Bild: Katharina Glas

Katharina Glas ist 26, lebt in Wien und ist eigentlich Tänzerin. Doch auf YouTube auf ihrem Kanal "How To Slay Omas Kleiderschrank" sehen ihr mittlerweile fast 30.000 Menschen regelmäßig dabei zu, wie sie alte Jeans ihrer Mutter enger näht, aus Tischdecken ihrer Oma Sommerkeider entwirft und Secondhand-Klamotten so umschneidert, dass sie aussehen wie neue teure Designerstücke. Dabei hat sie mit dem Nähen erst in diesem Jahr begonnen. 

Wie hat das Upcycling ihren Blick auf die schnelllebige Modeindustrie verändert – und auf die Umwelt? Das verrät Katharina im Interview.

Hast du mit dem Nähen nur deshalb angefangen, weil du die Kleidung deiner Oma umnähen wolltest oder konntest du es schon vorher?

Katharina: "Das mit dem Nähen war eigentlich eine Schnapsidee. Ich war Anfang des Jahres viel zu Hause und habe aus Langeweile angefangen, englische Nähvideos auf Youtube zu schauen, in denen aus alten Klamotten neue gemacht werden. Das fand ich so faszinierend, dass ich mir für 20 Euro eine alte Nähmaschine über eine Flohmarkt-App gekauft habe. Ich habe sie vor mich hingestellt und dachte: So, jetzt fängst du halt mal an. 

(Bild: Katharina Glas)

Mein erster Versuch war, eine alte Bluse umzunähen. Dafür habe ich die ganze Nacht gebraucht, aber es hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Als nächstes habe ich an Bettwäsche und Vorhangstoffen geübt, die man kiloweise für wenig Geld auf Flohmärkten bekommt. Am Anfang sahen diese Kleider wirklich furchtbar aus, aber ich wurde schnell besser."

Was hat dich an dem Upcycling alter Klamotten gereizt? 

"Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich aus einem Umweltaspekt heraus mit dem Nähen angefangen hätte. Am Anfang war es vor allem die Kreativität, die mich motiviert hat. 

Es war mir zwar bewusst, dass es nicht gut ist, sogenannte Fast Fashion zu shoppen, aber als Studentin konnte und wollte ich mir keine fair produzierten Kleidungsstücke kaufen, sondern lieber mehr Auswahl in meinem Schrank haben. Doch je mehr ich genäht habe, desto mehr habe ich gemerkt, wie viel Arbeit in einem T-Shirt steckt."

„Wenn ich jetzt sehe, dass ein T-Shirt irgendwo fünf Euro kostet, tut mir das richtig weh. Ich möchte nie wieder in Fast-Fashion-Läden einkaufen.“
Katharina Glas

Kleiderkonsum und Altkleideraufkommen in Deutschland

In Deutschland kaufen Menschen durchschnittlich etwa 60 Kleidungsstücke im Jahr (Greenpeace). Pro Monat geben die meisten Menschen zwischen 50 und 75 Euro für Klamotten aus (Statista). 2018 kamen die deutschen Haushalte damit auf eine Gesamtausgabe für Kleidung von insgesamt fast 65 Milliarden Euro (Statista). 

Anders als früher gibt es heute ständig neue Kollektionen in den Läden. Dieses Prinzip nennt sich "Fast Fashion", weil sich Trends und Angebote in einer sehr schnellen Taktung ändern, um immer wieder neue Kaufanreize zu setzen.

Weil die Schränke der Menschen allerdings bereits voll sind, wird viel aussortiert. Pro Jahr beträgt das Altkleideraufkommen in Deutschland mehr als eine Million Tonnen – das entspricht etwa 26 Kilo pro Person. (Fachverband Textilrecycling)

Spart du mit dem Nähen viel Geld?

"Obwohl Fast Fashion so günstig ist, würde ich schätzen, dass der Inhalt meines Kleiderschranks noch günstiger ist. Klar kosten Second-Hand-Klamotten auch Geld, aber ich bekomme auch sehr viel geschenkt. Sobald Leute wussten, dass ich nähe, habe ich tonnenweise aussortierte Kleidung bekommen. Der etwas ambivalente Trend des Ausmistens kommt zumindest mir zu Gute."

Ist es nicht auch ein Problem, dass überhaupt so viel Kleidung produziert wird?

"Ja, denn Kleidung aus Stoffgemischen kann beispielsweise nicht recycelt werden. Das funktioniert nur, wenn sie aus einem Material besteht, zum Beispiel 100 Prozent Baumwolle. Da mittlerweile aber fast immer synthetische Fasern beigemischt sind, bleiben die enthaltenen Kunststoffe nach der Entsorgung noch Hunderte Jahre auf diesem Planeten."

„Ich glaube, vielen Menschen ist beim Kauf eines T-Shirts nicht bewusst, dass es nicht verrotten kann. Das Bewusstsein gegenüber Plastikflaschen oder Einwegtüten ist viel höher.“
Katharina Glas

Modeindustrie und Umwelt

Durch den Anbau und die Produktion der Rohfasern sowie das Färben oder Bedrucken der Textilien, belastet die Herstellung von Kleidern die Umwelt sehr stark (Umweltbundesamt). In vielen asiatischen Ländern, in denen die Kleidung für unsere Märkte produziert wird, vergiftet die Textilindustrie Flüsse, Böden und das Trinkwasser (Greenpeace).

Beim Waschen der Kleidung gelangt zudem Mikroplastik in die Meere, Flüsse und die Umwelt. Der Anteil des Mikroplastiks in der Umwelt stammt zum Großteil aus der Textilindustrie. (Spiegel Online)

Kriegst du im Alltag viele Reaktionen auf deine Outfits? 

"Ja, ich bekomme oft Komplimente für meine Klamotten. Viele fragen, woher ich sie habe. Wenn ich dann sage, dass ich sie selbst genäht habe, sind die Leute beeindruckt. Ich habe immer damit gerechnet, dass man mein Hobby belächeln würde und finde es deshalb umso schöner, wie hoch ein solches Handwerk offenbar anerkannt wird."

„Es ist selbst dann cool, wenn ich um drei Uhr früh im Club davon erzähle.“
Katharina Glas

Gibt es ein selbstgenähtes Kleidungsstück, das dir besonders viel bedeutet?

"Im Januar habe ich mir für den Wiener Philharmoniker-Ball selbst ein Ballkleid genäht. Ich habe mir für 25 Euro zwei gebrauchte Ballkleider im Internet bestellt und daraus etwas ganz eigenes kreiert. Auf dem Ball wurde ich so oft auf das Kleid angesprochen und sogar gefragt, wer der Designer ist! Das war unglaublich.

Das Ballkleid war mein erstes wirklich großes Nähprojekt, das dann auch zu meinem ersten YouTube-Video wurde. Ich dachte vor der Veröffentlichung, dass ich bestimmt von Freunden und in YouTube-Kommentaren viel Kritik bekommen würde. Ich dachte, für YouTube sei ich mit 26 Jahren schon zu alt und andere würden meine Nähversuche peinlich finden. Aber nichts davon ist passiert. Es gab eine wahnsinnig positive Resonanz. So viel Feedback habe ich für meinen eigentlichen Beruf als Tänzerin noch nie bekommen."

Katharina hat Ballett studiert. Hauptberuflich arbeitet sie als Tänzerin. Beim Nähen kann sie kreativ sein und muss sich nicht körperlich anstrengen.

(Bild: Katharina Illnar)

Was macht dir an deinen Videos am meisten Spaß?

"Das Feedback: Junge Menschen schreiben mir Nachrichten und erzählen, dass sie sich auch eine Nähmaschine gekauft haben und anfangen, eigene Kleidung zu nähen. Vor ein paar Wochen hat mir eine Oma geschrieben, dass ihre Enkelin ihr meine Videos gezeigt hat und sich dann ihre Nähmaschine ausgeliehen hat, um selbst etwas zu nähen. Sie hat sich bei mir bedankt und meinte, sie sei froh, dass ich junge Menschen für das Nähen begeistere. Das war ein unglaublich schönes Gefühl."

Gibt es etwas, das du nicht selbst nähst?

"Ja, Socken. Die kaufe ich. Das ist aber mein einziges ‚Guilty Pleasure‘."

Hast du einen Tipp an alle, die mit dem Nähen anfangen möchten?

"Einfach loslegen. Am besten mit alten Kleidern aus dem eigenen Schrank, alter Bettwäsche und ein bisschen Geduld. Online findet man heute wirklich alles, was man braucht. Und falls du denkst, du hast keine Zeit oder kein Talent dafür: Kauf dir zumindest Second-Hand-Klamotten anstatt neuer Kleidung. Die Auswahl ist riesig und es ist total im Trend."


Future

Mythos Pilot: Was stimmt und was nicht?
Ein junger Pilot erzählt, was es mit dem Beruf wirklich auf sich hat.

Dirk Schulz ist 41 Jahre alt und Pilot bei der Lufthansa. Mit ihm haben wir über die gängigsten Annahmen zum Beruf Pilot gesprochen und ein paar überraschende Dinge erfahren:

Mythos #1: Um Pilotin oder Pilot zu werden, muss man schon in der Schule ein Überflieger sein – ein Ass in Technik und Physik.

„Muss man nicht! Ich würde mich selbst nicht als solchen bezeichnen. Tatsächlich habe ich ja auch Soziologie und nichts Technisches vor meiner Pilotenausbildung studiert. Es gibt zwar viele Eigenschaften und Fähigkeiten, die man alle auf einem guten Niveau mitbringen muss oder eben während der Ausbildung erlernt. Man braucht aber in der Schule keine weltmeisterlichen Mathe- oder Physik-Leistungen erbringen.

Aber es darf auch nicht sein, dass man in bestimmten Bereichen völlige Ausfälle hat. Man kann noch so viel übers Flugzeug wissen und alle Schrauben benennen können, wenn man aber ein Choleriker ist, dann bringt das alles nichts. Das ist dann ein sogenanntes ‚killing item‘.

Ein Technikfreak zu sein, kann also ein Plus sein, wenn man auch alle anderen Eigenschaften, wie z.B. eine ausgereifte Persönlichkeit mitbringt. Aber man kann mit technischem Know-How nicht Ausfälle im Persönlichkeitsprofil kompensieren.“

Mythos #2: Die Pilotenausbildung kostet ein halbes Vermögen und dauert das ganze Leben

„Das erste stimmt nicht wirklich. Sie kostet zwar Geld, aber bei der European Flight Academy, der Flugschule der Lufthansa Group, wird die Ausbildung vorfinanziert. Erst später, wenn man als Pilotin oder Pilot bei einer Lufthansa Group Airline arbeitet, muss ein Teil dieser Kosten von dem Gehalt zurückgezahlt werden. Das heißt, man muss zu Beginn der Ausbildung die Kosten nicht sofort tragen. Der Hintergrund dazu ist: Die Firma sucht nicht diejenigen, die es sich leisten können. Sondern die, die am besten dafür geeignet sind. Darum ist das Modell darauf ausgerichtet, dass es erstmal die Firma zahlt und die Pilotin oder der Pilot es später zinsfrei und nach einem vereinbarten Plan zurückzahlt.

Und was das lebenslange Lernen angeht: Das ist definitiv der Fall und das ist auch gefordert. Dinge ändern sich, Verfahren werden neu aufgesetzt und auch die Technik entwickelt sich. Die Grundausbildung an der European Flight Academy selbst ist aber nach circa zwei Jahren abgeschlossen. Danach ist man bereit für das Cockpit eines Passagierflugzeuges.“

Mythos #3: In der Luft macht doch eh alles der Autopilot

„Jein. Über die Jahrzehnte ist das händische Fliegen - rauf, runter, links, rechts -, anteilig an der Gesamtarbeit die wir leisten, weniger geworden. Denn der Autopilot hält tatsächlich Höhe, Richtung und Geschwindigkeit. Es ist aber so, dass wir am Boden schon und auch in der Luft viele Entscheidungen treffen müssen. Wir sagen dem Autopiloten ja, was er machen soll. Das kann man sehr schön mit Schach spielen vergleichen: Da kann man auch denken ‚Der setzt jetzt den Bauern einen vor. Wo ist das Problem? Das kann doch jeder oder auch ne Maschine machen!‘ Die strategische Leistung, die dahintersteht, die sieht man nicht. Vor allem wenn man keine Ahnung vom Schachspielen hat. Wir müssen das Gesamtsystem händeln, managen und Entscheidungen treffen in einem sehr komplexen System aus Wetter, Flugzeugtyp, Flughafen, Situation et cetera. Es geht nicht nur um links, rechts, oben, unten.“ 

Mythos #4: Pilotinnen und Piloten dürfen keine Fehler machen!

„Piloten machen auch mal Fehler. Denn Menschen machen Fehler. Und das auch mehrmals am Tag, soviel weiß man.

Aber wir arbeiten heute nicht mehr in einem System, das darauf angelegt ist, keine Fehler zu machen. Das Stichwort dazu ist Redundanz, heißt mehrere gleichzeitig mitlaufende Sicherheitssysteme, so dass ein oder sogar mehrere ggf. fehlerhafte Systeme erkannt werden und von anderen korrigiert werden.

Ein Beispiel: Wir machen keine Flugbewegung in der Luft, ohne dass der Fluglotse uns eine Freigabe gegeben hat. Wenn der Fluglotse oder die Lotsin per Funk durchgibt: ‚Drehen Sie nach rechts um 10 Grad‘, dann antwortet einer im Cockpit: ‚Verstanden, drehen um 10 Grad nach rechts ein‘ und der andere macht das dann. Der, der den Funk durchgegeben hat, überprüft das wiederum. Aber auch der Lotse bekommt über die Technik nochmal zurückgemeldet, ob das Flugzeug nun tatsächlich so gelenkt wurde. Es sind also drei Leute und die Technik daran beteiligt, dass das klappt. Das heißt, wenn einer oder sogar zwei, theoretisch einen Fehler machen, dann würde das immer noch auffallen.

Es ist menschlich, dass Fehler gemacht werden. An der Schraube können wir nicht drehen. Das kriegt man nicht 100 Prozent in den Griff. Aber was man in den Griff kriegt, ist der Umgang mit Fehlern. Wir können Systeme designen, die an jeder Stelle mehrfach hintereinander geschaltete Sicherheiten haben, wo dann Fehler erkannt werden. Außerdem gehört eine ausgereifte Fehlerkultur dazu. Wir haben zum Beispiel ein Fehlermeldesystem, das den Piloten von Sanktionen befreit, wenn er einen Fehler macht und diesen meldet. Das ist sehr wichtig, denn Fehler müssen gemeldet werden, damit alle daraus lernen können.“

Mythos #5: Morgens frühstücken in Amsterdam, abends joggen in Miami ­– Pilotinnen und Piloten haben das tollste Jet Set-Leben

„Das stimmt. Die Möglichkeiten sind schon wirklich gigantisch! Ich bin gestern von einer Drei-Tages-Tour zurückgekehrt. Wir sind in München gestartet, meinem Arbeitsort, dann sind wir Kurzstrecke geflogen, wieder zurück nach München und dann nach Amsterdam. Und da hatten wir dann den Rückflug erst am nächsten Tag um 18 Uhr. Da konnte ich dann den ganzen Tag machen, was ich wollte. Danach ging es nach München und Helsinki. Und nächsten Monat habe ich einen ganzen Tag frei in Lissabon, da nehme ich dann meinen Vater mit.

Nach dem Flug sieht das so aus: Man wird vom Flughafen mit dem Taxi abgeholt und zum Hotel gebracht, das auch immer sehr gut ist. Und dann kann man am nächsten Tag eben machen, was man will. Ich muss mir nur eins merken: Wann werden wir wieder am Hotel abgeholt. 

Es gibt natürlich auch Touren, da bleibt nicht viel Zeit übrig – die sogenannten Pyjamatouren – da ist dann nur Zeit zum Ausruhen und noch was Kleines, wie eine Sporteinheit oder ein gemütliches Essen. Aber oft gibt es auch Touren, da ist viel Zeit. Bei der Langstrecke ist man zum Beispiel immer 24 Stunden vor Ort, manchmal aber auch 2 oder 3 Tage. Das ist schon ein unfassbar toller Benefit dieses Jobs. Aber auch für alle, die abends gerne in ihrem eigenen Bett schlafen, gibt es alternative Modelle innerhalb der Lufthansa Group auf der Kurzstrecke.