Bild: Max Deibert

Ich bin weiß, männlich, hetero – und trotzdem vielleicht bald Teil einer Minderheit. Wie aufregend! Ich esse nämlich Fleisch, und das ist in Berlin mächtig uncool geworden. Die Tierliebe vieler Berliner geht neuerdings über das eigene Zwergkaninchen hinaus und schließt auch Nutztiere mit ein.

Ooooh, ich habe das N-Wort gesagt. Es heißt doch nicht Nutztier, sondern Lebewesen! Denn jedes Leben ist gleich viel Wert: "We are the wooorld, we are the Küüühe!" Deshalb darf man nicht nur kein Fleisch essen; auch Milch, Käse und Eier sind tabu – schließlich musste dafür ein Tier leiden, so die Meinung vieler Berliner.

Die veganen Übermenschen betreiben Blogs, schreiben Kochbücher – und sind ohne Ausnahme cooler als ich. Statt zuhause Saitan-Bratlinge zu brutzeln, hänge ich nämlich immer noch hin und wieder mit einer Currywurst an einem Stehtisch von Wurstmaxe und lausche dem Ehestreit von Ü50-Alkoholikern.

In Berlin ist Veganismus inzwischen massentauglich geworden. Eindrucksvoll demonstriert wurde das zuletzt von dem veganen Fastfood-Restaurant "Dandy Diner" in Neukölln: Am vergangenen Samstag zelebrierte das "Dandy Diner" seine Eröffnung, auf Facebook hatten fast 2.500 Personen zugesagt. Am Ende erschienen über 800 Menschen vor dem Diner – und das war mehr als genug.

Gegen 22 Uhr musste die Eröffnung von der Polizei aufgelöst werden, weil die vielen Menschen die Karl-Marx Straße blockierten. Festgenommen wurde niemand, kein Anwohner erstattete Anzeige. "Die Karottenfresser sind ja eh viel zu schwach, um sich zu kloppen", kommentierte der Besitzer meines Stamm-Kiosks.

Berlin only

Für bento berichtet Max Deibert regelmäßig aus Berlin. Und zwar aus Berlin only. In welchen Club sollte man gehen? In welchen nicht? Haben Veganer Friedrichshain unter ihre Kontrolle gebracht? Wie muss ich mich anziehen, um in Berlin als "sexy" empfunden zu werden? Max teilt seine besten Antworten und Lebensweisheiten in dieser Kolumne mit euch.

Die Betreiber des "Dandy Diner", Carl Jakob Haupt und David Roth, führen seit 2010 einen erfolgreichen Berliner Modeblog: "Dandy Diary". Sie leben seit zweieinhalb Jahren vegan, seit "einer Ewigkeit" vegetarisch. Schlank sind die beiden schon, aber sie wirken nicht kraftlos.

Im Gegenteil: Am Mittwochnachmittag tigert Carl Jakob Haupt durch sein neueröffnetes Diner. Sein Telefon klingelt ununterbrochen. Hin und wieder grüßt er Gäste mit Namen, nebenbei zerdrückt er einen Pappbecher.

Am Tag der Eröffnung postete Haupt einen Beitrag auf der Facebook-Seite des "Dandy Diner", in dem es hieß:

"Im ARD Nachtmagazin haben wir mal kurz erwähnt, dass es ziemlich bescheuert ist, ein Tier aufzuziehen, zu mästen, zu schlachten, den Tierkadaver in seinen eigenen Darm zu stecken und dann zu essen."

Die radikale Ausdrucksweise sei Absicht, sagt Haupt. Er sei der Meinung, dass es pervers sei, ein anderes Leben auszulöschen und sich dessen Körperteile in den eigenen Darm zu stopfen.

Ich denke an meine geliebte Currywurst. Haupts Partner David Roth bemerkt meinen verletzten Gesichtsausdruck und fügt hinzu: "Wir wollen dafür sorgen, dass sich nicht mehr die Veganer für ihren Lebensstil rechtfertigen müssen, sondern die Fleischkonsumenten."

  • "Sind Fleischfresser auch Menschen?", frage ich.
  • "Nein, sie sind Tiere. Du bist, was du isst", erwidert Carl Jakob Haupt und grinst.
  • David Roth geht schnell dazwischen: "Wir sind bei dem Thema überhaupt nicht militant, mir ist vollkommen egal, was du isst, solange wir cool miteinander sind."

Ich bin mir sicher, dass auch Haupt "cool" mit mir ist. Er wirkt wie jemand, der mit jedem cool ist. Dennoch strahlen seine Aussagen und sein Lachen durchaus etwas Militantes aus. Roth versucht, das zu kompensieren, er ist ruhiger, besonnener. Die beiden sind schon lange in der Medienwelt unterwegs, das merkt man.

Der deutsche Philosoph Richard David Precht schrieb 2007 in seinem Buch "Wer bin ich und wenn ja wie viele", unser Verzehr von Tieren sei mit der Invasion von Aliens zu vergleichen: Eine intelligentere Spezies besiedelt den Planeten und frisst die niederen Wesen, spricht ihnen die Leidensfähigkeit ab. Daher sei nur ein vegetarischer oder konsequenterweise veganer Lebensstil moralisch vertretbar. Das leuchtet ein.

Doch reicht diese Erkenntnis, um wirklich Veganer zu werden?

Für manche schon. Für viele meiner Bekannten war aber erst eine Trend-Offensive nötig. Sprich: vegane Imbisse in hippen Bezirken wie Friedrichshain und Prenzlauer Berg, Produkte mit cooler Verpackung und der Aufschrift "VEGAN" in gigantischen Lettern.

Ich will nicht denjenigen Unrecht tun, die sich aus Tierliebe für den vegangen Ernährungsstil entschieden haben, keineswegs. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Veganismus in Mode ist. Das sagen auch Carl Jakob Haupt und David Roth:

"Wir sind Trend-Veganer. Alle unsere Entscheidungen sind geprägt von der Gesellschaft. Sich von diesem Einfluss freimachen zu können, ist eine Illusion."

In Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg gibt es einen Imbiss, der Vöner anbietet: veganen Döner. Vielleicht schaue ich da mal vorbei; seit dem Gammelfleisch-Skandal traue ich den Fleischspießen ohnehin nicht mehr über den Weg.

Hoffentlich falle ich dort nicht zu sehr auf: Schließlich habe ich kein MacBook, keinen Woll-Beanie und keine Hosen aus Jute.

Eines wird sich aber vorerst nicht ändern: Wenn ich um drei Uhr morgens bei Curry36 an die Theke schwanke, werde ich mir sicher kein Rettich-Schnitzel bestellen.

Die Berlin-Kolumnen von Max:


Today

Vor Obama-Besuch: TTIP-Gegner protestieren in Hannover

Am Sonntag kommt US-Präsident Barack Obama nach Hannover: Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird er die weltweit größte Industriemesse eröffnen. Bei dem Treffen wird es voraussichtlich auch um das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP gehen, über das die EU und die USA seit Juli 2013 verhandeln. Durch TTIP soll der größte Wirtschaftsraum der Welt entstehen; Zölle und Handelshemmnisse sollen abgebaut werden.

Am heutigen Samstag sind bereits tausende Menschen nach Hannover gekommen, um im Vorfeld von Obamas Besuch gegen TTIP zu protestieren. Die Demonstrationen richten sich auch gegen Ceta, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, welches häufig als kleine Schwester von TTIP bezeichnet wird.