Bild: Imago/blickwinkel

"Nicht in den Gehörgang einführen!" Dieser Satz prangt auf Wattestäbchen-Packungen - und gehört vermutlich zu den am häufigsten ignorierten Warnhinweisen. Immer wieder werden die Stäbchen dazu verwendet, Ohrenschmalz aus dem Gehörgang zu befördern. 

Weil man sich ein sauberes Ohr wünscht. Oder schlicht das Gefühl mag, wenn das Wattestäbchen das Innere des Ohres krault.

Von der Prozedur raten jedoch alle Experten ab, auch die US-amerikanischen HNO-Ärzte thematisieren es in einem aktuellen Ratgeber zu Ohrenschmalz. Auch sogenannte Ohrkerzen solle man nicht verwenden.

Roland Laszig von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde stimmt zu: Es sei kontraproduktiv, sich Wattestäbchen - oder sonstige Gegenstände - ins Ohr zu stecken.

Vier Gründe gegen den Wattestäbchen-Einsatz:
  1. Aus Hygiene-Sicht ist es unnötig, das Ohr vom Schmalz zu befreien. Denn das Schmalz dient dazu, das Ohr sauber zu halten. "Ohrenschmalz ist nicht unreinlich", sagt Laszig. Die Substanz wird ständig im Ohr gebildet und dann langsam Richtung Ausgang geschoben. Dabei fängt sie zum Beispiel Staub oder Bakterien ein, nimmt abgestorbene Hautzellen auf - und befördert alles zeitig nach draußen. Zur Reinigung des Ohrs reicht es, zum Beispiel mit einem Handtuchzipfel das von außen sichtbare Schmalz zu entfernen.
  2. "Wer ein Wattestäbchen, an dem sichtbar Ohrenschmalz klebt, aus dem Gehörgang zieht, freut sich über den Jagderfolg - aber das ist ein Trugschluss", sagt Laszig. Das Werkzeug hat nämlich nur einen Bruchteil des Schmalzes mit nach draußen genommen. Die weitaus größere Menge hat es dagegen tiefer ins Ohr befördert, entgegen seiner natürlichen Fließrichtung.
  3. Wattestäbchen-Exzesse im Gehörgang können diesen austrocknen und damit eine stärkere Ohrenschmalzproduktion in Gang setzen. Nun steigt das Risiko, das sich ein Pfropf bildet, der juckt, schmerzt oder das Gehör stört: ein klarer Fall für den Arzt, der den Pfropf zum Beispiel absaugen kann.
  4. Wer allzu engagiert mit einem Wattestäbchen oder anderen Gegenständen im Ohr werkelt, kann sein Trommelfell verletzen. Werden spitze Werkzeuge verwendet, drohen zusätzlich Schnittverletzungen, die sich entzünden können. "Entzündungen nach Verletzungen sehen wir zum Glück sehr selten", sagt Laszig, der die Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik Freiburg leitet. Für die Betroffenen seien diese jedoch sehr unangenehm: Die Behandlung ist laut Laszig langwierig und die Entzündung oft sehr schmerzhaft.

Bei manchen Menschen produziert das Ohr zwar zu viel Schmalz, sodass es Beschwerden verursacht. Doch auch dann sind Wattestäbchen nicht die Lösung, sondern ein Arzttermin.

Dieser Text ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


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