Hauptversammlungen von großen Unternehmen sind mal mehr und mal weniger spannende Angelegenheiten. Die Veranstaltung von VW am Dienstag in Berlin gehörte defintiv zu den spannenderen - und das lag an der wütenden Rede der 18-jährigen Clara Mayer. 

Bei einer Hauptversammlung werden traditionell die Aktionäre über Pläne des Unternehmens informiert und bekommen die Gelegenheit, sich auch selbst zur Unternehmenspolitik zu äußern. Clara Mayer von "Fridays for Future"  hielt vor den Volkswagen-Konzernchefs und Aktionären eine Rede, in der sie das Unternehmen scharf kritisierte und die Vorstände an ihre Verantwortung erinnert. Die Ansprache wird gerade vielfach geteilt und diskutiert, allein das Video in dem Tweet, in dem das ZDF einen Ausschnitt aus der Rede zeigt, wurde schon etwa 21. 000 Mal aufgerufen.

Wir haben mit Clara gesprochen.

Die Möglichkeit, auf der Hauptversammlung von Volkswagen zu sprechen, hat Clara vom "Dachverband Kritische Aktionäre" erhalten, wie uns Markus Dufner vom Verband bestätigt. Wenn Aktionäre selbst nicht an den Versammlungen ihrer Unternehmen teilnehmen können, dann können sie sich vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertreten lassen. Mit einem solchen Platz hat der Verband Clara ihre Redemöglichkeit gegeben. 

"Ich habe erst einen Tag vor der Hauptversammlung überhaupt von der Möglichkeit erfahren, dort zu reden", erzählt Clara. "Wir haben bei 'Fridays for Future' eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns organisieren, und da schrieb jemand von der Versammlung und fragte, ob jemand da reden möchte." Sie habe dann bis in die Nacht an ihrer Rede gearbeitet. "Ich habe bis fünf Minuten vorher noch die Rede finalisiert." Der Auftritt war ihr wichtig:

"Ich wollte unbedingt die Möglichkeit nutzen, da zu reden. Die Umweltskandale in der Automobilindustrie zeigen einfach, wie dreist diese Unternehmen sind."

Worum ging es in der Rede? 

Clara betont, dass die junge Generation nichts für die Klimakrise kann. Und dass die "Lobeshymnen" der Konzernchefs verfrüht sind:

„Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, was Sie hier tun, ist nicht genug.“
Clara Marisa Mayer, "Fridays for Future Berlin"
  • Dass sich Volkswagen auf E-Mobilität und Netto-Null bis 2050 (SPIEGEL ONLINE) fokussiere, dauere zu lange: "Bis dahin ist es fast doppelt so lange, wie ich bisher gelebt habe. Ist das ihre Vorstellung von radikalem Wandel?"
  • Vor allem, wenn man bedenke, dass VW schon mal weiter war. Denn schon 1999 habe VW ein 3-Liter-Auto entwickelt, das mit seinem niedrigen CO2-Ausstoß unter den kommenden EU-Grenzwerten von 95 Gramm lag (Auto Motor und SportZeit). 
  • Clara betont, dass die großen Unternehmen in der Verantwortung stehen: "Im deutschen Grundgesetz gibt es einen netten Absatz, da steht 'Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.' Die Eigentümer sind Sie. Und zum Wohl der Allgemeinheit gehören nicht nur kurzfristige Profite und Arbeitsplätze, sondern die Erhaltung unserer Erde, unseres Lebens, unserer Zukunft."

Mit den Reaktionen nach der Rede hatte Clara nicht gerechnet.

In dem Saal durfte nicht gefilmt werden, die Videos, die man im Internet von ihrer Rede findet, wurden zum Beispiel in der Cafeteria gedreht, erzählt Clara. Da hört man nur Geschirr klappern. "Aber im Saal gab es Applaus – das hat mich um ehrlich zu sein überrascht, denn ich hatte doch gerade die Menschen in diesem Saal kritisiert." 

Als sie von der Bühne kam, wurde sie von mehreren Aktionärinnen und Aktionären angesprochen, die ihre Rede lobten. "Das zeigt doch, wie machtlos sich sogar Aktionäre fühlen."

Dabei sieht Clara auch Aktionäre in der Verantwortung: "Ich zitiere in meiner Rede das Grundgesetz, 'Eigentum verpflichtet'. Auch Aktionäre sind Eigentümer und sollten viel mehr Druck auf die Unternehmen ausführen, wenn sie so unzufrieden sind, wie sie mir da gezeigt haben."

Clara hat ihre Rede mit Absicht konfrontativ formuliert, sie ist wütend: Große Unternehmen wie Volkswagen haben ihrer Meinung nach die finanziellen Mittel, Vorreiter im Klimaschutz zu sein. "Die Unternehmen haben viel Macht und damit auch die Verantwortung, mehr für unsere Zukunft zu tun. Das haben sie in den letzten Jahren versäumt und jetzt tun sie zu wenig, um es nachzuholen."

Hier kannst du dir die Rede anhören (Vorsicht, schlechte Bild- und Tonqualität):

Die Reaktionen im Internet auf die Rede von Clara Mayer sind geteilt.

Unter dem Tweet des ZDF sammeln sich beispielsweise viele Kommentare:

Viele Gegner arbeiten sich vor allem an Claras Aussehen und ihrem Alter ab. Da diese Kommentare inhaltlich nichts zur Debatte beitragen, haben wir uns entschieden, sie hier nicht weiter zu verbreiten. 

Dann gibt es die, die ihr zustimmen:

Andere finden, dass man anerkennen sollte, was Volkswagen schon in Sachen Elektromobilität geschafft hat:

Eine Sache ist aber unstrittig: Mit ihrem Auftritt hat Clara es geschafft, dem Thema Umweltschutz bei der VW-Hauptversammlung und danach ein bisschen mehr Platz zu erkämpfen. Sie und die "Fridays for Future"-Bewegung werden das als Sieg verbuchen. 


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