Ich stehe mit einer Freundin in einer Drogerie vor dem Regal mit Reinigungsmitteln. Schweigsam betrachtet sie die vielen Plastikflaschen vor uns. Dann platzt es aus ihr heraus:

Warum ist das alles in Plastik verpackt? Was ist mit unseren Meeren, mit unserer Umwelt? Was ist mit unserer Zukunft?

Ich nicke, stimme ihr zu und sage nichts als ich die zwei Plastikverpackungen mit Nüssen und getrockneten Aprikosen in ihrer Hand sehe. Verpackungen, die viel schneller im Müll landen als ein leerer Badreiniger.

Losgelassen hat mich diese Situation aber auch Tage später nicht. Denn ich finde, dass die bezeichnend für ein Problem ist, das mir in meinem Alltag mittlerweile fast täglich begegnet. Alle wollen weniger Plastikmüll produzieren – aber fast niemand weiß, was genau zu tun ist. Wo soll man anfangen?

(Bild: kevin laminto/Unsplash)

Also frage ich mich: Woher kommt eigentlich mein Plastikmüll, den ich ein bis zweimal in der Woche aus der Wohnung trage?

Die einzige Möglichkeit, es herauszufinden: Sammeln. Eine Woche lang. Den Müll nicht nur trennen, sondern ihn auch aufbewahren. Denn ich will mir – und meinem Freund – auf die Schliche kommen. Eigentlich glaube ich nämlich, dass wir uns schon Gedanken machen. Aber trotzdem entsteht da immer dieser kleine Müllberg. Woher kommt der? Wann werden wir schwach? Über welche Verpackungen denken wir nicht genug nach?

Tag 1

Ich bringe den alten Plastikmüll aus dem Haus und informiere meinen Freund darüber, dass er von heute an alle Plastikverpackungen aufbewahren soll und alle Joghurtbecher ausspülen muss. Dafür darf er auf keinen Fall den Müll rausbringen. Das findet er ganz gut.

Dann fällt mir ein, dass ausgerechnet diese Woche Halloween ist und ich bereits kleine, abgepackte Süßigkeiten für klingelnde Kinder besorgt habe. Aber denen stattdessen Äpfel in die Hand zu drücken hätte ich mich sowieso nicht getraut.

Tag 3

Obwohl ich zu Beginn der Woche dachte, dass wir gar nicht so viel Plastik wegwerfen, stelle ich jetzt fest: da kommt ganz schön was zusammen. Und das, obwohl wir auf überflüssige Dinge wie zum Beispiel die kleinen Plastiktüten an den Obst- und Gemüseaufstellern verzichten und mit eigenen Taschen einkaufen gehen. Die Mülltüte wird voller und voller und nach drei Tagen schütte ich ihren Inhalt in eine Papiertüte. 20 Liter Plastikmüll – in drei Tagen.

Die ganze Woche sammeln wir unseren Plastikmüll und ich merke schon nach der Hälfte der Zeit, dass ich beim Einkaufen noch mehr als sonst auf Verpackungmüll achte, wenn ich an den Mülleimer zu Hause denke. 

Woher kommt der ganze Müll? Von Obst und Gemüse vielleicht?

Tag 5

Wenn man bei allem, was man im Supermarkt in die Hand nimmt, an einen ständig wachsenden Müllberg zu Hause denkt, macht Einkaufen wirklich deutlich weniger Spaß

Natürlich war mir das Plastik-Problem schon länger bewusst. Aber erst jetzt merke ich, wie sehr es mich in meinem Alltag einschränken würde, wenn ich versuchen würde, ganz plastikfrei zu leben. Oder unseren Müll auch nur auf fünf Liter die Woche zu beschränken. Es ist verrückt: Um umweltbewusst zu leben, muss ich in unserer Gesellschaft bereit sein, zu einer Konsumexpertin werden, zu Jemandem, der genau weiß, was er wo kaufen kann, wo man Kosmetik und Süßigkeiten ohne Plastik findet und wie man es schafft, in einer Großstadt wie Hamburg am Freitagabend Mozarella ohne Plastikverpackung zu finden. 

(Bild: @juliaveldmanc/giphy)

Ich merke, wie mich dieser Gedanke frustriert. Denn es ist ja nicht allein meine Aufgabe, die Erde vor Plastik zu retten. Warum ist unsere Welt so gestaltet? Warum gibt es nicht klügere Gesetze, die es für Firmen teurer und schwerer machen, Plastik zu benutzen, das nach kurzer Zeit wieder im Müll landet? Offenbar ist es uns schlicht nicht wichtig genug, sonst sähen unsere Supermärkte wohl anders aus. Warum können Nudeln nicht einfach in Verpackungen aus Pappe verkauft werden? Und falls sie es werden – warum ist darin noch ein Sichtfester aus Plastik? Auf der Packung sind die Nudeln doch schon abgebildet. 

Tag 7

So viel Plastikmüll hat sich nach einer Woche in unserem Zwei-Personen-Haushalt angesammelt:

(Bild: Susan Barth/bento)

Die Auswertung! Ich bin gespannt, was sich alles gesammelt hat. Und froh, dass ich bald nicht mehr literweise Müll in meiner Wohnung horten muss. Insgesamt sind es fast 35 Liter Plastikmüll geworden, die ich in unserem Wohnzimmer auf dem Boden ausleere. 

Sieben Plastikverpackungen für Obst und Gemüse sind in den letzten sieben Tagen im Müll gelandet. Die Verpackungen stammen sowohl von "normalen" als auch von Bio-Produkten. Ich habe zwar, wie sonst auch, darauf geachtet, Obst und Gemüse zu kaufen, das kaum oder gar nicht verpackt ist – aber die Ausnahmen, die ich gemacht habe, kann ich am Ende der Woche nicht leugnen. 

Und wie viel Plastikmüll kommt von anderen Lebensmitteln aus meinem Alltag?

Beschichtete Getränkekartons mit Plastikverschlüssen, Joghurtbecher, Tüten und Dosen. Für das Ende der Woche hatte sich Besuch angekündigt. Damit die Freunde, die bei uns übernachtet haben, morgens in Ruhe frühstücken können, habe ich Aufbackbrötchen gekauft. Eine schlechte Entscheidung, finde ich, als ich die Plastiktüte am Ende der Woche wieder aus dem Müll fische. Brötchen vom Bäcker wären die bessere – und leckerere – Wahl gewesen .

Süßigkeiten und andere Snacks sind in viel Plastik verpackt.

Die Kinder, die an Halloween geklingelt haben, waren nicht ganz so zahlreich wie ich vermutet hatte. Die übriggebliebenen Reste der Süßigkeiten blieben bei uns zurück. Verglichen mit dem Inhalt der einzelnen Plastikverpackungen ist die Müllmenge fast noch größer als mein schlechtes Gewissen.

Aber auch der Plastikmüll aus dem Badezimmer ist größer als ich dachte.

Bei Produkten im Badezimmer ist immer irgendetwas leer und landet im Plastikmüll. Diese Woche: eine Mundspülung, Waschgel, Bodylotion, Kontaktlinsenflüssigkeit, Deo und mehrere Verpackungen.

Dazu kommen noch mehr oder weniger definierbare Einzelteile. Eine Mischung aus Plastiktüten, dem Müllbeutel selbst, anderem Kleinkram und Frischhaltefolie.

Woher genau dieser Müll stammt, weiß ich am Ende der Woche nicht einmal genau. In der weißen Plastiktüte haben die Freunde Walnüsse aus ihrem Garten mitgebracht, die ich in ein Glas umgefüllt habe. 

Und welche Erkenntnisse habe ich aus dieser Müllanalyse gewonnen?

Dass ich vieles besser machen kann. Eines meiner größten Probleme: Ich bin faul. Wenn es in dem einen Supermarkt nur abgepackte Tomaten gibt, habe ich keine Lust nach der Arbeit noch in einen anderen Supermarkt zu gehen. Wenn ich heute Ratatouille kochen möchte, warte ich nicht, bis ich die Zutaten am Samstag auf dem Markt um die Ecke kaufen kann, sondern kaufe sie sofort – auch wenn sie in Plastik verpackt sind. Auf Schokolade möchte ich nicht jeden Tag verzichten und auf viele Produkte aus dem Badezimmer auch nicht.

Was kann ich trotzdem ändern, um Plastikmüll zu vermeiden?

Mit einem Müllberg mitten in der Wohnung konfrontiert, lässt es sich leichter über Problemlösungen nachdenken. Ich beschließe, in Zukunft doch noch mal in einem anderen Supermarkt nachzusehen, ob es die Bio-Gurke auch ohne Plastikfolie gibt. Und auf in Plastik verpackte Cherry-Tomaten zu verzichten, wenn ich stattdessen auch große, unverpackte Tomaten kaufen kann. 

Ich möchte über plastiklose Alternativen im Badezimmer nachdenken und öfter auf mehrmals verpackte Lebensmittel verzichten. 

Konkret heißt das erst einmal:

  • Ich werde mir einen Seifenspender aus Keramik zulegen oder Seifenstücke zum Händewaschen verwenden.
  • Nie wieder Wattestäbchen aus Plastik! Und auch keine anderen Produkte, die sich absolut problemlos mit fast identischen – aber plastikfreien – Alternativen ersetzen lassen.
  • Mehr Einkäufe auf dem Wochenmarkt mit dem eigenen Stoffbeutel.
  • So gut es geht auf Süßigkeiten verzichten, deren Inhalt noch einmal einzeln verpackt ist. Auch, wenn sie noch so lecker schmecken.
  • Endlich mal den Unverpackt-Laden in der Stadt ausprobieren, wenn ich Schokolade, Nüsse oder Müsli kaufen möchte – obwohl ich dafür eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahren muss.
  • Meine Einkäufe besser planen

Mittlerweile gibt es in vielen deutschen Städten Läden, die ihre Produkte unverpackt anbieten wie hier im Laden "Original Unverpackt" in Berlin. Die Kundinnen und Kunden bringen die Gefäße selbst mit, in denen die Einkäufe mit nach Hause genommen werden. 

(Bild: Gregor Fischer/dpa)

Hätte ich diese Maßnamen auch ergriffen, wenn ich meinen Plastikmüll nicht gesammelt hätte? 

Wahrscheinlich nicht. Denn das ist häufig ein Problem: Um das eigene Handeln zu rechtfertigen, klammert man sich an der Vorstellung fest, dass man schon besser handelt als andere. Während ich denke, dass ich sowieso weniger Plastikmüll verbrauche als mein Nachbar, weil ich mit einer Stofftasche einkaufen gehe, bin ich nicht mehr so streng mit mir und meiner eigenen Verantwortung auseinander.  

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre war der Ansicht, dass wir Menschen absolut frei, aber dadurch auch für alles verantwortlich sind, was wir tun. Deshalb sei der Mensch zur Freiheit verurteilt. (Bayerischer Rundfunk)
So banal die Grundlagen Sartres Philosophie im Alltag klingen mögen: Letztlich bin ich frei in meinem Konsumverhalten, einzeln verpackte Schokoladenbonbons zu kaufen, aber dadurch auch verantwortlich dafür, wenn mein Plastikmüll die Umwelt belastet und andere Lebewesen gefährdet. 

Jeder und Jede kann theoretisch einen Beitrag dazu leisten, den Plastikmüll auf unserem Planeten zu reduzieren. Auch, wenn es scheint, dass die einzelne Konsumentin oder der einzelne Konsument nicht die ganze Welt verändern kann, ist nichts zu tun nicht nur eine bequeme, sondern auch eine aussichtslose Alternative. 

Nur, wenn wir nicht mehr blind durch unser Leben und den Supermarkt gehen, können wir Bausteine für eine plastikfreie Zukunft setzen.

Denn wir haben ja noch viel größere Probleme: Plastikfreie Autoreifen? Weniger Plastik in der Industrie? Ideen, Mikroplastik zu verhinden

Und da motiviert es unheimlich, seinen persönlichen Müllberg vor Augen zu haben und zu wissen: Wir haben noch viel zu tun!



Art

Dieser 26-jährige macht Kunstwerke aus Sand und wurde damit zum Star auf Instagram

Der 26-Jährige Tim Bengel aus Esslingen bei Stuttgart ist derzeit einer von Deutschlands erfolgreichsten Nachwuchskünstlern. Aber nicht in der etablierten Kunstwelt, sondern auf Instagram. Seinen Durchbruch hatte er mit Videos, die millionenfach in den sozialen Netzwerken geteilt wurden. 

Darin zeigt er, wie seine Bilder entstehen, die – das ist das Besondere! – aus Sand sind. Besonders beeindruckt der Moment, wenn der Künstler seine Leinwand aufrichtet, den überschüssige Sand herunter rieseln lässt und das Motiv enthüllt, das er mit tausend winzigen Sandkörnchen auf die Leinwand geklebt hat.

In diesem Video siehst du, wie Tim arbeitet: