Bild: dpa/Pedro Fiuza

Ich bin ein Riesenfan von Vintage-Mode. Ich liebe Klamotten der vergangenen Jahrzehnte, besonders Jacken und Jeans. Und ich finde es wichtig, nicht ständig alles neu zu kaufen, sondern nachhaltig mit Kleidung umzugehen.

Am Wochenende spazierte ich durch einen meiner liebsten Second-Hand-Läden. Schon nach ein paar Minuten fiel mir ein Teil ins Auge, das mich die nächsten Tagen nicht mehr loslassen sollte: ein brauner Mantel. Er sah aus wie das Erbstück einer Oma: kuschelig weich und unschlagbar warm an noch kühlen Frühlingstagen.

Doch, und das ließ mich kurz schaudern: Der komplette Mantel bestand aus etwas, das aussah wie Pelz.

Um sicherzugehen, zückte ich unauffällig mein Feuerzeug und strich damit vorsichtig am Ärmel der Jacke entlang.

Es bestätigte, was ich bereits ahnte: echtes Fell! Genauso riecht es, wenn beim Föhnen morgens aus Versehen ein paar Haare verbrennen! Ich entschied schnell: raus aus dem Laden.

Pelze in China(Bild: Animal Equality)

Später musste ich wieder an den Mantel denken.

Ich liebe Tiere. Ich halte es nicht aus, wenn jemand seinen Hund am Halsband zerrt und bei Videos von Tierschutzorganisationen wird mir schlecht. Die Pelzindustrie hält Tiere in winzigen Käfigen, häutet und tötet sie auf brutale Weise.

Doch die Nachfrage nach Pelz ist groß: Im vergangenen Jahr hat die Pelzindustrie weltweit 29,1 Milliarden Dollar umgesetzt, gibt der Deutsche Pelzverband an. "Das ist für die Pelzbranche relativ viel", sagt Andreas Lenhart, Präsident des Verbandes. "Immer mehr Menschen interessieren sich für Pelz."

Das zeigt sich zum Beispiel auf Instagram – zum Klicken:
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Pelztiere werden nur zu dem Zweck gezüchtet, ihnen irgendwann das Fell über die Ohren zu ziehen. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, einen Pelz zu kaufen und diese Produktion damit zu unterstützen.

Aber ist es so einfach?

  • Ist das Tragen eines echten und eines Vintage-Pelzes dasselbe?
  • Ist es nicht nachhaltiger, eine alte Pelzjacke zu kaufen – anstatt eine andere komplett neue Jacke, über dessen Produktionsbedingungen ich mir auch nicht sicher sein kann?
  • Oder rede ich mir den Pelz einfach nur schön?
Ist es grundsätzlich unethisch, Pelz zu tragen – egal woher und wie alt?
Auch Vintage-Pelz ist Pelz

Wenn jeder nur noch alten Pelz auftragen würde, müssten heute keine Tiere mehr leiden. Wir hätten so lange noch Spaß an den Teilen, bis sie irgendwann auseinanderfallen.

Ich frage bei einem Sprecher von "Vintage & Rags" nach, einer großen Second-Hand-Modekette, die auch echten Pelz verkauft. "Es gibt einige Leute, die sich das Pelztragen bei den Promis abgucken. Die kommen zu uns – und das ist doch besser, anstatt dass sie Neuware kaufen", sagt er. "Die Produktionsbedingungen für neuen Pelz würden wir niemals unterstützen."

Auch für Ethik-Professor Herwig Grimm von der Uni Wien gibt es zunächst einen Unterschied zum Kaufen von neuem Pelz: "Kaufe ich mir ein neues Kleidungsstück, muss ich davon ausgehen, dass es wieder nachproduziert wird – im Falle von Pelz unter wahrscheinlich fragwürdigen Bedingungen. Durch den Kauf übernehme ich genau dafür Verantwortung und muss für mich entscheiden, ob ich das will", sagt er.

Doch: Bei gebrauchten Teilen sei diese direkte Angebot-Nachfrage-Relation außer Kraft gesetzt. Kaufe man den Vintage-Pelz, werde dafür direkt keiner nachproduziert.

Okay. Aber das heißt ja, dass ich mir einen Mantel aus altem Pelz kaufen könnte – schließlich müsste dafür kein Tier leiden.

Durch den Kauf übernehme ich Verantwortung.
Herwig Grimm

Ganz so einfach ist es aber nicht. "Das Tragen von Pelz, ob alt oder nicht, suggeriert nach außen, dass man mit der Form der Tierhaltung konform geht. Man zeigt: Ich bin bereit, für mein ästhetisches Empfinden Tierleid in Kauf zu nehmen", sagt Grimm. Entscheidend sei die symbolische Bedeutung. Und die bleibe dieselbe – ob ich alten oder neuen Pelz trage.

Ist es also realistisch, dass die Nachfrage nach neuem Pelz steigt, nur weil ich mit einem alten herumlaufe?

Ja, sagt Jörg Luy, ehemals Professor am Institut für Tierschutz der Freien Universität Berlin. "Mode weckt Begehrlichkeiten beim Betrachter. Solange Sie sich ohne Zuschauer in Ihren ererbten Pelz kuscheln, wäre also alles in Ordnung. Aber wer macht das schon?"

Nach einigen Tagen Herumdenken auf dem braunen Mantel vom Wochenende ist für mich klar: Auch Vintage-Pelz ist Pelz. Den Mantel würde ich nicht nur zu Hause vor dem Spiegel tragen, sondern in der Öffentlichkeit. Allen anderen würde ich damit zeigen, dass mir ein stylisches Stück Stoff wichtiger ist als Tierschutz.

Sollte es unter all den Menschen dort draußen auch nur eine einzige Person geben, die sich wegen mir einen neuen Pelz zulegt, würde ich mir das nie verzeihen – da verzichte ich lieber. Und so bleibt der Mantel wo er ist: auf der Stange.


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