nerven. Ich spare das Geld lieber und schenke dann, wenn mir etwas Passendes für den- oder diejenige über den Weg läuft. Das kann auch im Sommer sein.



Gerechtigkeit

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Ein Kulturanthropologe erklärt, was der Adventskranz mit den Nazis zu tun hat.

Die Diskussion darüber, wie viel Advent oder Nicht-Advent Deutschland zur Weihnachtszeit verträgt, startete in diesem Jahr bereits am 30. Oktober. Auf Twitter postete der stellvertretende AfD-Bundessprecher Stephan Brandner an diesem Tag ein Foto, das eine mit Süßigkeiten gefüllte Box zeigt. 

Ein Haus aus Pappkarton, 24 Türchen, "Geschenkelager" steht gut lesbar auf dem Vordach. Brandner fragte im Tweet dazu: "Ganz früher hieß das mal #Adventskalender, oder?" Hinter die Frage setzte er ein knallrotes Wut-Emoji.