"Ich schnitze mir doch auch keine Möhre aus Steak"

Ende November testete bento einen Burger, der schmecken, riechen, bluten und sich im Mund anfühlen soll wie Fleisch – aber rein aus pflanzlichen Bestandteilen besteht. Das Video zum "Beyond Meat"-Burger hat unter den Nutzerinnen und Nutzern Diskussionen ausgelöst: Viele lobten die Idee, andere empfanden sie von "Fleisch" aus dem Labor eklig. Und besonders eine Frage kam häufiger auf: 

Wenn man kein Fleisch essen will, warum muss es dann wie Fleisch aussehen?

(Bild: Screenshot: bento)

Die einfache Antwort ist: Viele Menschen mögen den Geschmack von Fleisch. Sie mögen aber auch Tiere und wollen nicht, dass diese leiden. Außerdem ist man an Gerichte und Geschmäcker gewöhnt, vom Schnitzel über Bratensauce bis hin zum Wurstbrot gibt man seine Vorlieben und Erinnerungen ja nicht einfach ab. Dass Tiere nicht leiden müssen, erzeugt den Kaufreiz. 

So senken bekannte Formen wie Veggie-Fleischwurst die Hürde, das Dasein als Vegetarier oder Veganer mal auszuprobieren.

Den Deutschen gefällt das: 2018 wurden 13 Prozent aller in Deutschland neu auf den Markt gebrachten Lebensmittel und Getränke als vegan ausgewiesen – weltweit waren es gerade mal fünf Prozent. (Handelsblatt

(Bild: Marius Becker/dpa)

Dennoch bringen die neuen Produkte auch neue Diskussionen mit sich und kämpfen mit Vorurteilen: Sie seien ungesund, umweltschädlich, verlogen. 

Wir schauen, was wirklich an den Vorurteilen dran ist. 

1 Fleischersatz hilft den Tieren nicht

Was als kleine Öko-Nische begann, wird inzwischen von Discountern und Fleischkonzernen mit Millionenumsatz abgedeckt. Wurstfabrikant Rügenwalder verarbeitet nach eigenen Angaben rund 19 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, steckte 2015 aber sein gesamtes Marketingbudget in Werbung für vegetarischen Fleischersatz. Das wirkte: Die Sparte machte ein Jahr nach dem Start schon 20 Prozent des Gesamtumsatzes aus, heute sind es 38 Prozent. 

Sterben deshalb weniger Tiere? Nicht unbedingt. Die Ersatz-Produkte sind in vielen Fällen sogar reinste Augenwischerei, mahnen Kritiker. Viele der großen Marken verwenden für das Mundgefühl nämlich Hühnereiklar oder Kuhmilch. Für beides leiden Tiere ähnlich wie in der Fleischindustrie – und oft enden sie trotzdem in der Wurst. Rechnerisch sterben damit sogar mehr Tiere für vegetarische Wurst: Das Magazin "Stern" rechnete vor,  dass für die Produktion der Menge Wurst, die ein Schwein liefern würde, zwölf Legehennen (oder ihre für die Industrie nutzlosen Brüder) ihr Leben lassen müssten. (Topagrar)

Das trifft aber nicht auf alle Produkte zu. Auch aus Soja, Lupinen, Weizen- oder Erbsenprotein wird Fleischersatz hergestellt, oft sogar in Bioqualität. Aus Weizen lässt sich mit einfachen Mitteln sogar in der eigenen Küche Seitan herstellen, das seit Jahrhunderten bei vegetarisch lebenden Mönchen Asiens beliebt ist. Tiere leiden für die Produktion dieser Lebensmittel keine.  

Ein veganer Döner aus Seitan, Sojaschrot und Gewürzen in der veganen Kassler Imbisstube "Zum glücklichen Bergschweinchen". (Archivbild)

(Bild: Uwe Zucchi/dpa)

2 Das Soja für Tofu und Co. schadet dem Regenwald

Wird immer wieder behauptet, stimmt aber einfach nicht. Zwar werden für Soja riesige Waldflächen im tropischen Regenwald abgeholzt, doch nahezu die gesamte Menge des dort produzierten Sojas wird als Futtersoja exportiert – an die Fleischindustrie. Ein großer Teil des in Südamerika angebauten Sojas geht auch noch an deutsche Fleischproduzenten (SPIEGEL ONLINE). In Deutschland wird zwar hauptsächlich Heu, Silage und Mais an Tiere verfüttert. Soja wird in der industriellen Tierhaltung allerdings zugefüttert, damit die Masttiere schneller an Gewicht zulegen. 

Das Soja für in Deutschland verkauften Fleisch- und Milchersatz hingegen wird größtenteils unter Biostandards in der EU oder Kanada produziert. (Verbraucherzentrale Hamburg / WWF)

3 Fleischersatz ist ungesund

Es stimmt, dass eine zu eiweißlastige Diät negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Das gilt für Eiweiß aus echtem und aus nachgemachtem Fleisch. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Fleischessern, nur noch 300 bis 600 Gramm in der Woche zu konsumieren. Aktuell essen wir mehr als das Doppelte, was zu allerlei Herz-Kreislauf- und Darmerkrankungen führen kann. 

Zu viel Soja kann außerdem, durch die darin enthaltenen Phytoöstrogene, schädlich für den Darm sein – weshalb Experten davon abraten, Säuglingen Sojamilch zu geben. Für Menschen mit Gicht kann Soja durch das enthaltene Purin ein Problem werden. 

Für andere hingegen ist die Bohne eine gute Ergänzung im Speiseplan: 100 Gramm Sojabohnen enthalten 40 Gramm Proteine, kein Cholesterin aber viele Ballast- und Mineralstoffe. Ernährungsexperten empfehlen Soja als Weg zur langfristigen (Fett-)Gewichtsabnahme, Sportler nutzen sie zum gezielten Muskelaufbau. (SPIEGEL ONLINE)

Vegane Grillsteaks aus Soja auf dem "Vegan Street Day 2013" in Düsseldorf. 

(Bild: Marius Becker/dpa)

Aber nicht nur das Eiweiß kann zum Problem werden: Eine viel beachtete Untersuchug der Verbraucherzentrale Hamburg fand 2014 heraus, dass eine große Menge der Fleisch-Ersatzprodukte zu viel Fett und zu viel Salz enthielten. Eine aktuelle Untersuchung von Stiftung Warentest zeigte das Gegenteil: Vegetarischer und veganer Lyoner- und Mortadella-Ersatz habe teilweise nur halb so viel Fett wie das Original. (test.de)

Trotzdem bedeutet "vegan" – vor allem bei stark verarbeiteten Industrieprodukten – trotz wohlfühliger Marketing-Aktionen nicht zwangsläufig auch "gesund".

Was vielen 2014 bei der Untersuchung der Verbraucherzentrale fehlte, war der Vergleich zum Schwesterprodukt aus echtem Fleisch. Denn auch Salami und Leberwurst aus Tieren ist meist zu salzig und fettig – der Hauptgrund, warum sie so gut schmecke, aber auch ungesund sind. 

Die Weltgesundheitsorganisation stuft verarbeitetes, vor allem gepökeltes oder geräuchertes Fleisch wie Schinken und Würstchen seit 2015 als krebserregend ein. Und der Einsatz von Antibiotika in der Fleischproduktion sorgt für immer neue multiresistente Keime. 2012 fand die Umweltschutzorganisation BUND bei einer Stichprobe auf jedem zweiten Supermarkthähnchen solche Keime, die für den Tod von bis zu 35.000 Deutschen im Jahr mitveranwortlich gemacht werden. (SPIEGEL ONLINE)

Durch Ersatzprodukte werden in der Regel keine Antibiotika oder in der Mast eingesetzte Hormone aufgenommen, hier kommt es aber wieder darauf an, ob man vegan oder vegetarisch kauft. 

Und was bedeutet das nun?

Mit dem Fleischersatz ist es wie mit den meisten Lebensmitteln: 

  1. Frisch und selbstgemacht ist meist gesünder und nachhaltiger als das, was in Plastik eingeschweißt daher kommt. 
  2. Zu viel von irgendwas ist nie gut. 
  3. Wem Tierwohl wirklich am Herzen liegt, der greift lieber zur veganen als zur vegetarischen Alternative. 

Den meisten ernährungsbewussten Veganern ist das schon lange bekannt – den gegen sie wetternden Fleischliebhabern auf Facebook aber oftmals nicht.


Fühlen

Wir machen unser Ding – vom neuen Selbstbewusstsein geflüchteter Frauen
Vier Frauen aus Afghanistan und dem Iran erzählen, was es für sie bedeutet, in Deutschland zu leben.

Sie verlassen ihr Heimatland und legen in Deutschland das Kopftuch ab, gehen zur Schule oder trennen sich von ihrem Mann. Geflüchtete Frauen erlangen hier oft ein neues Selbstbewusstsein, weil ihnen mehr Rechte zugesprochen werden. 

Obwohl etwa ein Drittel aller Geflüchteten Frauen sind, ist die öffentliche Wahrnehmung vor allem männlich geprägt. Im Sommer 2018 leben in Deutschland insgesamt 673.409 Geflüchtete, 235.785 davon sind Frauen. Das sind knapp 35 Prozent (Deutscher Bundestag). Meist werden sie aber nur als Ehefrauen, Mütter und passive Begleiterinnen männlicher Migranten gesehen. Sie bleiben unsichtbar

Wir haben vier Frauen aus Afghanistan und Iran getroffen. Sie erzählen, was Selbstbewusstsein für sie bedeutet.