Bild: Freitag
Viele unserer Klamotten haben eine miese Ökobilanz. Das geht auch anders.

Was hast du in diesem Moment an? Eine Hose aus Baumwolle? Ein Shirt aus Baumwolle? Socken aus Baumwolle - mit ein paar Synthetikfasern drin? Dann geht es dir wie den meisten anderen. Baumwolle ist der Lieblingsstoff der Deutschen; rund 80 Prozent tragen ihn am liebsten, wie Umfragen immer wieder zeigen.

Dabei ist die Baumwollpflanze überaus durstig. Die Produktion nur einer Jeans verschlingt rund 10.000 Liter Wasser. Etwa 80 Prozent davon gehen allein für den Anbau der Baumwolle drauf, so das Ergebnis eines Berichts der Unesco. "Baumwolle hat den höchsten Wasserbedarf aller Fasern", stellte auch eine Untersuchung für das britische Landwirtschaftsministerium fest. Dazu kommt die Belastung mit Chemikalien, die viele Hersteller mittlerweile mit Biobaumwolle senken wollen.

Die Schweizer Brüder Markus und Daniel Freitag hat das nicht überzeugt. Ihre Firma Freitag ist vor allem für Taschen aus recycelten LKW-Planen bekannt; ein Exemplar steht im Museum of Modern Art in New York.

"Wir waren eigentlich nur auf der Suche nach einer guten Arbeitshose für die Mitarbeiter in unserer Fabrik", sagt Daniel Freitag. Haltbar sollte sie sein und nachhaltig produziert. "Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir für eine gute Hose einen guten Stoff brauchen. Und für einen guten Stoff eine gute Faser."

Und so beschlossen die Brüder, ihre eigene Hose zu entwickeln. Vier Jahre dauerte es, bis das erste Exemplar fertig war - und die neue Hose bestand aus Altbekanntem: Leinen und Hanf. "Was wir machen, ist gar nicht innovativ", sagt Freitag. "Eigentlich ist das alles total back to the future."

Die beiden Pflanzen wachsen in Europa und kommen ohne viel Wasser aus. Für Leinen und Hanf reicht Regen. Die ganze Hose entsteht in einem Umkreis von 2500 Kilometern rund um Zürich - nicht etwa 10.000 Kilometer entfernt in Asien. Die Fasern kommen aus Frankreich, werden von einer italienischen Firma in Tunesien gesponnen, in Italien gewoben und in Polen zu einer Hose vernäht.

Doch das hat seinen Preis: an der Kasse und beim Komfort. Die Hanf-Leinen-Jeans ist in etwa doppelt so schwer wie eine Hose aus Baumwolle, saugt beim Waschen mehr Wasser auf und braucht beim Trocknen länger - und sie kostet 190 Euro.

Eigentlich ist das alles total back to the future.

"Wir sind beim Preis hart an der Schmerzgrenze", sagt Freitag. Der Großteil gehe für die Personalkosten drauf, aber auch der Stoff sei teuer. "Das ist in gewissem Maße Ökoluxus. Aber bei einem Fünf-Euro-T-Shirt muss ich mich doch fragen: Wer zahlt den Rest?"

Die Freitag-Brüder sind nicht die einzigen Designer, die auf der Suche nach nachhaltiger Mode auf beliebte - und die Umwelt belastende - Materialien verzichten.

Bei Taschen und Schuhen ist Leder häufig das Material der Wahl - und die Produktion insbesondere in Asien hochproblematisch. Für 250 Kilogramm Leder werden 500 Kilogramm oft hochgefährlicher Chemikalien gebraucht. Bis Felle enthaart und aus feuchten Häuten haltbares Leder geworden ist, sind tagelange Chemiebäder nötig.

Dazu kommt: Die Kühe, die für das Leder getötet werden, müssen gezüchtet und ernährt werden. Das kostet Nahrungsmittel und damit Ackerland.

Doch es geht auch anders. Vier Ideen für Kleidung aus Pflanzen – aber fast ohne Baumwolle:
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Beim Ökodesign lauern allerdings auch Fallen für Verbraucher: Die frühen Schuhmodelle der portugiesischen Firma Ultrashows sahen nach Natur aus, bestanden aber vor allem aus Plastik. Kork wächst zwar in Portugal und damit direkt vor der Haustür, hat allein aber nicht die nötigen Eigenschaften, um daraus Schuhe zu machen, und wurde daher mit Kunststoff verstärkt. "Heute können wir Biobaumwolle benutzen", schreibt Pedro Lima von Ultrashoes. "Und wir setzen mehr und mehr auf upgecycelte Materialien."

Die Idee, Chicoréewurzel in der Kunststoffproduktion einzusetzen wiederum zeigt eine weitere Schwierigkeit: das ganze Leben des Kleidungsstücks nachhaltig zu gestalten. Zwar würde Rohöl als Basisstoff für Kunststoff entfallen; der Nylonstrumpf bliebe am Ende seines Lebens aber weiter eine Belastung für die Umwelt.

Anders sieht das schon bei der Hose von Freitag oder einer Tasche von reWrap aus, die zum Teil aus zusammengepressten Kokosnussfasern besteht. Beide sollen am Ende der Nutzung einfach auf dem Kompost vergammeln. Und wer seine Kleidung nicht mehr tragen, aber auch noch nicht kompostieren möchte, der kann ja immer noch tauschen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE in der Reihe Expedition ÜberMorgen erschienen.

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