Sie gelten als schmutzig und eklig, als "Ratten der Lüfte": Tauben genießen in Deutschland und der Welt kein besonders hohes Ansehen. Menschen regen sich über ihren Kot auf und fühlen sich von den immer hungrigen Viechern im Café bedrängt. Viele Großstädte greifen daher zu extremen Maßnahmen: vom gezielten Einfangen und Töten in Barcelona bis zur Tauben-Verhütungspille in Los Angeles (SZ Magazin). 

Doch woher kommt der Krieg gegen Tauben? Ist er gerechtfertigt? Und wie kann man das Zusammenleben von Tauben und Menschen wirklich verbessern?

Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss: eine Taube.

HassTIERade

Der Hass gegen Mücken, Wespen oder Tauben verbindet Menschen. Und das, obwohl die Vorurteile gegen diese Tiere oft nicht begründet sind. In unserer Interviewreihe "HassTIERade" geben wir ungeliebten Tieren die Chance, ihr lästiges Verhalten zu erklären – und uns einiges über ihre Art beizubringen.

Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben. Bevor wir beginnen: Könnte ich Sie bitten, sich ein Stück weiter weg zu setzen?

Ah ja, Gewohnheit. Ich bin immer mit so vielen anderen unterwegs, körperliche Nähe fällt mir nicht besonders auf. 

Da sprechen Sie direkt ein großes Thema an: Gibt es tatsächlich so unglaublich viele von Ihnen oder kommt einem das nur so vor?

Wir sind schon recht viele. Wie viele genau, weiß keiner so richtig. Schätzungen zufolge leben in Berlin etwa 10.000 sogenannte Stadttauben. In anderen Großstädten wie München oder Hamburg sollen die Zahlen ähnlich sein. 

Das ist viel.

Als absolute Zahl klingt das schon viel, aber man muss dazu auch sagen, dass wir deutlich weniger geworden sind. Früher – also in den frühen 2000er-Jahren – wurde geschätzt, dass es in Berlin rund 40.000 Brutpaare gibt. Paare! (Berliner Morgenpost)

Das waren noch Zeiten!

Wie kam es, dass Sie nun weniger sind?

Einige Teile meiner Antwort könnten die Taubenbevölkerung verunsichern. Aber ich sage mal so: Es waren einige unethische Methoden im Spiel.

Meinen Sie Netze und Spikes, um Nistplätze zu verhindern?

Ja, aber nicht nur. Inzwischen haben sich Habichte in Städten angesiedelt und die lieben Taubenfleisch. Außerdem haben die Menschen Tauben auch schon Verhütungsmittel gegeben oder sie vergiftet. Es gibt auch viele sadistische Gewalttaten gegen Tauben: Pommesgabeln im Rücken, Büroklammern im Auge (SZ Magazin). Darf ich Sie dazu mal etwas fragen? 

Natürlich.

Warum hassen Menschen uns so?

Äh, das würde ich jetzt nicht so allgemein sagen...

Eben wollten Sie, dass ich etwas von Ihnen abrücke. Außerdem habe ich gelesen, dass jeder fünfte Deutsche Tauben ekelhaft findet (Mafo).

#RespektTaube

Der Hass gegen Tauben ist so groß, dass der Deutsche Tierschutzbund die Aktion #RespektTaube gestartet hat. Vom 18. September bis 18. Oktober werden Menschen dazu aufgerufen, unter dem Hashtag schöne Taubenfotos zu posten, welche die Tiere im Stadtbild oder auf dem Land zeigen.

Damit soll "mit dem negativen Image aufgeräumt" werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Präsident des Tierschutzbundes sagt: "Tauben sind sehr intelligente Tiere, sie stehen für Liebe und Frieden. Ihrem Partner sind sie meist ein Leben lang treu. Auch wenn man Tauben nicht liebt, verdienen sie doch zumindest Respekt."

Na ja, Sie gelten als...dreckig. Und sollen Krankheiten übertragen. 

Haben Sie diese Informationen jemals hinterfragt? Sie stimmen nämlich nicht. Wir sind nicht schmutziger als andere Vögel. Und was Krankheiten angeht: Natürlich können Krankheitserreger von Vögeln auf Menschen übertragen werden, aber das ist extrem unwahrscheinlich (Deutscher Tierschutzbund). Oder lecken Sie täglich einer Taube den Hintern ab?

Nein. 

Sehen Sie. Die meisten Infektionen, denen wir ausgesetzt sind, betreffen nur uns selbst. Wussten Sie beispielsweise, dass Taubenbabys eine 80- bis 90-prozentige Sterberate haben? Sie sterben und verwesen einfach im Nest, ohne dass es jemand merkt – weil es in vielen Städten kaum Taubenschläge gibt und wir daher unter Dächern und Brücken nisten, wo das Massensterben niemandem auffällt. 

Dass wir überhaupt so anfällig für Krankheiten sind, verdanken wir übrigens auch den Menschen. In Städten gibt es nämlich nicht genug Körner – was eigentlich unser natürliches Futter wäre. Also essen wir alles, was wir finden, um nicht zu verhungern. Aber Dönerreste und Co. sind nicht gut für uns. (Zeit)

Warum bleiben Sie denn dann in den Städten? Auf dem Land gibt es mehr Platz und mehr natürliches Futter.

Die Stadt ist eben unser Zuhause. Wenn Sie mich irgendwohin bringen und aussetzen würden, dann würde ich hierher zurückfinden. Anders als viele Menschen denken, sind wir sehr klug. Und unser Orientierungssinn ist ohnehin top – das war ja das Prinzip Brieftaube.

Gut, Städte sind Ihr Zuhause. Das verstehe ich. Aber wie sind Tauben überhaupt in Städten heimisch geworden?

Dafür müssen wir ein bisschen Geschichtsunterricht machen. Unsere Vorfahren wurden von Menschen als Haus- und Nutztiere gehalten. Ob als Brieftauben, zum Eierlegen oder sogar – ich mag es mir kaum vorstellen – zum Essen. 

Diese unterschiedlichen Nutzungen gehen zurück bis zu den Ägyptern und den Römern, reichen bis zum Mittelalter. Wir wurden darauf gezüchtet, ununterbrochen Eier zu legen und uns schnell zu vermehren. Genauso sind wir nun. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Menschen uns nicht mehr als Nutztiere halten. (Deutscher Tierschutzbund)

Sie sind also quasi ein verwildertes Haustier?

Das klingt natürlich nicht so nett. Aber man kann es so sagen. 

Wie könnte man Ihnen denn...

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie kurz unterbreche, aber essen Sie Ihr Brötchen noch?

Sie haben doch eben gesagt, dass die meisten menschlichen Lebensmittel nicht gut für Sie sind. 

Ja, aber essen Sie immer nur Dinge, die gut für Sie sind? Es sieht einfach gerade so gut aus. Aber okay, zurück zum Thema.

Wie könnte man Ihnen denn helfen?

Es gibt viele Menschen, die schon gute Ideen haben. Betreute Taubenschläge sind zum Beispiel toll. Dort können wir geschützt wohnen und unsere Nester bauen. "Betreut" heißt, dass Menschen hier artgerechtes Futter und Wasser bereitstellen und auch den Kot entfernen. Dadurch ist es am Ende überall sauberer, denn wir verbringen 80 Prozent unseres Tages am Nistplatz. Wenn dieser also nicht mehr die S-Bahn-Brücke ist, sondern ein ordentliches Taubenhaus, dann ist damit allen geholfen. 

Taubenkot entfernen ist ein Job?

Haha, ja. Bei städtischen Taubenschlägen werden solche Jobs meist vom Jobcenter an arbeitslose Menschen vermittelt. Gucken Sie nicht so, das gab es schon oft! Nannte sich "Beschäftigungsmaßnahme mit Taubenbezug". (Berliner Kurier)

Wo wird denn schon gut mit Tauben umgegangen?

Am besten funktioniert das offenbar in Aachen und Augsburg. Die sind richtig bekannt als Vorbilder im Umgang mit Tauben. Dort dürfen wir sogar in historischen Gebäuden nisten (Deutschlandfunk Kultur). Da würde ich gerne mal Urlaub machen. 

Die Stadt Aachen soll jedenfalls durch diese Maßnahmen viel sauberer geworden sein. Finde ich toll! Ich habe ja auch keinen Bock, immer durch Exkremente zu laufen. 

Allerdings werden dort auch Taubeneier durch Gipseier ausgetauscht, damit es nicht so viele Nachkommen gibt. 

Wirklich? Also wenn dem so ist, dann hat das jedenfalls noch nie jemand aus meinem Bekanntenkreis mitbekommen. 

Das ist ja irgendwie auch der Sinn...na ja, lassen wir das. Letzte Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir mehr Respekt von der Bevölkerung. Man muss uns nicht lieben, aber hassen muss man uns auch nicht. Außerdem muss es mehr Projekte wie in Augsburg und Aachen geben – von den Städten finanziert, nicht basierend auf ehrenamtlicher Arbeit, sonst funktioniert das nicht. 

Und bitte: Keine Pommesgabeln in Tauben stecken. Danke.

Wir danken für das Gespräch.


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