Bild: Pixabay

Wer früher, also vor ungefähr 1,5 Jahren, mit seinen Reisen angeben wollte, musste etwa 17 Stunden im Flieger verbringen – gern mit Zwischenstopp in Dubai – und nach Möglichkeit auch innerhalb eines zwei bis dreiwöchigen Aufenthaltes noch ein paar Grenzen überqueren. Länder, die bei der Generation über 50 noch als spannende Reiseziele galten, wurden von uns Millenials mit einem "Wir machen dieses Jahr nur Griechenland" abgewatscht, wenn Geld oder Zeit gerade knapp waren. 

Und jetzt? Jetzt fassen sich viele von uns wegen Fridays for Future und der Achtsamkeitsbewegung ungläubig an den Kopf und beginnen zu verstehen, dass wir hier einem der größeren Irrtümer unserer Generation beim Entlarven seiner selbst zuschauen können. Und dass wir umdenken müssen. Urlaub irgendwo machen, wo der Zug hinfährt. Vielleicht könnte man zum Beispiel dieses fremde Land erkunden, das einem immer so langweilig erschien, und das man in letzter Zeit doch immer weniger versteht?

Denn Deutschland steckt voller Widersprüche, interessanter Menschen und archaischer Bräuche – man muss nur hinschauen. 

Fünf bento-Autoren erzählen, wo sie herkommen, was sie ihren Freunden dort zeigen, warum man dort dringend einmal Urlaub machen sollte – und mit welchem Thema man sofort mit den Locals ins Gespräch kommt. 

Fliegen für Einsteiger im Erzgebirge

(Bild: Marc Röhlig)

Grüne Fichtenwälder, dampfende Talkessel und saftige Weiden so weit das Auge reicht, wenn man erst mal vom erklommenen Gipfel herabschaut. Dieses Bild ist ziemlich genau, wie man sich Deutschland als Klischee vorstellt – und nirgendwo wird es so schön gezeichnet wie im Erzgebirge. Die Heimat meiner Großeltern lässt mein Herz bei jedem Besuch hüpfen. Aus der Ferne wird das Erzgebirge im Osten von Sachsen gerne als Dunkeldeutschland verschrien – ja, die Wahlplakate rechter Parteien hängen hier tiefer als andernorts – aber wer die Region bereist, trifft auf unheimlich viele weltoffene Menschen in heimeligen Orten. 

Das Programm: 

Für Sportliche: Zu Fuß rauf auf den Fichtelberg bei Oberwiesenthal und dann an der Fly-Line hängend wieder in die Tiefe rauschen! 

Für Entdecker: Rein in den Markus-Röhling-Stollen in Annaberg, ein stillgelegter Bergwerkstollen, dessen Tunnelsystem sich über 700 Kilometer erstreckt.

Für Genießer: Dann Hirschgulasch und Wickelklöße in der "Goldenen Höhe" bei Schneeberg futtern! Und bitte tunlichst vermeiden: In der Gaststätte Knödel statt Klöße bestellen. Das. ist. nicht. dasselbe! 

Wie man mit den "Locals" in Kontakt kommt: 

Wer sich bei den Einheimischen beliebt machen möchte, sagt "Klies" statt "Klöße" und "Schwamme" statt "Pilze".

Marc Röhlig

Tokio am Rhein

(Bild: Pixabay)

"Lot os mär en Päuske maake, Lot os noch en Altbier drenke! Düsseldorf Helau!" 

Spätestens mit dem typischen Karnevalsausruf dürfte den meisten klar sein, dass es hier um Düsseldorf geht. Ebenfalls klar: In Düsseldorf trinkt man Altbier! Am besten frisch gezapft in der Brauerei Füchsen, im Uerige in der historischen Altstadt oder an einem "Büdchen" (rheinländisch für Kiosk) ums Eck. 

Neben der typisch rheinländischen Tradition gibt es aber auch einen asiatischen Einfluss: 6500 Japaner machen Düsseldorf zur größten Asiatown Deutschlands. Im japanischen Viertel kann man fantastisch essen, aber Achtung: Manche Speisekarten gibt es nur auf Japanisch. 

Das Programm:

Für Flaneure: Der japanische Garten bietet auf 5000 Quadratmetern viele kleine Teiche und akkurat beschnittene Bäume. Hier kann man ganz schnell vergessen, dass man in Deutschland ist – und sich vom Essen im japanischen Viertel erholen.

Für Industrieromantiker: Das kleine Restaurant "Zur Sennhütte" bietet hauptsächlich Spätzle und Knödel - superlecker, aber darum geht es hier nicht. Sondern um den Ort: Hier kann man unter Lichterketten und mit Blick auf die Bahngleise Bananenbier trinken und sich gleichzeitig zu Hause fühlen und in die Ferne träumen. 

Wie man mit den "Locals" in Kontakt kommt: 

Am besten mal nach der Wehrhahn-Linie fragen: Die neue U-Bahn, die die Stadt besser verbinden soll, hat ein kleines Vermögen gekostet. Dafür sind die Haltestellen aber besonders kunstvoll gehalten, an der "Heinrich-Heine-Allee" gibt es sogar Klanginstallationen, die einem auf der Rolltreppe ins Ohr flüstern.

So kommt man sehr schnell ins Gespräch, was aber auch keine Kunst ist: Der Düsseldorfer ist sich eh nie für ein "Quätschke“ zu schade.

Lucie Wittenberg

Das Death Valley der Schwäbischen Alb

(Bild: imago/Arnulf Hettrich)

Wer erzählt, dass er oder sie aus Baden-Württemberg kommt, muss sich vieles anhören: Sparsam, fleißig und unverständlich sollen die Schwaben sein. Dabei ist kaum eine Region so abwechslungsreich. In der Heimatregion meiner Großeltern gibt es unberührte Natur und tiefe Täler.

Gerade im Hochsommer ist eine Reise über die Schwäbische Alb mindestens so aufregend wie ein Roadtrip durch die Mojave-Wüste. Wer irgendwo hinter Tübingen die Zivilisation verlässt, kommt in ein Gebiet, das von archaischen Ritualen (Uracher Schäferlauf) und karger Schönheit (Großes Lautertal) geprägt ist. Eine Gegend, die man am Besten auf der Durchreise erlebt. Von Tübingen bis Ulm schafft man es eigentlich an einem Nachmittag, doch erst wer sich Zeit lässt, entdeckt die wirkliche Schönheit der Schwäbischen Alb.

Das Programm:

Für Romantiker: Die Burg Hohenzollern ist die Alternative zum berühmten Disney-Schloss. Die Eintrittspreise sind allerdings erschwinglicher und die Umgebung ist natürlicher. Anders als das bayrische Schloss Neuschwanstein ist der Ort außerdem noch nicht ganz so bekannt bei Busreisenden. Instagram-tauglich ist er trotzdem. Von Tübingen aus erreicht man die Burg mit dem Auto in einer guten halben Stunde. Wer protzen will, mietet sich für die Fahrt einen Tesla beim örtlichen Stromanbieter.

Für Sportfreaks: Wer mehr als zwei Tage in der Region verbringt, sollte ein Fahrrad mitbringen oder ausleihen. Denn die Landschaft ist zu abwechslungsreich, um sie nur aus dem Seitenfenster zu beobachten. Viele Radstrecken sind durchaus sportlich, aber gut machbar. Im Eselsburger Tal lässt sich sehr gut klettern und auch spontan bouldern. Im Lautertal sind zu bestimmten Zeiten Kanutouren erlaubt, die Boote können vor Ort gemietet werden. 

Für Landlust-Lesende: Das Freilichtmuseum Beuren zeigt das Landleben so, wie man es sich in der Großstadt gerne vorstellt: Die alten Fachwerkhäuser sind gepflegt, Rinder haben lange Hörner und irgendwo wird frisches Brot gebacken. Das Freilichtmuseum zeigt verschiedene Bereiche des traditionellen Lebens zur Jahrhundertwende und verkauft auch regionale Lebensmittel. 

Wie man mit den "Locals" in Kontakt kommt: 

Einfach in eine der saisonalen Bauernwirtschaften gehen, die ihre Öffnungszeiten mithilfe eines angelehnten Besens vor der Tür markieren und deshalb auch genau so heißen ("Besen"). Die Einheimischen erkennen in der Regel von alleine, dass man nicht dazugehört. Wer die Annäherungsversuche ("Von wo kommsch du?") souverän beantwortet, wird jedoch meist schnell akzeptiert und mit etwas Glück sogar auf einen selbstgebrannten Schnaps ("Obstler") eingeladen. 

Jan Petter

Die schönste Straße Deutschlands

(Bild: imago images / allOver-MEV)

Eine malerische Landschaft, Wälder, Felder und überall fantastischer Wein: Die romantische Straße gehört zu den schönsten der Welt und ist eine der ältesten Ferienstraßen Deutschlands. Hier wimmelt es deshalb nur so vor Touristen und Wegweiser sind gern auch mal japanisch. 

In der Umgebung meiner Heimat ist eine Stadt schöner als die andere. Egal, wie klein sie auch ist. Und deshalb ist das liebliche Taubertal, der Teil der romantischen Straße, der zwischen Rothenburg ob der Tauber und (beinahe) Würzburg liegt, natürlich der schönste!

Das Programm:

Für Sportliche: Ganz einfach den Weg von Stadt zu Stadt mit dem Rad zurücklegen! Die Radwege sind gut beschildert und im Sommer gibt es viele Biergärten, in denen man eine Pause einlegen kann.

Für Entdecker: Der Wildtierpark in meiner Heimatstadt Bad Mergentheim beherbergt über 70 Tierarten, die fast auschließlich aus Europa stammen, und lohnt sich bei jeder Jahreszeit. Hier gibt es eine Haustiervorführung mit Schafen, Gänsen und Hütehunden, aber daneben auch Storchennester, Polarfüchse, Waschbären und das wahrscheinlich größte Wolfsrudel Europas. Danach kann man gleich noch im Kurpark der Stadt Wasser aus den Heilquellen probieren (schmeckt leider ziemlich salzig und bitter). Die wurden im 19. Jahrhundert von einer Schafherde entdeckt und machten aus der Stadt einen Kurort.

Für das perfekte Instafoto: In einem der wunderschönen Schlossparks flanieren. Zum Beispiel in Weikersheim und Würzburg. Oder in der historischen Altstadt von Rothenburg ob der Tauber posen. Da fühlt man sich sofort wie in einer Filmkulisse!

Für Genießer: Der Brückenschoppen auf der alten Mainbrücke in Würzburg ist ein Muss! Hier ist bei schönem Wetter die historische Brücke, die an die Karlsbrücke in Prag erinnert, so gut besucht, dass mittlerweile sogar spontan kleine Bands und viele Straßenmusiker dort auftreten. Der Ausblick auf die Festung und das Käppele: gigantisch. Besonders mit einem der hiesigen Weine in der Hand.

Für alle, die mal etwas ganz anderes machen wollen: Das Weihnachtsmuseum in Rothenburg und das Käthe Wohlfahrt Weihnachtsdorf direkt gegenüber. Hier ist das ganze Jahr Weihnachten – auch im Hochsommer. Und es ist immer voller Menschen, die sich mit deutschem Weihnachtsschmuck eindecken und ihn von dort aus mit in die ganze Welt nehmen. Diese surreale Glitzerwelt muss man einfach mal gesehen haben.

Wie man mit den "Locals" in Kontakt kommt: Wer nach dem Besuch im Wildtierpark und dem Kurpark in Bad Mergentheim mit den Locals ins Gespräch kommen will, fragt einfach, welches Bier das bessere ist: Herbsthäuser oder das "Distel" – und schon hat man eine Debatte angestoßen. 

Susan Barth


Zeitreise ins Mittelalter

(Bild: Pixabay)

A Brezn, Obatzter, dazua Weißwiascht oda Lebakaas mitm Händlmaier Senf - fertig is de guade boayrische Broudzeidplattn! Und die sollte man sich in meiner Heimatstadt, Landshut, nicht entgehen lassen. Außerdem gibt es eine fantastische Altstadt zum Schlendern und Wirtshäuser zum Einkehren, wie es sich für eine bayerische Kleinstadt gehört. Man kann der Folklore aber auch ganz entspannt den Rücken kehren.

Das Programm:

Für Sportliche: Wer sich erst einmal einen groben Überblick über die Stadt verschaffen möchte, der sollte das von oben tun - von der Burg Trausnitz auf dem Hofberg. Die Burg ist eine beliebte Location für Hochzeiten und Fotoshootings, neben dem Panorama ist also auch Slapstick quasi garantiert. 

Für Feinschmecker: Das Café Neon ist der Ort für den perfekten Start in den Tag. Denn das Neon ist nicht einfach irgendein beliebiges Café, sondern DIE Landshuter Adresse für alle Genießer unter uns. Das Frühstücksangebot ist hier griechisch inspiriert und himmlisch extravagant. Mein Favorit und Geheimtipp: Die "Banoffee-Pancakes" aus Nutella, Banane, Butter-Caramel und gehackten Nüssen - ein Traum!  

Für Romantiker:  In der Isarklause sitzt man beim Essen nicht nur AN- sondern direkt IN der Isar - und zwar auf dem Klausenfloss. Die schwimmende Insel ist ein echter Geheimtipp für einen romantischen Abend zu zweit. 

Für Zeitreisende: Alle vier Jahre findet die "Landshuter Hochzeit" statt. Bei dem mehrwöchigen historischen Fest wird die Stadt ins Mittelalter zurückversetzt – zwar mit Elektrizität und ohne Pest, aber auch mit Ritterspielen und historischem Essen.

Wer Karten zu traditionellen Ritterspielen möchte, sollte rechtzeitig buchen, denn die sind teilweise schneller ausverkauft als so manches Konzert in der Münchner Olympiahalle.

Wie man mit den "Locals" ins Gespräch kommt: 

Selbst, wenn die "Landshuter Hochzeit" gerade nicht stattfindet, ist sie dauerhaft Stadtgespräch: Die Auswahl der Mitwirkenden erfolgt bereits ein Jahr im Voraus und nach strengen Regeln. Nur wer in Landshut geboren und wohnhaft ist, sich im Verein "Die Förderer" als Mitglied engagiert, mindestens Schulterblattlange Haare hat (auch die Männer) und sich persönlich vor dem Besetzungsausschuss vorgestellt hat, bekommt die Chance, einer der insgesamt 2400 Mitwirkenden zu werden. Also einfach mal erkundigen, wie es gerade steht.

Jana Rudolf


Fühlen

Warum teilen Deutsche so ungern ihre Mahlzeiten?

Roberto ist in Chile geboren und aufgewachsen. Vor sechs Jahren lernte er dort auch seine deutsche Ehefrau auf einem Blind Date kennen. Nach dem ersten Kind ergab sich für Robertos Frau die Möglichkeit, einen Job in Deutschland anzunehmen. "Meine Frau hatte meine Kultur kennengelernt. Nun fand ich, dass es an der Zeit war, auch ihre Kultur kennenzulernen", erinnert er sich. Er kündigte seinen Job in Chile und zog mit seiner Frau und der damals einjährigen Tochter nach Hamburg. Vier Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile hat sich Roberto in Deutschland gut eingelebt und sich an die neue Kultur gewöhnt. Einige Dinge wundern ihn allerdings immer noch.

Zum Beispiel, auf der letzten Grillparty...