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Eine junge Wissenschaftlerin entwickelt grüne Alternativen und erklärt, warum das gar nicht so einfach ist.

Klimaschutz war das große Thema 2019. Trotzdem endet auch dieses Jahr wie immer: mit Rückschau, Raclette – und sehr viel Rauch. 

Denn obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland laut einer aktuellen Umfrage für ein Böllerverbot ist (RND), bleibt der Umsatz mit Silvesterfeuerwerk unverändert hoch (Statista). Die Deutschen wollen den Spaß an den Knallern offenbar nicht aufgeben. Da fragt man sich: 

Warum lässt sich die Freude am Feuerwerk nicht einfach mit Umweltschutz verbinden? 

Rund 4200 Tonnen Feinstaub werden laut einer Schätzung des Umweltbundesamts (UBA) jedes Jahr durch in Deutschland erworbene Feuerwerkskörper in die Luft geschossen. Der Großteil davon entstehe in der Silvesternacht. Das UBA vermutet den tatsächlichen Feinstaub-Wert sogar noch deutlich höher, da viele Knaller im Ausland gekauft werden. Doch selbst nach der konservativen Schätzung wäre eine einzige Nacht für zwei Prozent des pro Jahr in Deutschland freigesetzten Feinstaubs verantwortlich.

Das ist nicht nur absurd, sondern schadet auch der Umwelt und den Menschen: Feinstaub ist für diverse Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen verantwortlich (UBA) und gerade für Kinder sehr schädlich (SPIEGEL). Zudem landen viele der in Feuerwerkskörpern verwendeten Chemikalien durch den Raketenmüll im Boden und in Gewässern (UBA).

Doch Öko-Böller sucht man im Supermarkt vergebens. Warum?

Wir haben Madgalena Rusan gefragt. Die 36-Jährige ist Chemikerin und arbeitet an der Ludwig-Maximilians-Universität München an der Entwicklung von ökologischerem Feuerwerk.

(Bild: privat)

bento: Warum gibt es keine sauberen Feuerwerkskörper zu kaufen?

Magdalena Rusan: An der Uni arbeiten wir schon seit Jahren an umweltfreundlicheren Pyrotechnika. Die müssen allerdings zunächst entwickelt werden und das kostet Geld. Gerade in Deutschland sind die Feuerwerkshersteller sehr traditionell und müssen natürlich auf die Kosten achten. Daher kaufen sie hauptsächlich in China ein, wo es am günstigsten ist. Wenn es keine Vorschriften zu den verwendeten Stoffen gibt, dann wird immer das Geld entscheiden.

bento: Wie funktioniert eure Pyrotechnik, im Gegensatz zur konventionellen?

Magdalena: Wir ersetzen beispielsweise kohlenstoffreiche Verbindungen durch stickstoffhaltige. Denn die Verbrennungsprodukte von ersteren sind CO2 und andere Kohlenstoffverbindungen – also Feinstaub. Aus einer stickstoffreichen Verbindung hingegen entsteht Stickstoff, der ohnehin in der Luft vorhanden ist. 

Außerdem müssen die giftigen Schwermetalle ersetzt werden, die aktuell für die Farben verantwortlich sind.

bento: Aber für den Markt ist das noch nichts?

Magdalena: Die Technik existiert zwar, aber sie muss sich noch im Großfeuerwerk bewähren. Wir an der LMU testen bisher hauptsächlich im Labormaßstab. Danach wäre der nächste Schritt, in Massenproduktion zu gehen, was Sache der Pyrofirmen ist.

Bevor es soweit ist, muss aber noch einiges geschehen: Man muss beispielsweise testen, ob die chemischen Verbindungen in den neuen Feuerwerkskörpern auch langfristig stabil sind. Nur weil wir die Pülverchen, die im Labor gelagert waren, nach einem Jahr noch verwenden können, heißt das nicht, dass dies auch der Fall wäre, wenn sie als Raketen verpackt über Jahre aufbewahrt werden. 

bento: Sind die heutigen Böller zumindest umweltfreundlicher als vor 20 Jahren?

Magdalena: Es ist natürlich Firmengeheimnis, was genau die Hersteller verwenden, aber ich schätze, es hat sich wenig verändert. Das, was sich bewährt hat, wird von den Herstellern weiterhin verwendet. In den USA wurde mal über Vorgaben diskutiert, damit bestimmte Werte nicht überschritten werden. So etwas gab es in Deutschland bisher nicht. 

bento: Auch in der Forschung ist die Suche nach Alternativen nicht weit verbreitet.

Magdalena: Das stimmt. In Deutschland befassen sich hauptsächlich die LMU in München und das ICT in Karlsruhe mit der Forschung an Pyrotechnik und Explosivstoffen. 

Und obwohl wir an der Uni das Glück haben, vieles einfach mal ausprobieren zu dürfen, gibt es auch bei uns für bestimmte Projekte Geldgeber. Einige davon kamen aus den USA, wo es eben eine Zeit lang die Debatte über umweltfreundlichere Feuerwerkskörper gab. 

Unser erster Schritt war es, die giftigen Schwermetalle loszuwerden. Die grüne Farbe in Feuerwerkskörpern wird beispielsweise durch Barium erzeugt – ein Schwermetall, das sehr giftig ist. Das lässt sich durch Kupfer- und Borverbindungen tauschen. Beim Schwermetall Strontium, das für das Rot verantwortlich ist, untersuchen wir nun, ob man es durch Lithium ersetzen kann. 

bento: Würde eine saubere Rakete anders aussehen? Eine blasse, langweilige Öko-Variante?

Magdalena: Auf keinen Fall! Die Leistung muss stimmen, sonst interessiert es ja keinen. Genau das ist die Schwierigkeit: Der Effekt muss genauso gut oder besser sein – gleichzeitig darf die chemische Verbindung nicht empfindlich sein. Sprich, es darf nicht explodieren, wenn man die Rakete in der Hand hält oder fallen lässt. 

bento: Klar, Forschung kostet. Aber wäre Öko-Feuerwerk nicht auch eine Goldgrube für das Unternehmen, das damit als Erstes auf den europäischen Markt geht?

Magdalena: Ich denke, es ist eine Zeitfrage. Die Uni forscht seit etwa 10 bis 15 Jahren daran – das klingt vielleicht nach viel Zeit, ist es in der Forschung aber nicht. Wir müssen noch mehr herausfinden.

Ich kann mir aber vorstellen, dass in den nächsten Jahren einige Firmen oder Start-ups Interesse zeigen werden.

bento: Braucht es Verbote seitens der Politik, um etwas zu ändern?

Magdalena: Ich persönlich denke schon, dass der Gesetzgeber Vorgaben machen muss. Ohne diese werden die meisten Hersteller nichts verändern. Sobald der Kostenfaktor eine Rolle spielt, wird jede Firma sagen: Können wir uns nicht leisten, wollen wir uns nicht leisten, nur das Billigste.

bento: Bist du selbst Feuerwerksenthusiastin?

Magdalena: Ich liebe Feuerwerk! Allerdings bin ich der Meinung, es sollte nur in professionellen Händen liegen.


Gerechtigkeit

Ist Oma eine Umweltsau? Wir haben vier Klimaaktivisten um ihre Meinung gebeten
Warum die Debatte nicht über Meinungsfreiheit oder Satire geführt werden sollte – und welche Schuld "die Alten" wirklich tragen.

Das Lied taugte schon immer zum Generationenkonflikt-Hit. Als "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" in den 1940ern gedichtet wurde, orientierte sich das Kinderlied am noch älteren Varietélied "Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen", hinzu kamen später Strophen über Diskobesuche und Petticoats. (Liederlexikon)

Nun hat der WDR einen Kinderchor eine neue Version einsingen lassen – und die Oma zur "Umweltsau" gemacht. 

Am Freitag lud der WDR das Video auf Facebook hoch. Nach heftiger Kritik aus dem Netz löschte er es wieder. Es ging um Zeilen wie: "Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett, weil Discounterfleisch so gut wie gar nix kostet. Meine Oma ist ne alte Umweltsau."

Viele hatten sich beschwert: Kinder würden instrumentalisiert, Ältere beleidigt, mit Meinungsfreiheit oder Satire habe das nichts mehr zu tun. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schrieb auf Twitter nach: Das Lied habe die "Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten". WDR-Intendant Tom Buhrow bezeichnete das Kinderchorlied in einer Sondersendung schließlich als "Fehler". (SPIEGEL)

Ist das Lied wirklich so daneben? Oder stimmen die Zeilen inhaltlich sogar? Wir haben die gefragt, die sich mit "Umweltsäuen" am besten auskennen: Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays for Future" und "Ende Gelände".

Carla Reemtsma, 21 Jahre, "Fridays for Future"-Delegierte aus Münster