Bild: Karsten Thielker

"Here we go again...", begann Greta Thunberg am Mittwoch einen Twitter-Post. Sie reagierte darin auf den Hass, der ihr in den vergangenen Tagen entgegenschlug. Über die 16-Jährige kursieren die absurdesten Verschwörungstheorien, Fotomontagen, Morddrohungen. Nachdem sogar US-Präsident Donald Trump sie verspottete, schrieb Greta den Post.

In Deutschland sammelten sich die Gegnerinnen und Gegner von "Fridays for Future" in den vergangenen Tagen in einer Facebook-Gruppe namens "Fridays for Hubraum". In nur drei Tagen waren knapp 400.000 Mitglieder beigetreten. Schnell tauchten Posts mit rechter Hetze auf. Die Gruppe "DieInsider" dokumentierte die Hasskommentare in der Gruppe, darunter auch Morddrohungen.

Nach Bekanntwerden der ausfälligen Posts in "Fridays for Hubraum" archivierten die Administratoren die Seite. Seitdem können keine neuen Mitglieder hinzugefügt und auch keine Beiträge oder Kommentare mehr gepostet werden. 

Der Hass in der Facebook-Gruppe richtete sich vor allem gegen Greta Thunberg. Aber auch deutsche "Fridays for Future"-Aktivistinnen und -Aktivisten bekommen ihn zu spüren. Über Carla Reemtsma, 21, "Fridays for Future"-Organisatorin aus Münster,  kursieren sogar Verschwörungstheorien im Internet – weil sie den Namen eines bekannten Zigarettenherstellers trägt.

Wie geht die Aktivistin mit dem Hass und den Verschwörungstheorien um? Wir haben mit Carla darüber gesprochen. 

(Bild: Karsten Thielker)

bento: Carla, seit wann bekommst du die Wut im Netz zu spüren?

Carla Reemtsma: Das begann, als ich zum ersten Mal selbst in der Öffentlichkeit stand. Es gibt ja diese allgemeine Ablehnung, beispielsweise in Kommentaren unter Onlineartikeln, in denen es um Klimaaktivismus geht. Aber wenn man, wie ich, in einer Talkshow auftritt oder es ein Porträt über mich gibt, dann wird diese Ablehnung stark personalisiert. Wenn ich am Abend im Fernsehen auftrete, dann steigt die Frequenz natürlich stark an. Viele Menschen besuchen meine Social-Media-Profile und schreiben Kommentare.

Was bekommst du ab?

Es hält sich bei mir noch in Grenzen, andere von uns bekommen deutlich mehr an den Kopf geworfen. Auch Dinge, die tatsächlich strafbar sein könnten. Bei mir ist es eher ein permanentes Diskreditieren – dass ich dumm sei oder eine Schlampe. Die Haare sind falsch, ich rede zu schnell, ich rede zu langsam, zu laut, zu leise – das ist alles dabei. Wegen meines Nachnamens gibt es außerdem viele Verschwörungstheorien, das geht ein bisschen in die Richtung einer Weltverschwörung.

In einem YouTube-Video wirst du den Illuminaten zugerechnet.

Das finde ich schon eher amüsant, als dass es mich persönlich belastet. 

Wie geht man damit um?

Ich glaube, dazu benötigt man eine gesunde Portion Ignoranz, dass man das einfach ausblendet und sich so etwas nicht zu Herzen nimmt. Manchmal scrolle ich mich durch eine Verschwörungstheorie, wenn ich zufällig darauf stoße. Aber ich suche jetzt nicht proaktiv danach.

Wie erklärst du dir den Hass auf die Klimaschutzbewegung?

Viel davon geht ja von Personen aus der rechten Ecke aus, die der Meinung sind, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. Anstatt sich inhaltlich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist es natürlich einfacher, Leute zu diskreditieren. Man kann sich ja über viele Punkte bei der Klimawissenschaft streiten, aber nicht über den Fakt, dass es eine Klimakrise gibt.

Die 400.000 Menschen in der "Fridays for Hubraum"-Gruppe werden aber vermutlich nicht alle den menschengemachten Klimawandel leugnen.

Klar, es gibt eine gewisse Spannbreite zwischen Leuten, die ihn komplett leugnen und Leuten, die sagen, es sei unnötig, etwas dagegen zu tun. Die argumentieren dann damit, dass ja China am meisten CO2 ausstoße und wir deshalb in Deutschland unser Leben so weiterleben können.

Warum, glaubst du, haben sich in so kurzer Zeit so viele Leute auf Facebook organisiert?

Ich glaube, dass es eine unglaubliche Polarisierung gibt. Diese Leute fühlen sich persönlich angegriffen durch Klimaaktivismus und die Tatsache, dass Klimapolitik so stark auf die Agenda gerückt ist. Die denken: "Ich identifiziere mich mit meinem Auto – das mir die Klimaaktivisten wegnehmen wollen." Anstatt die direkte Auseinandersetzung zu suchen, gibt es diesen indirekten Gegenprotest.

Könnte man dieser Polarisierung nicht entgegenwirken, indem man das Gespräch sucht?

Ich glaube, das hängt ganz stark von den Menschen ab. Mit manchen kann man diskutieren. Aber mit jemandem, der den menschengemachten Klimawandel leugnet, brauche ich nicht  diskutieren – da ist Hopfen und Malz schon verloren. 


Grün

16 Jugendliche wollen Deutschland vor den Vereinten Nationen rügen – so stehen ihre Chancen
Was kann das bewirken?

Im Kampf für effizienteren Klimaschutz haben 16 Kinder und Jugendliche aus der ganzen Welt die Vereinten Nationen eingeschaltet. An ihrer Spitze: Greta Thunberg. (childrenvsclimatecrisis.org)

Sie haben beim Kinderrechtsausschuss der Uno eine Beschwerde eingereicht, die 439 Seiten umfasst. Die Jugendlichen werfen Deutschland, Frankreich, Argentinien, Brasilien und der Türkei vor, nicht genug für den Klimaschutz zu tun. Damit verstießen die fünf Staaten gegen die Kinderrechtskonvention. 

Aber was passiert jetzt mit der Beschwerde? Haben die Jugendlichen eine Chance? Und was droht den beschuldigten Staaten, wenn der Kinderrechtsausschuss der Beschwerde zustimmt? Wir haben den Kinderrechtsexperten Stephan Gerbig, 30, gefragt.

An der Beschwerde beteiligt ist auch die 15-jährige Raina Ivanova aus Hamburg. "Ich möchte einfach, dass unsere Stimme gehört wird und dass die Erwachsenen darauf reagieren und bessere Entscheidungen treffen", sagte sie der ARD in New York. Dort wurde die Beschwerde am Rande des Klimagipfels vorgestellt.