Bild: dpa

Viele Bewohner haben das sächsische Pödelwitz schon verlassen. Nun soll der 700 Jahre alte Ort weggebaggert werden – weil im Boden Kohle liegt. 

Jetzt kommen Hunderte junge Leute in das Dorf, um mit den letzten Anwohnern von Pödelwitz um deren Heimat zu kämpfen.

Die meisten Häuser stehen leer, bei manchen löst sich der Putz von den Mauern, hat Unkraut den Vorgarten erobert, und an vielen ist ein rechteckiges, etwas abweisend wirkendes Schild angebracht, das das Grundstück als Privatgelände der "Mibrag" ausweist und das Betreten untersagt. Eigentlich, mag man meinen, gibt es keinen Grund, weshalb Hunderte vorwiegend junge Menschen aus allen Ecken Deutschlands und manchen Ecken des Auslands hier in Pödelwitz zusammenkommen sollten. Jedenfalls keinen sichtbaren.

Doch unter dem Dorf im Kreis Leipzig liegen mehrere Millionen Tonnen Rohbraunkohle, die die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag) abbauen will. Das Unternehmen betreibt den Tagebau Vereinigtes Schleenhain, einen 50 bis 80 Meter tiefen Krater am Ortsrand von Pödelwitz. Nach den Plänen der Mibrag soll das Loch, das sich über mehrere Quadratkilometer erstreckt, in den nächsten Jahren noch etwas größer werden - und Pödelwitz soll verschwinden.

So sieht es in Pödelwitz aus:

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Um das zu verhindern, sind in diesen Tagen mehrere Hundert Kohlegegner und Klimaaktivisten in das sächsische Dorf gekommen, zum ersten Klimacamp im Leipziger Land. Etwa ein Dutzend Veranstaltungs- und Infozelte haben sie aufgebaut und noch viel mehr kleine Schlafzelte aufgeschlagen. Solaranlagen versorgen die Campteilnehmer mit Strom, Professoren aus Berlin halten Vorträge, in Workshops wird über den Klimawandel diskutiert. 

Unweit der Bushaltestelle steht ein Auto mit französischem Kennzeichen, Englisch und Spanisch sind zu hören. Josephine Lauterbach, die das Camp mitorganisiert hat, schätzt die Zahl der Teilnehmer auf etwa 1000.

Jens Hausner hat sie eingeladen. Der Landwirt ist einer der letzten 27 Bewohner von Pödelwitz. 130 Menschen lebten hier einst. Die meisten von ihnen verkauften vor einigen Jahren ihre Häuser an die Mibrag und zogen weg. Heute gehören dem Unternehmen etwa drei Viertel der Grundstücke im Dorf. Hausner hat die Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz" gegründet, um das Dorf zu erhalten.

Die Entschädigungsangebote des Kohleunternehmens habe er sich gar nicht erst angehört, sagt Hausner. "Wenn ich das Geld nehme, sorge ich doch dafür, dass Pödelwitz verschwindet." Er habe, wie er sagt, "in den Ort eingeheiratet". Die Vorfahren seiner Frau lebten schon vor 300 Jahren in dem Dorf.

Am Ortsrand von Pödelwitz, nur wenige Minuten Fußweg von Hausners Hof und den Zelten des Klimacamps entfernt, steht die Betriebswache der Mibrag. Gleich dahinter: das Loch, dem nach den Plänen des Kohlekonzerns die Fachwerkhäuser, Landhöfe und Kastanien des 700 Jahre alten Dorfs weichen sollen. Die Maschinen, die die Kohle abtragen, sind riesig, wirken in dem Krater aber wie kleine Lego-Modelle in einem gigantischen Sandkasten.

Vor der Betriebswache hat die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) einen Stand aufgebaut. Eine Teilnehmerin des Klimacamps ist an die Gewerkschafter herangetreten. Es könne doch nicht sein, dass Deutschland Braunkohle verbrenne und "die Länder des globalen Südens" die Konsequenzen tragen müssten, sagt sie. Ja, die Energiewende sei schon sinnvoll, sie müsse aber in geordneten Bahnen ablaufen, antwortet einer der Gewerkschafter.

Bilder aus dem Klimacamp:

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Wir sind uns bewusst, dass die Kohle keine Zukunft hat.
Volker Jahr, Betriebsvorsitzender der Mibrag

Volker Jahr, Betriebsvorsitzender der Mibrag, hat sich ebenfalls am Stand eingefunden. Mit den Protesten der Kohlegegner habe er kein Problem, sagt er. Er finde es gut, dass sie friedlich mit der Belegschaft und den Gewerkschaftern diskutierten. "Wir sind uns bewusst, dass die Kohle keine Zukunft hat", sagt auch er. Nur müsse man sich, ehe man aus der Kohle aussteige, Gedanken machen, welche tariflich gesicherten Arbeitsplätze man hier schaffen könne. 2700 Beschäftigte hat die Mibrag. Jahr schätzt, dass an jedem dieser Arbeitsplätze drei zusätzliche Stellen in der Region hängen.

Und was ist mit Pödelwitz? "Das war eine demokratische Entscheidung, die muss man respektieren", sagt Jahr. Die meisten im Ort hätten sich 2012 für eine Umsiedlung entschieden (SPIEGEL ONLINE). Die Pödelwitzer seien es gewesen, die zuerst an das Unternehmen herangetreten seien, das betont auch die Konzernführung.

Jens Hausner widerspricht dem, frustriert und noch immer ungläubig blickend: "Die Mibrag hat die Debatte ins Dorf getragen." Das Unternehmen habe den Bewohnern gesagt, dass die Lebensqualität im Dorf unter den Emissionen des Tagebaus leiden würde und ihnen zusätzlich Geld geboten. So hätten sich die meisten dafür entschieden, Pödelwitz zu verlassen. Eine eigenartige Logik, findet Hausner: "Wir sollen zwangsenteignet werden, weil die Mibrag Lärm und Staub verursacht?"

In einem Punkt sind sich Hausner und Jahr einig: Was mit Pödelwitz passiert, ist noch lange nicht entschieden. Die Mibrag fertigt derzeit Gutachten für eine Umweltverträglichkeitsprüfung an, erst dann will sie die bergrechtliche Genehmigung beantragen. 2027 oder 2028 würde der Konzern, wenn alles nach Plan läuft, mit dem Abbaggern beginnen.

Eine Entscheidung über den Antrag wird es wohl erst 2021 geben. Jens Hausner kündigt schon jetzt an, gemeinsam mit verschiedenen Umweltschutzverbänden gegen eine Erlaubnis zu klagen. Die Pläne des Konzerns nennt er "realitätsfern". Während die Bundesregierung den Kohleausstieg plane, wolle die Mibrag den Tagebau erweitern und Pödelwitz wegbaggern. Hausner fühlt sich bestärkt durch die Unterstützung der Klimacamp-Teilnehmer. Einige der Aktivisten beteiligen sich an diesem Tag an Sitzblockaden.

(Bild: dpa)

Von der Betriebswache der Mibrag weg, an den Zelten der Klimaaktivisten und der Bushaltestelle im Ort vorbei führt ein Weg zum wohl Einprägsamsten, das verschwinden würde, wenn Pödelwitz tatsächlich dem Tagebau weichen sollte. Die Kirche aus dem 13. Jahrhundert ist das Erste, was man sieht, wenn man sich dem Dorf nähert. Thilo Kraneis ist seit zwei Jahren der Kurator, seit 25 Jahren sitzt er im Kirchenvorstand.

1982 zog der Schlosser mit seinen Eltern aus einem Nachbarsdorf nach Pödelwitz. Er war 15 Jahre alt. "Ich habe das Haus meiner Eltern damals mitgebaut: habe gemalt, verputzt, Fliesen verlegt." Entsprechend groß sei seine Verbundenheit mit dem Ort. "Ich kann hier nicht weg, ich weiß doch, wo jeder Stein steht."

Das gilt insbesondere für die Kirche. Die habe zwar keinen Namen, sagt er, dafür aber eine tolle alte Orgel und gerade im Sommer schöne Lichtspiele. Noch immer kämen Menschen aus mehreren umliegenden Dörfern hier zum Gottesdienst zusammen. Die Verbundenheit mit der Kirche ist groß: Vor zwei Wochen wurde eine Verstorbene auf dem Kirchfriedhof begraben.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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