Bild: Jan-Peter Kasper/dpa
Wir klären die wichtigsten Fragen.

Rund 2,8 Millionen Tiere wurden im Jahr 2017 für wissenschaftliche Tierversuche in Deutschland verwendet – knapp 740.000 von ihnen wurden im Zuge dessen getötet. Diese Zahlen veröffentlichte das Landwirtschaftsministerium am Donnerstag. Im Vergleich zum Vorjahr haben sie sich kaum verändert.

Am häufigsten wurden von den Forscherinnen und Forschern Mäuse verwendet, insgesamt 1,37 Millionen Tiere. Rund 500.000 weitere waren Ratten und Fische, bei Tierversuchen kamen aber auch größere Tiere wie Hunde (3300) und Katzen (718) zum Einsatz. Besonders gestiegen ist die Zahl der verwendeten Affen, von knapp 2500 im Vorjahr auf fast 3500

Tierschutzorganisationen fordern seit Jahren das komplette Ende von Tierversuchen, die Grünen-Politikerin Renate Künast fordert aktuell eine "klare Ausstiegsstrategie" für die Versuche an Tieren (taz). 

Doch ist ein Ende von Tierversuchen realistisch? Wir klären die wichtigsten Fragen zu dem umstrittenen Thema.

1 Wo kommen Tierversuche zum Einsatz?

Sämtliche Versuche an Tieren in Deutschland dürfen nur für wissenschaftliche Zwecke durchgeführt werden. Wofür genau die Tiere allerdings eingesetzt werden, ist sehr vielfältig: 

  • Etwa die Hälfte der Tiere wurde 2017 für die Grundlagenforschung verwendet. Hierbei geht es nicht um die Suche nach konkreten Medikamenten oder Therapien für Krankheiten, sondern beispielsweise um das Verständnis, wie genau Krankheiten im Körper funktionieren – womit dann die Grundlage für zukünftige Forschungen geschaffen wird.
  • 27 Prozent der Tiere kamen bei der Erforschung oder dem Testen von Medikamenten zum Einsatz.
  • Weitere 15 Prozent nutzten Wissenschaftler zur direkten Erforschung von Krankheiten bei Menschen und Tieren.
  • Ein weiterer Teil wird für die Überprüfung von Gebrauchsgütern wie Farben oder Pestiziden auf Unbedenklichkeit benötigt, bevor diese auf dem Markt zugelassen werden. (BR)

Versuche an Tieren für Kosmetik- und Schönheitsprodukte sind bereits seit 1998 in Deutschland verboten. Seit 2013 dürfen in der gesamten EU keine Kosmetika verkauft werden, die an Tieren getestet wurden. Das bedeutet aber nicht, dass diese auch tatsächlich komplett tierversuchsfrei sind: Einzelne Inhaltsstoffe können trotzdem an Tieren getestet worden sein. 

Mittlerweile gibt es verschiedene Prüfzeichen, anhand derer sich feststellen lässt, ob ein Kosmetikprodukt komplett frei von Tierversuchen ist, etwa vom Deutschen Tierschutzbund oder des Bundesverbands deutscher Industrie- und Handelsunternehmen.

2 Sind Tierversuche wirklich nötig?

Damit Medikamente und bestimmte andere Gebrauchsgüter auf dem deutschen Markt zugelassen werden dürfen, müssen sie an Tieren getestet werden – das ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber braucht es das heutzutage überhaupt noch?

Die Mitglieder des Vereins "Ärzte gegen Tierversuche" etwa sind der Meinung, Versuche an Tieren seien der falsche Weg in der Erforschung von Krankheiten und Medikamenten. Sie sagen, dass sich Mensch und Tier zu sehr voneinander unterscheiden würden, um aussagekräftige Ergebnisse bei Tierversuchen zu erzielen. 

Die These untermauern sie mit Beispielen von Versuchsreihen, die bei Tieren funktioniert haben, aber nicht beim Menschen. So seien etwa 500 Schlaganfallmedikamente im Tierversuch wirksam gewesen, hätten aber beim Menschen versagt. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen jedoch auf zahlreiche Erfolge hin, die auf Tierversuche zurückzuführen sind: So sei beispielsweise der Herzschrittmacher erstmals bei Meerschweinchen und Hausschweinen erfolgreich implantiert worden, bevor dies auch beim Menschen passierte. Heute werden allein in Deutschland jährlich 100.000 Herzschrittmacher eingesetzt (Ärztezeitung).

3 Gibt es Alternativen?

"Ärzte gegen Tierversuche" plädiert für tierversuchsfreie Verfahren in der Forschung und nennt die Versuche ein "Relikt vergangener Zeiten" – zuverlässige Alternativen gebe es genügend und diese seien ohnehin auch wirksamer. 

Die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen, darunter die Max-Planck-Gesellschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft widersprechen: Die biomedizinische Forschung könne nicht in allen Bereichen auf Tierversuche verzichten – man könne zum Beispiel komplexe Kreislauf- und Gehirnfunktionen nur im Körper untersuchen. (Tierversuche verstehen)

  • Für andere Bereiche gibt es mittlerweile verschiedene Alternativmethoden. Für bestimmte Untersuchungen wurde beispielsweise bereits künstliche Haut entwickelt, desweiteren arbeiten Forscher teilweise mit Zellkulturen anstatt mit ganzen Tieren. Auch Computersimulationen sollen dafür sorgen, die Zahl der Tierversuche zu verringern.
  • An der Berliner Charité wurde im November 2017 ein Zentrum für Alternativmethoden eröffnet. Dabei soll es auch darum gehen, die Anzahl der Versuchstiere und die Belastung für sie zu reduzieren. (Neues Deutschland)

Sofern es Alternativen gibt, dürfen Tierversuche auch nicht weiter angewandt werden – so will es das Tierschutzgesetz. 

4 Welche Hürden gibt es für Tierversuche?

Ebenfalls von Kritikern vorgetragen wird das Argument, es würden Tierversuche durchgeführt werden, weil diese billiger seien als die Anwendung von Alternativmethoden. Die Wissenschaftsorganisationen sagen hingegen, Versuche an Tieren seien besonders aufwendig und teuer, da allein die Haltung der Tiere enorme Kosten mit sich bringe. (Tierversuche verstehen)

Laut Tierschutzgesetz müssen Wissenschaftler vor der Durchführung von Tierversuchen einen Antrag an die Behörden stellen, der dann von einer Tierschutz-Kommission geprüft wird, in welcher auch Vertreter von Tierschutzorganisationen sitzen. (Tagesspiegel)

Das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) hat zudem die Aufgabe, die Zahl der Tierversuche auf das "unerlässliche Maß" zu beschränken. Im Grundgesetz ist seit 2002 der Tierschutz als "Staatsziel" verankert. Dem gegenüber steht allerdings auch die Forschungsfreiheit, welche ebenfalls im Grundgesetz festgeschrieben steht. 

5 Wie sieht es mit der Haltung der Tiere aus?

Zum Großteil werden speziell für diesen Zweck gezüchtete Tiere verwendet. Tiere aus freier Wildbahn kämen für sie allein deshalb nicht infrage, weil wichtige Informationen wie das Alter und die Abstammung nicht geklärt seien, so die Wissenschaftsorganisationen.

Die Max-Planck-Gesellschaft betont, dass man nur an gesunden und stressfreien Tieren aussagekräftige wissenschaftliche Ergebnisse gewinnen könne – allein deshalb sei schon eine artgerechte Haltung der Tiere wichtig. 

Für Aufsehen sorgte 2014 der Fall des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik. Heimlich aufgenommene Videos zeigten Affen, die von Wissenschaftlern misshandelt worden sein sollen. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten ihnen unnötige Qualen zugefügt und weiter Versuche an ihnen durchgeführt, anstatt sie einzuschläfern. Deshalb stehen drei der Forscher im kommenden Januar vor Gericht. (Stuttgarter Nachrichten)

Bei der Problematik mit Tierversuchen gibt es scheinbar keine Kompromisse: Kritiker fordern ein Ende, während die meisten Forscherinnen und Forscher sie für unverzichtbar halten. In einigen Fällen sind jedoch Versuche an Tieren gesetzlich vorgeschrieben.

Alternativmethoden werden erforscht und kommen auch bereits zum Einsatz, nach Ansicht von Wissenschaftlern werden diese jedoch nicht in absehbarer Zukunft Tierversuche gänzlich ersetzen können.


Gerechtigkeit

Seid wütend über Armut – aber nicht auf die Armen

In 34 der 37 vergangenen Quartale ist in Deutschland die Wirtschaft gewachsen. Es geht Deutschland also gut – so gut sogar, das Wirtschaftsforscher schon von einem "goldenen Jahrzehnt" sprechen. (Welt SPIEGEL ONLINE)

Und doch hören wir immer wieder Nachrichten wie "Deutschland wird flächendeckend ärmer" (2017) oder "Sozialer Abstieg: Wer in Deutschland dauerhaft arm bleibt" (2018). 

Wie es scheint, gibt es in Deutschland nämlich trotz des wachsenden Wohlstands ein Verteilungsproblem. 

Immer mehr Menschen brauchen mehrere Jobs, um steigene Mieten und Lebenshaltungskosten zu finanzieren, während wenige Superreiche immer mehr bekommen: Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung besitzen heute zwei Drittel des Wohlstandes. (SPIEGEL ONLINE)

Kaum jemand redet darüber, die Debatte wird seit Jahren dominiert von anderen Themen, vor allem der Flüchtlingsthematik. bento-Redakteur Sebastian Maas fragt sich, ob die Wut einer armen Gruppe auf eine andere wirklich sinnvoll ist – oder, ob man die Wut nicht in eine andere Richtung lenken sollte.

Mehr dazu oben im Video.