Bild: dpa / Daniel Naupold
Eine Expertin antwortet.

Wir Deutschen sind gern Erster: im Export, im Fußball, im Auto. Leider gilt das auch für die Umweltverschmutzung, zumindest in einigen Bereichen. In der Europäischen Union etwa produziert kein anderer Staat so viel Verpackungsmüll wie Deutschland. 

Und auch beim globalen Anteil der CO2-Emmissionen liegt die Bundesrepublik weit vorn: weltweit an Platz 7. In Europa, natürlich: erster. (SPIEGEL ONLINE)

Dabei wissen wir alle, was dem Klima, der Umwelt und den Menschen schadet. Wir wissen, dass die meisten unserer Kleider von Menschen in Indien, Bangladesch oder China unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden. Dass wir lieber Fahrrad statt Auto fahren sollten, besser Rüben statt Avocados essen und mit der Bahn nach Italien statt mit dem Flugzeug nach Chile fliegen sollten. 

Und spätestens seit der die Dürre in diesem Sommer auch Deutschland erreichte, haben viele die Auswirkungen ein klein bisschen zu spüren bekommen. 

Trotzdem ändern wir: wenig. Aber wenn die EU-Kommission Strohhalme und Coffee-to-go-Becher verbieten will, klatschen die meisten Beifall. Wieso haben wir sie überhaupt gekauft? (bento)

Wieso ändern wir unser Konsumverhalten nicht endlich, wenn wir doch wissen, dass es schlecht ist?

Wir haben mit Viola Muster, 36, darüber gesprochen. Sie forscht für das Institut ConPolicy zum den Themen Verbraucherverhalten, nachhaltiger Konsum und Verbraucherpolitik.

(Bild: privat)

Weniger Fleisch essen, weniger fliegen, generell weniger konsumieren und vor allem Produkte, die fair hergestellt wurden – wir wissen alle, was wir machen müssen, damit Erde und Menschen gesund werden und bleiben. Warum fällt es uns so schwer, das auch zu tun?

Weil die meisten anderen das auch nicht machen. Es fühlt sich blöd an, in den Harz zu fahren, wenn die Freunde nach Mallorca oder Thailand fliegen. Es ist anstrengend und in unserer glitzernden Konsumwelt beinahe unmöglich, nachhaltig zu leben. Man müsste ständig gegen den Strom schwimmen. 

Um uns herum ist alles so organisiert, dass es sehr schwer ist, nachhaltig zu handeln – da hilft mir das reine Wissen über nachhaltigen Konsum nur wenig. Außerdem: Die negativen Auswirkungen meines Verhaltens bekomme ich nicht direkt zu spüren. Uns fehlt also das unmittelbare Feedback auf unser Handeln, was für menschliches Lernen sehr wichtig ist.

Was beeinflusst mich noch in meinem Konsumverhalten?

Da kommen viele Aspekte zusammen: soziales Umfeld, Bildung, Einkommen, Vorlieben, Gewohnheiten. 

Menschen sind träge, Verhalten ist immer auch Gewohnheit.
Viola Muster

Am wichtigsten aber sind die Umstände, die Rahmenbedingungen. Egal ob nachhaltige Schuhe kaufen, den Stabmixer reparieren lassen oder mit der Bahn in den Urlaub fahren – wenn das kompliziert oder zu teuer ist, mache ich es nicht.

Die Frage ist also: Wie attraktiv und leicht ist es in jeder Situation, mich nachhaltig zu verhalten?

Es liegt also nicht an mir, sondern an dem System?

Es liegt an beidem. Jeder Einzelne trägt Verantwortung, möglichst wenig Schaden anzurichten. Aber es muss auch viel einfacher werden, sich ökologisch zu verhalten.

  • Mindeststandards etwa für Kleidung oder Lebensmittel müssen deutlich höher sein. Dann kommt es immer noch auf meine Kaufentscheidung an. Aber dann muss ich nicht mehr im Spektrum von „ungenügend“ bis „gut“ wählen, sondern nur noch zwischen „ausreichend“ und „gut“.

  • Die Umweltbelastung eines Produkts muss sich im Preis widerspiegeln. Dinge, die uns teuer zu stehen kommen, sollten auch teuer sein – Fleisch und Fliegen beispielsweise. Dann können sich das Fliegen weniger Menschen leisten, ja. Aber so ist es auch richtig. Es gibt kein Recht auf ein tägliches Schnitzel oder einen Flug über den Atlantik.

  • Und manches gehört auch einfach nur schlichtweg verboten: Gift in Kleidung, die Verstümmelung von Tieren oder Plastik im Duschbad.

Wenn so klar ist, was passieren muss – warum setzt die Politik es nicht einfach durch?

Die Politik traut sich an diese Hebel nicht heran, weil der Druck von vielen Unternehmen und deren Interessensverbänden sehr hoch ist. Und weil es die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht genug interessiert. Mit dem Thema lässt sich eben keine Wahl gewinnen. 

Viele kümmern sich vor allem um ihr eigenes Leben, sie grenzen sich von der Politik ab und warten darauf, dass sie etwas ändert. Aber: 

Wir sind die Politik! Wir haben eine Pflicht als Bürgerinnen und Bürger, unsere Gesellschaft zu gestalten. Nicht nur am Wahltag.
Viola Muster

Also kommt es doch auf das Handeln des Einzelnen an.

Natürlich. Als Konsument und als Bürger. Aber der Einzelne schafft es nicht alleine. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns in der Gruppe zusammenfinden und gemeinsam etwas ändern, damit man irgendwann nicht mehr das Gefühl hat, man sei der einzige Depp, der sich versucht einzuschränken.

Wie soll das funktionieren?

Wir müssen stärker über den eigenen Tellerrand schauen, mitreden, Unternehmen in Verantwortung nehmen, mitdenken, fordern, auf die Straßen gehen, uns empören und engagieren. Dafür brauchen wir viel mehr Verbraucherbildung und politische Bildung.

Wir können aber auch viel erreichen, wenn wir uns einfach mal ehrlich machen. Die einen kümmern sich gar nicht, weil sie meinen, auf ihren einzelnen Beitrag käme es nicht an. Die anderen reden sich erfolgreich ein, sie würden doch bereits einigermaßen nachhaltig leben, weil sie Biolebensmittel kaufen, nachfüllbare Wasserflaschen verwenden und ab und zu einen vegetarischen Bratling essen. 

Im Moment machen wir uns alle ziemlich viel vor.
Viola Muster

Wenn ich wirklich nachhaltig leben will, reicht das nicht. Es bedeutet auch: wenn überhaupt, dann nur alle paar Jahre mal fliegen, kein Auto fahren, kein Fleisch und weniger tierische Produkte insgesamt essen, in einer kleinen Wohnung leben und vor allem von allem viel, viel weniger konsumieren. Wenn wir das schaffen, geben wir auch starke Signale an den Rest der Welt.

Hilft es nicht, im Kleinen anzufangen – weil uns größere Veränderungen dann leichter fallen?

Nicht unbedingt. Die Kleinigkeiten dienen häufig der Gewissensberuhigung und dabei bleibt es dann. Die Bedingungen in jedem Konsumbereich sind sehr unterschiedlich. Es fällt uns beispielsweise leichter, Biolebensmittel zu kaufen, weil wir sie mittlerweile in fast jedem Supermarkt finden. Wir müssen nicht wirklich etwas ändern. Trotzdem fahren wir mit dem Auto zum Einkaufen.

Biogemüse kaufen, aber zum Wandern nach Nepal fliegen? Ehrlich nachhaltig ist das nicht.

(Bild: pixabay.com / ThePixelman)

Es gibt Menschen, die nachhaltiger leben. Was können wir uns von ihnen abgucken?

Tatsächlich sind das viel weniger als man vielleicht denkt. Ja, es gibt diese Menschen und immer mehr orientieren sich an Nachhaltigkeit. Aber auch und gerade in diesen Gruppen ist das Konsumniveau viel zu hoch. 

Diejenigen, die wirklich nachhaltig leben – nicht fliegen, in einer kleinen Wohnung leben, ohne Auto – sind die wenigsten und dann meistens nicht freiwillig, sondern weil sie im Vergleich zum Rest arm und dadurch auch ausgegrenzt sind. Das darf nicht sein. Deshalb müssen andere Regeln für alle gelten.

Diejenigen, die es freiwillig geschafft haben, besitzen wohl sehr viel Überzeugung, Hartnäckigkeit und die Bereitschaft zum Verzicht.


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Am 8.8. kam auch ein AfD-Abgeordneter nach Buchenwald.

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