Bild: Carmen Jaspersen/dpa
Das Risiko ist groß

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entschied am Donnerstag, dass der 44-jährige Schimpanse Robby nicht in eine Auffangstation für Menschenaffen überführt wird – sondern im Besitz des Zirkus "Belly" bleibt. Eigentlich ist sich die Mehrheit der Deutschen einig: Exotische Tiere oder Wildtiere haben im Zirkus nichts zu suchen.

Der Prozess war selbst unter Tierfreunden umstritten, denn Robby, der angeblich letzte Menschenaffe in einem deutschen Zirkus, ist ohne Kontakt zu anderen Affen aufgewachsen. Sollte man ihn wirklich aus seiner gewohnten Umgebung reißen und in eine Auffangstation bringen? Darüber wurde seit Jahren gestritten. Und tatsächlich gibt es in diesem Fall gute Argumente für und gegen eine Befreiung.

1 Was sagt der Zirkusdirektor?

Klaus Köhler hat Robby mit der Flasche aufgezogen.

(Bild: Julian Stratenschulte/dpa )

Klaus Köhler hat Robby in den 70ern, als das Affenbaby im Zoo Neuwied von seiner Mutter verstoßen wurde, mit der Flasche aufgezogen. "Robby ist eines meiner Kinder", erzählt er. Der Schimpanse Robby habe jeden Tag neben den Menschen am Tisch gesessen und mit der Familie gefrühstückt. Ohne seine menschliche Familie würde Robby eingehen, fürchtet Köhler. (ZDF)

Wenn Robby aber wie ein Mensch aufgewachsen ist und sich angeblich wohl fühlt – warum soll er dann nach über 40 Jahren mit anderen Affen zusammenleben?

2 Was sagen die Zirkusgegner?

Dass Robby bei Menschen aufgewachsen ist, ist nur die eine Seite der Geschichte. Denn natürlich wurde Robby im Zirkus nicht wie ein Haustier oder Familienmitglied gehalten, sondern vor allem als Attraktion genutzt, erklärt Dr. Yvonne Würz. Die Biologin arbeitet beim Tierschutzverein PETA als Referentin für Tiere in der Unterhaltungsbranche. 

Würz sagt: "Dass das Wohlergehen von Robby für Zirkusdirektor Köhler an erster Stelle steht, ist ein typisches Zirkusmärchen. Wäre dem so, hätte er den Menschenaffen schon vor vielen Jahren an die Auffangstation übergeben, statt ihn in einem kleinen Anhänger quer durch Deutschland zu karren und in einem lächerlichen Frack vor johlendem Publikum Roller fahren zu lassen." 

(Bild: Peta Pressebild)

Tierschützerinnen und Tierschützer protestierten deswegen: Vier Pfoten, Animal Public, Peta. Die Liste ist lang. An jedem Gastort des Zirkus stehen Demonstrierende, nennen Köhler einen Tierquäler. 77.000 Menschen haben eine Petition  von Peta unterschrieben.

Laut Tierschutzgesetz müssen dem Affen 200 Quadratmeter zur Verfügung stehen, mit zahlreichen Spiel- und Rückzugsräumen. Tierschützer fordern sogar 400 Quadratmeter. Im Zirkus hat er 50. Und das auch nur, wenn sein Außengehege geöffnet ist. (SPIEGEL+)

2012 machten Peta-Aktivisten diese Aufnahme des Schimpansen in seinem "Zuhause". 

(Bild: Peta Pressebild)

3 Was passiert mit Robby, wenn er nicht im Zirkus bleibt?

Er würde dann in die Niederlande kommen, in eine Auffangstation für verhaltensgestörte Menschenaffen. 44 andere Tiere leben im Affenrefugium AAP in Almere, die meisten stammen aus Tierversuchslaboren, aber auch Zirkusaffen sind dabei. 

Robby frühstückte vielleicht mit der Familie, verbringt aber auch lange Zeit in einem Käfig. Hier ist er in seinem fahrbaren Gehege des Zirkus "Belly" zu sehen. 

(Bild: Julian Stratenschulte/dpa)

4 Was sagen die Experten?

In erster Instanz hatte die Veterniärbehörde Celle den Prozess gewonnen, nachdem der Gutachter erklärt hatte, Robby sei schwer verhaltensgestört. Das Landgericht Celle hatte daraufhin entschieden, dass der Schimpanse aus dem Zirkus in die Auffangstation gebracht werden muss. 

Nur: "Am Ende des Gutachtens steht, dass der Gutachter gar kein ausgewiesener Experte für Menschenaffen ist", sagt Zirkusdirektor Klaus Köhler. (ZDF)

Die Tierärztin und Menschenaffenexpertin Dr. Alexandra Dörnath hat in diesem Jahr mehr als 100 Tage mit Robby verbracht und ihn untersucht. Ihr Urteil widerspricht dem des ersten Gutachters. Robby sei nicht verhaltensgestört, sondern unumkehrbar auf Menschen geprägt. Aber, und das sei ihr wichtig, er sei auch "tiefenentspannt". Ihn nach so vielen Jahrzehnten nun mit anderen Affen zusammenzubringen sei nicht nur gefährlich, sondern "inkompetent". 

In seinem Gehege tollt Robby mit Zirkushund "Ted" herum. 

Professor Hansjoachim Hackbarth vom Tierschutzzentrum Hannover vergleicht den Fall mit einem Hund, den man auch nicht nach Jahren bei Menschen wieder zu den Wölfen schicken würde. Robby könne die anderen Affen nicht verstehen und würde höchstwahrscheinlich vereinsamen und sterben. 

Das Primatenzentrum in Göttingen kommt zu der Einschätzung, dass "der Versuch einer Resozialisierung unweigerlich mit großem Stress für das Tier verbunden" sei, kaum erfolgversprechend sei und daher unbedingt abgelehnt werden solle. 

Doch die Veterinärbehörde in Celle ist sich sicher: Bei guter Pflege könnte Robby noch über 15 Jahre leben. In der Resozialierungseinrichtung AAP sieht man es ähnlich. "Käme Robby in einen Zoo, würde ich sagen: keine Chance. Das überlebt er nicht. Aber wir sind kein Zoo", erklärt David van Gennep, der Leiter der Rettungsstation in den Niederlanden. Die Kunst bestehe nun darin, für die Tiere neue Partner zu finden. Nur eben Affen, anstelle von Menschen. 

Vor dem OVG Niedersachsen demonstrieren parallel zur Verhandlung Zirkusgegner für Robbys "Freilassung". 

(Bild: Peta)

Ob das Zusammenleben mit Artgenossen aber einen Affen glücklich machen würde, der seit 40 Jahren mit Menschen lebt? Van Gennep findet: "Ich bin der Überzeugung: ja. Aber das ist natürlich fast eine philosophische Frage." (SPIEGEL+)

Der einzige, der seine Meinung dazu leider nicht äußern konnte, ist Robby. 

Update, 15.02 Uhr:
Das Oberverwaltungsgericht hat entschieden, dass Robby den Rest seines Lebens bei Klaus Köhler im Zirkus bleibt. Eine Revision ist nicht zugelassen.

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