Bild: Westend61/imago
Über die neue Coolness von Umweltbewusstsein

In meiner Klasse gab es ein Mädchen, sagen wir, sie hieß Line. Lines Familie war, was wir damals "Öko" nannten. Der Umwelt zuliebe trug sie unförmige Second-Hand-Klamotten, aß selbstgebackenes Vollkornbrot und fuhr in den Ferien zum Zelten nach Bayern. Zu Lines Geburtstagspartys wollte nie jemand gehen. Bei ihr zu Hause roch es seltsam, sie hatte keine Barbies und statt Gummibärchen bekamen wir Rosinen zum Naschen. Sie konnte nichts dafür, aber Line war ziemlich uncool.

Inzwischen habe ich den Kontakt zu ihr verloren. Doch dieser Tage denke ich manchmal noch an Line und ihre Familie. Weil es heute nicht mehr uncool ist, sich für die Umwelt zu interessieren. Im Gegenteil.

Millionen Menschen streamen den Song "Earth" von Rapper Lil Dicky, der gemeinsam mit Justin Bieber, Ariana Grande und weiteren Superstars gegen den Klimawandel ansingt. Influencerinnen und Influencer präsentieren ihre veganen Bowls mit regionalem Gemüse aus dem Bio-Supermarkt. Jede noch so schnelllebige Modekette hat mittlerweile auch nachhaltige Bio-Baumwolle im Sortiment.

Bei "Fridays for Future" gehen tausende junge Menschen für Klimaschutz auf die Straße. Ihre Anführerin ist eine ernsthafte 16-Jährige mit strengen Zöpfen und Wollmütze, ein bisschen wie Line. Bei uns in der Schule hätte Greta Thunberg es wahrscheinlich schwer gehabt – heute ist sie für viele junge Menschen ein Vorbild.

Selbst auf der als oberflächlich verschrienen Plattform Instagram ist das neue Umweltbewusstsein zu beobachten. 

Lief unter den Influencern der ersten Stunde noch der Wettbwerb um möglichst exzessiven Konsum und das perfekte Foto, gibt es inzwischen viele Accounts, die sich der Umwelt- und der Nachhaltigkeit widmen. Ex-GNTM-Kandidatin Marie Nasemann, die zu fairer Mode bloggt, "Dariadaria" Alizadeh, die grünen Lifestyle vorlebt, oder Mia Marjanović, die veganes Essen und nachhaltige Mode zeigt.

Diese Instagrammerinnen sind zwar noch immer jung, attraktiv und gut gekleidet, ihre Fotos passen in den üblichen Look der Plattform. Aber in ihren Storys und Texten schreiben sie über nachhaltigen Konsum, Verzicht und Ideen für eine bessere Welt. Kaum ein schönes Foto kommt ohne ernste Message daher. Influencer, die sich nicht mit diesen Themen auseinander setzen, können hingegen schnell abgehängt werden.

Das bekam auch Lena Meyer-Landrut zu spüren. Die Sängerin hat seit neuestem eine eigene Kollektion bei H&M. Jahrzehntelang wäre das in der Werbe-Zielgruppe erfolgreich gewesen. Aber nicht so mit der "Fridays for Future"-Jugend: Auf ihrem Insta-Kanal hagelte es unter Lenas Werbe-Post kritische Kommentare: Ob sie sich denn gar nicht mit den Produktionsbedingungen bei H&M auseinandersetzen würde? Warum sie nicht mit einem nachhaltigeren Label kooperiere?

Wie selbstverständlich Umweltbewusstsein dazugehört, zeigt sich daran, dass sich selbst Menschen damit schmücken, deren Verhalten bisher anders war. 

Da ist die Influencerin Ebru, bei Instagram unterwegs als "nazjuju". Sie erntete vor einigen Monaten einen Shitstorm – weil sie in einem "Let’s save our planet"-Pulli von Stuttgart nach Hamburg flog. Sie schmückte sich mit Symbolen und Slogans der Umweltbewegung – obwohl ihr die Umwelt offenbar nicht mal wichtig genug war, um sich für eine innerdeutsche Strecke in den Zug zu setzen. Individuelles Greenwashing, könnte man sagen.

Den Druck, im privaten umweltbewusst zu handeln – oder zumindest vorzugeben, es zu tun – gibt es nicht nur auf Instagram. Auch in meinem Umfeld ist Umweltschutz häufiger Thema. 

Freunde schwärmen vom neuen Zero-Waste-Café oder erzählen, wie toll Kernseife ist. Wenn ich in den Urlaub fahre, fragen sie kritisch, ob ich denn den Zug nehme. Im angesagten Klamotten-Laden bekomme ich erklärt, wie schädlich Tüten jeglicher Art sind – dass ich aber für 50 Cent Aufpreis eine haben könnte. 

Wer zu diesen Kreisen dazugehören will, fügt sich. Sich nicht um seinen CO2-Fußabdruck zu kümmern, ist in etwa so, wie über Mario Barth zu lachen oder bei McDonald’s zu essen – unreflektiert, nicht zeitgemäß, und: uncool. So wie Line früher.

Zu meiner Schulzeit galten Menschen als cool, die frech zu Lehrern waren, die Schule schwänzten und rauchten. Im Studium waren es dann vielleicht die, die ständig auf Partys waren und sich für Studiengänge entschieden, die miese Jobaussichten hatten. Die ironisch waren und frei. Menschen, die sich um nichts scherten.

Die Umweltbewegung hat nichts von diesen Merkmalen. Greta Thunberg und ihre Mitstreiter fordern radikale Umweltschutz-Maßnahmen, sie sprechen dabei von brennenden Häusern und warnen, dass es keinen Planeten B gibt. Sie meinen es ernst. Ernsthaftigkeit verträgt sich eigentlich nicht mit Coolness.

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Doch die Tendenz ist klar: Um cool zu sein, reicht es nicht aus, die richtigen Klamotten zu tragen. Die coolen Kids von heute wollen auch wissen, wie diese Klamotten produziert wurden.

Dass sie sich dabei manchmal in Widersprüche verstricken – im nachhaltigen T-Shirt zur nicht ganz so nachhaltigen Weltreise aufbrechen, zum Beispiel – gehört dabei wohl erstmal dazu. Ebenso wie die Tatsache, dass nicht jeder beim umweltbewussten Lifestyle mitmachen kann – weil nicht jeder die Zeit für selbstangerührte Zahnpasta oder das Geld für Biogemüse hat. Aber was wäre Coolness, wenn es nicht auch ein paar Uncoole gäbe, gegen die man sich abgrenzen kann?  



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