Bild: Roy Fabian
Viele junge Menschen in Großstädten tun sich zusammen und kaufen ihr Gemüse direkt vom Hof – ein Lebensstil für alle, die die Natur lieben.

Auf dem Kattendorfer Hof, 40 Kilometer nördlich von Hamburg, hängt der Geruch von Heu in der Luft. Im Hofladen wiederum drängt sich ein ganz anderes Aroma in die Nase. Frisch ist es, würzig – und preisgekrönt: "Ausgezeichnet für einen Beitrag zur norddeutschen Käsekultur", steht auf einer Urkunde an der Wand.

Ja, das sei eine schöne Sache, nickt Mathias von Mirbach, 57. Aber eigentlich gehe es dem Öko-Landwirt um viel mehr als die Käsekultur: "Wir möchten nicht für einen anonymen Markt erzeugen", sagt er – und zitiert ein altes Motto des Hofes: "Konkrete Nahrung für konkrete Menschen."

Wie einfach es ist, umweltfreundlich zu sein – die Fotostrecke über den Kattendorfer Hof:
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Einer dieser Menschen ist Jessica Weber. Gleich um die Ecke ihrer Wohnung in Hamburg gibt es noch so einen Laden des Kattendorfer Hofes, hier legt sie Rote und Gelbe Bete, Lauch und Pastinaken auf die Waage. "Die Qualität ist der Wahnsinn."

Ein- bis zweimal die Woche kommt die 28-Jährige hierher – und darf für sich und ihren Freund bis zu drei Kilo Gemüse und ein Kilo Kartoffeln mitnehmen, außerdem knapp neun Liter Milch in Form von Käse, Joghurt oder Quark sowie je nach Jahreszeit Kräuter und Salat. Für diese Art von Abo bezahlt sie monatlich 150 Euro, was man sich natürlich erst mal leisten können muss.

Was sich hier vollzieht, ist ein Modell, das ausgehend von Japan, den USA und dem Buschberghof in Fuhlenhagen allmählich bekannt wird: Bio-Bauern schließen sich mit Privatleuten zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammen.

Der Deal: Die einen verteilen ihre Ernte auf dem Hof oder in Läden. Die anderen verpflichten sich, die Arbeit der Bauern über ein Jahr mit einem vorher verabredeten Beitrag zu finanzieren und dabei auch das Risiko schlechter Ernten mitzutragen – oder bei Überschüssen zu profitieren.

Das Konzept nennt sich Solidarische Landwirtschaft, kurz "Solawi" – und richtet sich gegen den Preisdruck und Handelsnormen, gegen spezialisierte Großbetriebe und lange Lieferketten, gegen eine Ausbeutung von Landschaft, Tier und Mensch.

Mathias von Mirbach pachtete den Hof Mitte der Neunzigerjahre. Mittlerweile haben sich 400 Menschen, darunter auch viele junge Leute, der Gemeinschaft angeschlossen. Sie bestreiten rund drei Viertel der Betriebskosten des Hofes, den Rest holen der Getreideverkauf an eine Bäckerei und EU-Zuschüsse rein.

Neben den Kornfeldern gehören Gemüseäcker, Gewächshäuser und die Kuhweiden zum Hof, außerdem eine Ziegenherde, ein Schweinestall mit Freigehegen – und die Käserei.

Rund 50 Mitarbeiter gebe es insgesamt auf dem Hof und in den Läden, erzählt von Mirbach, und die Löhne blieben alle in der Region. "Wir haben jedenfalls keine Baracke für Erntehelfer aus Osteuropa."

Jessica Weber: "Ich bin gezwungen, Neues auszuprobieren"(Bild: Roy Fabian)

Doch Geld ist nicht alles. Und "Solawi" mehr als das Aussuchen von Gemüse in kleinen Läden: Es gibt Rundgänge auf den Feldern, in Versammlungen diskutieren Mitglieder und Bauern ihre Wünsche und Sorgen oder man rückt gemeinsam zu Ernteeinsätzen aus. So lernen sich beide Seiten kennen.

"Ich weiß jetzt, wo unser Essen herkommt, und kann jedem Bissen vertrauen", sagt Björn Staschen, Mitglied der Kattendorfer "Solawi". "Außerdem hatte ich als Stadtmensch vorher keine Ahnung, was Saisonalität bedeutet, und wie lange es dauert, bis das alles wächst."

Jede Woche Tomaten sind, anders als im Supermarkt, nicht drin – was eine Herausforderung sein kann, vor allem im Winter und Frühjahr, wenn es nur Lagergemüse wie Kohl, Möhren oder Rüben mit ein wenig Feldsalat gibt.

"Aber ich finde genau das super, weil ich so gezwungen bin, was Neues auszuprobieren", sagt Jessica Weber. "Gelbe Beete kannte ich jedenfalls noch nicht."

Komm vorbei!

Der Kattendorfer Hof veranstaltet am 9. April 2016 einen "Solawi"-Infotag für Interessenten – so findest du zum Hof.

Deutschlandweit gibt es derzeit mehr als 100 "Solawi"-Höfe – und noch einmal so viele Initiativen in Gründung. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gibt eine Übersicht.

Und trotzdem: Rüben im Winter, Erdbeeren nur im Juni – klingt langweilig. Mathias von Mirbach sieht es anders: "Ich stehe auch total auf Mangos. Aber deswegen muss ich sie nicht täglich haben." Letztlich drehe sich Solidarische Landwirtschaft eben darum, das Rad der Globalisierung ein Stück zurück zu drehen – hin zu einer echten regionalen Versorgung.

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