Bild: dpa/Hendrik Schmidt
Wir sprechen nicht von drolligen Babykatzen.
Meine neuen Buddies heißen Dexter und Jazu. Gefunden habe ich sie im Netz. Doch die beiden sind anders als meine üblichen Online-Kontakte. Dexter etwa ist ein Weißstorch. Er ist acht Jahre alt und lebt von Frühling bis Herbst zusammen mit Clara auf dem Dach einer thüringischen Scheune. Ich weiß das von seiner Facebook-Seite. Dort steht auch, dass Dexter und Clara den Sommer damit verbrachten, ihre vier Jungen aufzuziehen. Angesichts der Hitze und Trockenheit ein echter Knochenjob. Zumal sie sich auch noch mit vagabundierenden Artgenossen anlegen mussten.

Abgesehen vom Beringungstermin morgen gibt es wieder etwas zu berichten. Heute ist es schon wieder zu einem...

Posted by Störche Wilhelmsglücksbrunn on Montag, 1. Juni 2015

Neben mir haben Dexter und Clara derzeit noch gut 200 andere Fans. Vergleichsweise wenig, aber wenn es nach Alexander Pschera geht, ist das erst der Anfang. In seinem Buch „Das Internet der Tiere“ stellt der Münchener Autor die These auf, Social Media könne die bedrohte Artenvielfalt retten. Er schreibt: „Nur eine neue Form der Kommunikation mit den Tieren vermag die Menschen wieder für die Tiere zu gewinnen.“

Im Gespräch erläutert Pschera, was er damit meint. „Der Naturschutz, wie wir ihn kennen, geht ganz stark vom Gedanken der Arten aus. Das sei aber eine sehr abstrakte Herangehensweise, „weil wir dann über Tiere als Gruppe reden.“ Er plädiert für die Methode Flipper: „Da wurde einem Wildtier ein Namen gegeben, wodurch man die Möglichkeit der Identifikation hatte.“ Es müsse folglich darum gehen, das Individuum hervorzuheben und dessen eigene Geschichte darzustellen. „Dann sind die Menschen viel eher bereit, sich für das Schicksal dieses Tieres und die Problematik seines Lebens zu interessieren.“

Multimediales Storytelling also statt moralischer Appelle. Zudem gehen Tiere im Internet ja immer. Pschera hat aber keine knuffigen Katzenvideos im Sinn, sondern eher einen Bildungsauftrag: Das Allgemeinwissen über Tierarten, sagt er, habe stark abgenommen, „besonders bei Kindern und Jugendlichen“. Deshalb müsse man dort anzusetzen, denn: „Letztlich kann man nur das schützen, was man kennt.“

Ich nehme mich von diesen Wissenslücken nicht aus. Ja, ich mag die Natur und das, was in ihr kreucht und fleucht. Von Waldrappen jedoch hatte ich bislang keine Ahnung. Dank meines neuen virtuellen Kumpels Jazu hat sich das geändert.

Jazu ist – bei allem Respekt – nicht gerade eine Schönheit. Wie alle Waldrappe gehört er zur Familie der Ibisvögel. Sein Kopf ist nackt und faltig, ein Kranz schwarzer Federn steht ihm struppig im Nacken.

(Bild: Waldrappteam)
Und doch ist Jazu ein Juwel: Waldrappe zählen zu den am stärksten gefährdeten Vögeln der Welt. Ein Team von Biologen hat ihn und andere Artgenossen daher von Hand aufgezogen, um sie dann in Süddeutschland und Österreich wieder auszuwildern. Das Problem: Die Tiere sind eigentlich Zugvögel, konnten die Routen gen Süden aber nie von Älteren lernen. Also helfen ihnen die Wissenschaftler durch Motorgleitschirme und Ultraleichtflugzeuge auf die Sprünge – und berichten im Netz über die Fortschritte.

Angelika Fritz: Heute also gut gelandet! Morgen wird es für die Waldrappe höchstwahrscheinlich keinen Pausentag geben....

Posted by Waldrapp on Sonntag, 6. September 2015

Jazu war einer der ersten, die an den Trainings teilnahmen. Inzwischen ist er ein erfahrener Leitvogel, ausgestattet mit einem GPS-Sender. Deshalb kann ich Jazu nicht nur auf Facebook folgen, sondern auch mithilfe der App Animal Tracker. In diesem Herbst hatte er die „Anfänger” Hans und Fynn im Schlepptau – und führte sie in nur fünf Tagen über die Alpen in die Toskana, wo die Waldrappe überwintern.

Daniela Trobe: Der Apennin ist überflogen und die Toskana erreicht! Jazu zeigt seinen zwei jungen Mitfliegern im...

Posted by Waldrapp on Dienstag, 27. Oktober 2015

„Wie toll ist das denn!!!!!!“ oder „Super Jazu!“ schrieben die Fans danach. Immer wieder helfen sie auch dabei, vermisste Vögel aufzuspüren. Zudem schreckt ihre Aufmerksamkeit in Verbindung mit den Tracking-Daten illegale Vogeljäger ab.

Gemessen daran scheint Pscheras Netz der Tiere tatsächlich zu funktionieren. Doch: Ist es aus ethischer Sicht nicht bedenklich, den Tieren Sender umzuhängen und ihre Bilder im Netz zu posten? „Ich erlebe selbst die Versuchung, das über die Maßen auszureizen“, sagt Johannes Fritz, Leiter des Waldrapp-Projekts. „Daher sollte eine technische Ausstattung der Tiere nur dann erfolgen, wenn sie auch konkrete wissenschaftliche oder Artenschutz-Ziele hat.“

Bliebe die Distanz zur Natur: Es stellt sich die Frage, ob wir, statt uns durch digitale Abbilder zu klicken, nicht besser gleich vor die Tür gehen sollten, um dort nach Storch oder Waldrapp Ausschau zu halten. „Will man der Natur nahe kommen, muss man sie berühren“, so schreibt es auch Alexander Pschera in seinem Buch.

Allerdings sei das in vielen Fällen nicht mehr ohne Weiteres möglich. „Als Jugendlicher habe ich noch Blindschleichen und Zauneidechsen gefangen“, erzählt er. „Heute ist das eine Straftat.“

Daher könne das Netz eine „Brücke“ darstellen. „Diese rohen Internetbilder zeigen die Tiere so, wie sie wirklich sind.“ Dadurch finde zwar keine echte, aber immerhin eine „intellektuelle Berührung“ statt. „Wenn man so will, ist das Netz also eine Art Einstiegsdroge.“ Auch wenn ich meine Freundschaft zu Dexter und Jazu aufregend finde: Echte Suchterscheinungen habe ich noch nicht bemerkt.

Wobei: Seit ich das Leben der Störche und Waldrappe online verfolge, beobachte ich die Amseln und Meisen, die in dem Baum vor meinem Balkon herumflattern, irgendwie genauer. Wer weiß, wo das hinführt.

Neben Dexter, Clara und Jazu gibt es noch mehr Wildtiere im Netz.

vEine Auswahl: Kuckucke namens Richard oder Disco Tony bei LBV und BTO; Weißstörche, Schreiadler und Kormorane beim NABU; Wale an der kanadischen Westküste beim Orca Network, dem BC Killer Whale Research Report und der Orca Live Community; Australische Flughunde, Schneegeier im Himalaya, nordamerikanische Fischadler sowie die Waldrappen in der App Animal Tracker; Wildnis-Live-Streams aus der ganzen Welt bei Explore.org.

Am Freitag, den 20. November 2015 diskutiert Alexander Pschera mit anderen Experten ab 14 Uhr im Potsdamer Einstein-Forum über das „Internet der Tiere“.