Im Video: Fünf Fragen an die Chefin des Original-Unverpackt-Ladens in Berlin

Egal ob im Supermarkt oder im Badezimmer – trotz grüner Alternativen siegt häufig die Bequemlichkeit. Dann gibt es statt frischgepresstem O-Saft, doch den abgefüllten Saft in der Plastikflasche. Und statt Zahnputztabletten nutzt man Zahnpasta, die in Kunststofftuben verpackt ist.

5 Gewissensfragen

Darf ich noch Plastikbecher für meine Party kaufen? Lieber keine Avocados mehr essen und auf Öko-Mode umsteigen? Kurz: Wie können wir konsumieren, ohne das Klima und unsere Umwelt zu belasten? Weil es uns im Alltag manchmal schwer fällt, Kaufentscheidungen mit unserem Gewissen zu vereinbaren, fragen wir diejenigen, die sich täglich mit dem Thema beschäftigen: Aktivistinnen, Blogger, Unternehmerinnen.

Fakt ist: Wir produzieren zu viel Plastikmüll.

In Deutschland wurden 2016 pro Kopf etwa 220 Kilogramm Verpackungsabfälle verursacht. Das sind etwa 50 Kilogramm mehr als eine Person im EU-Durchschnitt verbraucht (Umweltbundesamt). Teile dieser Abfälle gelangen trotz guter Recycling-Systeme in die Meere – damit schädigen sie die Umwelt und gefährden Tiere. 

Milena Glimbovski, 29, ist die Gründerin des Berliner Ladens "Original Unverpackt" – einem Supermarkt, der verpackungs- und plastikfreie Produkte anbietet. Als Zero-Waste-Aktivistin ist Milena überzeugt: Plastikfrei leben ist leichter als gedacht.

Im Video oben beantwortet sie besonders häufig gestellte Gewissensfragen und spricht darüber, ob und welche Plastikalternativen wirklich besser sind.


Fühlen

Luise gibt Tipps bei Depressionen – und ist selbst psychisch krank. Funktioniert das?
"Da war jemand, der sagt: Es ist nicht vorbei."

Angst kriecht hoch, Aggression staut sich an. Luise Müller weiß, wie sich all das anfühlt. Die 31-Jährige hat seit mehreren Jahren eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, Medikamentensucht und Depressionen. Trotzdem hilft Luise anderen Menschen mit psychischen Krankheiten. Geht das? Macht es ihre eigenen Krisen nicht noch schlimmer – und wie kann sie anderen eine Hilfe sein?

Luise – lange braune Haare, Mittelscheitel, hallescher Akzent – sagt über sich selbst, dass sie einen "Flitz unterm Pony" habe – sie sei ein bisschen durchgeknallt. Sie wolle sich selbst nicht zu ernst nehmen, der Krankheit nicht zu viel Platz geben. Sie "eskaliert das Wochenende eher auf dem Sofa", sagt sie, während andere sich mit Freunden oder Familie treffen. Sie brauche die Ruhe als Gegenpol zum Stress, den die Krankheiten in ihr auslösen. 

Ein weiteres Ventil findet sie in ihrer Arbeit mit anderen Menschen mit psychischen Krankheiten. "Ich werde selbst immer mit diesen Diagnosen leben", sagt sie, und genau deshalb habe sie beschlossen, Menschen zu helfen, denen es genauso geht. 

Vor mehr als einem Jahrzehnt entwickelten Fachkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Betroffene ein Konzept, "Experienced-Involvement" – kurz: "Ex-In". 

Die Idee: Menschen, die schwere psychische Krisen durchlebt haben, helfen anderen, die sich gerade in einer solchen Krise befinden, als Genesungsbegleiterin oder -begleiter. Sie geben Tipps, fühlen mit – oder hören einfach nur zu. In der Psychiatrie, im betreuten Wohnen oder begleitend zur Therapie. 

Der Bedarf ist groß: In Deutschland waren knapp 30 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2015 einer Studie zufolge zumindest zeitweise psychisch krank (Thieme). In Deutschland sterben laut Statistischem Bundesamt jährlich etwa 10.000 Menschen durch Suizid (Destatis). Die Suche nach Hilfe fällt nicht immer leicht – und die Therapieplätze sind knapp. Hilfsangebote wie die von "Ex-In" sind deshalb wichtig. 

Seit 2011 sind die Genesungsbegleiter im Verein "Ex-In Deutschland" organisiert. Die Zahl wächst – zumindest legt das ein Bericht der Hochschule München nahe, der die Arbeit von Ex-In in Oberbayern nach vier Jahren evaluierte. (Ex-In Oberbayern)

Mehr als 400 Ausbildungsstunden und 2000 Euro investieren zukünftige Genesungsbegleiterinnen wie Luise in die einjährige Ausbildung. 

Viele machen es ehrenamtlich, da bedeutet die Ausbildung: Zeit und Geld. Bei Luise ist das anders. Sie hat einige Jahre als Erzieherin in Rostock gearbeitet, wurde dann verrentet, als die Symptome ihrer Krankheit zu heftig wurden. Finanziell unterstützt wird sie nun von einer Stiftung, die ihr unter anderem die Ausbildung bezahlt. Später möchte sie, wie viele andere Genesungsbegleiter, entweder vollkommen ehrenamtlich oder auf 450-Euro-Basis für "Ex-In" arbeiten. 

In der einjährigen Ausbildung bekommen die Begleiterinnen in Seminaren Input zu psychischen Krankheiten und tauschen sich über sich selbst aus. 

Sie reflektieren, was ihnen geholfen hat, mit Krisen fertig zu werden. Luise lenke sich beispielsweise durchs Stricken von der Depression ab, anderen helfe in schlechten Momenten ein Spaziergang mit Freunden im Park, erzählt sie. 

Auch lernen die Genesungsbegleitenden in der Ausbildung, sensibel dafür zu werden, dass jede Krankheit anders ist. Was ihnen geholfen hat, muss nicht unbedingt ihren späteren Klienten helfen – kann es aber. In zwei Praktika hospitieren sie in Psychiatrien oder Kliniken.

Luise steckt mitten in der Ausbildung. Sie macht derzeit ein Praktikum beim psychiatrischen Fachpflegedienst in Rostock. Dessen Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger besuchen Menschen mit psychischen Krankheiten in ihren Wohnungen und Häusern, kümmern sich mit ihnen um finanzielle Fragen, Klinikaufenthalte oder unterstützen im Haushalt. Luise hilft ihnen dabei. Manchmal nur einen, manchmal alle Tage der Woche. Sie könne gut mit den Patienten. "Endlich jemand, der mich versteht", höre sie häufig.