Bild: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa

Der Regenwald im Amazonas brennt. Umweltforscher warnen, dass es hundert Jahre dauern könnte, bis sich der brasilianische Regenwald von dem Inferno erholt. (SPIEGEL ONLINE

Trotzdem hat der ultrarechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die Hilfen der G7-Staaten zurückgewiesen und ihnen eine "kolonialistische Mentalität" im Umgang mit der Krise vorgeworfen. (SPIEGEL ONLINE) Ursache der Brände ist Brandrodung, die von der Bevölkerung genutzt wird, um im Regenwald Platz für Felder zu machen. 

Aber warum wird im Amazonas gerodet? Was macht die Rodung mit dem Wald? Und woher kommt das schwierige Verhältnis der brasilianischen Regierung zum Umweltschutz?

Wir haben mit der Geoökologin Sophie von Fromm gesprochen. Die 26-Jährige hat im Amazonasgebiet zu Landnutzung geforscht (TU Bergakademie Freiberg). Heute ist sie Doktorandin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und untersucht, wie Kohlenstoff unter veränderten Klimabedingungen in Böden gespeichert wird.

Sophie, wie geht es dir, wenn du die Bilder aus dem Amazonas siehst?

Es macht mich wütend. Ich war schon oft vor Ort und weiß, wie schön so ein intakter Regenwald ist, in seinen Formen, Farben und Geräuschen. Zu sehen, wie das in kürzester Zeit brutal niedergebrannt wird, ist schon traurig.

Seit der brasilianische Regenwald brennt, ist die Welt besorgt. Warum ist der Amazonas so wichtig?

Das Amazonas-Gebiet ist größer als ganz Europa. Es wird nicht ohne Grund als "grüne Lunge" der Welt bezeichnet, weil dort extrem viel CO2 aufgenommen und gebunden wird. Auch der Boden darunter funktioniert wie eine Lunge: Durch die Mikroben wird viel CO2 aufgenommen und abgegeben. Wenn jetzt große Flächen gerodet werden, kann das Auswirkungen haben, die uns alle betreffen. 

Die Brände haben im Vergleich zum Vorjahr um 82 Prozent zugenommen, sagt die brasilianische Weltraumagentur.

Illegale Rodung gibt es schon sehr lange. Aber es ist spannend, die Aufs und Abs zu verfolgen. In der Vergangenheit haben brasilianische Regierungen das Amazonasgebiet stets eher aus ökonomischer als aus ökologischer Sicht betrachtet. Seit Bolsonaro an der Macht ist, ist die Zahl der Brandrodungen wieder in die Höhe gegangen. Dazu kommt: Momentan herrscht Trockenheit, dadurch breiten sich viele Brände unkontrolliert aus.

Bäume im Rauch bei einem Brand im Schutzgebiet Jamanxim im Staat Para. 

(Bild: Victor Moriyama/Greenpeace Brazil/dpa)

Wie geht es Forscherinnen und Forschern in Brasilien?

Es gibt Repressalien, und die Umwelt-Forschungsinstitute bekommen nicht viel Geld zur Verfügung gestellt, dabei ist ihre Arbeit extrem wichtig. Einige Umwelforschungsinstitute in Brasilien werten Satellitenbilder aus, um Brände und Landnutzung zu verfolgen. Andere unterstützen Farmer, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben, die Böden lange zu nutzen und den Wald zu schonen. Diese wichtigen Arbeiten werden nun erschwert, da Bolsonaro die Fördermittel drastisch gekürzt hat.

Kann man Umweltschutz und Landwirtschaft im Amazonas überhaupt versöhnen?

Das war und ist für mich auch eine spannende Frage. Mit unserer Forschung sind wir dem nachgegangen.  Wir haben vor Ort Bodenproben genommen, aber auch mit kleinen Farmern und Familienunternehmen gearbeitet. Ein sehr bewegendes Ereignis war, als wir nach sechs Monaten zu einem Stück Regenwald zurückkamen, auf dem wir Untersuchungen gemacht hatten: Das Gebiet war gerodet. Wir sprachen mit dem Farmer, der natürlich eine ökonomische Motivation hatte. Ich dachte vorher: Warum rodet man Regenwald? Die sollen das einfach sein lassen. 

Luftaufnahme des Regenwaldes am Amazonas in Brasilien. 

(Bild: Larissa Rodrigues/AAAS/dpa)

Und jetzt hast du mehr Verständnis?

Die großen Baumstämme, die sie vor der Rodung aus dem Wald holen, bringen viel Geld. Mit dem können sie ihre Kinder zur Schule oder zur Universität schicken. Und sie gewinnen natürlich Farmland. Die Menschen leben nun einmal dort, und man kann ihnen nicht verbieten, sich Wohlstand zu erarbeiten. Diesen Konflikt gilt es so zu lösen, dass beide Seiten profitieren

Was setzt ihr dem entgegen?

Wir erklären, dass nach der Rodung das gesamte Farmgebiet trockener wird, weil in den Wäldern auch viel Wasser umgesetzt und gespeichert wird. Durch größere Rodungen können die Bauern also langfristig schlechter Anbau betreiben, weil ihnen was Wasser in der Fläche fehlt. Ich glaube schon, dass einige Farmern umdenken. Aber es ist natürlich ein Zwiespalt. Und die Menschen in Europa tragen mit ihrem Konsumverhalten auch dazu bei, dass es den Drang nach immer mehr Landwirtschaftsflächen gibt: Wir kaufen das Holz. Und wir wollen Fleisch essen, deswegen werden Anbauflächen für Sojaanbau für die Rinderversorgung benötigt.

Sophie bei der Feldforschung im Amazonas.

(Bild: Privat)

Bolsonaro hat gesagt, er hält die westlichen Bestrebungen, den Regenwald zu bewahren, für Kolonialismus. Hat er ein bisschen Recht?

Das ist ein spannender Aspekt. Erst einmal ist es eine sehr populistische Aussage, dafür ist er ja auch bekannt. Aber es ist etwas anderes, wenn zu Kolonialzeiten die natürlichen Ressourcen dieser Länder ausgebeutet wurden, als wenn heute Brasilien darauf aufmerksam gemacht wird, dass es den Amazonas schützen soll, weil der nun einmal eine globale Bedeutung hat. Aber natürlich hat es einen bitteren Beigeschmack, wenn westliche Länder, die selbst ihre Klimaziele verfehlen und historisch gesehen für die meisten Treibhausgase verantwortlich sind, auf andere Länder mit dem tadelnden Finger zeigen. Also: Ein bisschen Wahrheit ist dran, aber der Vergleich hinkt.

Gibt es Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft?

Ja, sogenannte Agroforstwirtschaft. Man versucht, große Bäume stehen zu lassen und im Unterbau Anpflanzungen zu machen. Oder man baut auf gerodeten Flächen neue Bäume an, die wirtschaftlich genutzt werden können, beispielsweise Paranüsse. Die brauchen weniger Pflege und bringen auch Geld. Doch auch diese Anbaumethode ändert nichts daran, dass weiterhin wertvoller Regenwald vernichtet wird.  Denn das ist natürlich nur eine Option für kleine Bauern, nicht für die großen Unternehmen, die großflächig roden.

Warum bauen dann nicht alle kleinen Farmer Paranüsse an?

Zum einen dauert es länger, bis sie wachsen. Außerdem hat das auch eine geschichtliche Dimension. Das Amazonasgebiet wurde in den 60er und 70er Jahren von der brasilianischen Regierung mit Farmern aus dem südlichen und nordöstlichen Brasilien besiedelt. Die kannten sich aber mit dem Ökosystem Amazonas nicht aus und haben ihre Anbaumethoden aus ihrer Heimat mitgebracht. Im Süden und im Nordosten herrschen andere Klimate, in denen Weidewirtschaft durchaus lukrativ sein kann.

Bolsonaro hat auch gesagt, wir sollten lieber in Deutschland aufforsten.

Es spricht überhaupt nichts dagegen, auch hier aufzuforsten. Die letzten Sommer haben ja gezeigt, wie empfindlich unsere Wälder gegenüber extremen Wetterbedingungen wie Dürre sind. Wir haben kaum Wälder, die nicht wirtschaftlich genutzt werden, und zu viele Monokulturen. Diese sind gegenüber Krankheiten und extremen Wetterbedingungen deutlich empfindlicher. Aber ein Thema wie Klimawandel kann ohnehin nur global gelöst werden. Das vergessen viele politische Akteure in dieser Debatte.

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Future

Warum der Studienabbruch die beste Entscheidung meines Lebens war

Noch eine Woche bis zur Chinesisch-Klausur. Die Unterlagen lagen auf meinem Schreibtisch, ich seit Tagen in meinem Bett. Mir war unwohl, übel, und mir fehlte jede Motivation, aufzustehen. 

Das war Anfang 2017. Zu diesem Zeitpunkt studierte ich gerade Wirtschaft und Kultur Chinas im dritten Semester an der Uni Hamburg. An diesem Tag in meinem Bett wusste ich noch nicht, dass ich wenige Tage später einem Mitarbeiter des Campus-Centers meine Exmatrikulation in die Hand drücken würde. Plötzlich fiel es mir leicht: Ich brach mein Studium ab. Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

29 Prozent aller Bachelorstudierenden brechen ihr Studium vorzeitig ab.

Das hat eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ergeben. An Universitäten ist die Abbruchquote mit 32 Prozent sogar noch etwas höher als an Fachhochschulen, an denen 27 Prozent der Studierenden ihr Studium vorzeitig beenden. Die meisten von ihnen brechen nach dem ersten oder zweiten Semester ab, knapp die Hälfte. Im Durchschnitt brechen Studierende nach 3,8 Semestern ab. Keiner von den Studienteilnehmenden begann danach ein neues Studium.

Für einen Abbruch gibt es der Studie zufolge unterschiedliche Gründe. 30 Prozent aller Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher konnten nach eigenen Angaben die Leistungsanforderungen im Studium nicht bewältigen. 15 Prozent wollten lieber praktisch arbeiten. 17 Prozent aller jungen Menschen ging es wie mir: Es mangelte nach einiger Zeit an Motivation. 

Zu Beginn des Studiums wusste ich, was ich wollte – Journalistin werden. Mit dem Studium in Hamburg wollte ich mich thematisch spezialisieren, das sei wichtig mit diesem Berufsziel, hatte ich immer wieder gehört. Und alles rund um China interessierte mich schon lange. Das Problem war nur: Plötzlich langweilten mich die Seminare zur chinesischen Kultur, das Lernen der chinesischen Schriftzeichen überforderte mich, und die Themen für die Hausarbeit interessierten mich gar nicht.