Im Interview erzählt sie, wie der minimalistische Lebensstil gelingt.

Fünf Jahre ist es her, dass Mimi* beschlossen hat, etwas in ihrem Leben zu verändern. Weil sie sich nach Klarheit in ihrem Innern sehnte, begann sie, um sich herum Ordnung zu schaffen und auszumisten, bis ihre Wohnung fast leer war. Mimi lebt seitdem minimalistisch. Heute teilt die Dreißigjährige ihre Erfahrungen unter ihrem Künstlernamen "Minimal Mimi" auf YouTube und schreibt ein Buch über Minimalismus.

*Mimi heißt eigentlich anders. Sie möchte aber mit ihrem Spitznamen angesprochen werden. 

Mimi lebt mit ihrem besten Freund in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Radikal minimal. Warum sie das macht und wie es sich anfühlt, aus dem Konsum ausgestiegen zu sein, erzählt sie im Interview.

Raus hier!

Unzufrieden im Job, schlechtes Gewissen beim Konsum, am liebsten würde man alles anders machen – aber wie? Viele Menschen fühlen sich in ihrem täglichen Trott gefangen. In dieser Reihe stellen wir Personen vor, die das nicht mehr mitmachen wollen und aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft aussteigen.

Mimi hat sich vor fünf Jahren vorgenommen minimalistisch zu leben – und es geschafft.

(Bild: privat)

bento: Du lebst minimalistisch. Was bedeutet das für dich?

Mimi: Dass man sich von Überfluss befreit. Das kann alle Lebensbereiche betreffen, fängt aber meistens bei materiellen Besitztümern an. Man konzentriert sich auf das Wesentliche. Es geht darum, nur noch das zu besitzen, was einen glücklich macht. Das kann bei jedem anders aussehen.

bento: Wie hat das bei dir angefangen?

Mimi: Ich war Mitte zwanzig, Studentin und habe durchschnittlich konsumiert, würde ich sagen. Ich war ab und zu mit Freundinnen shoppen und habe mir immer mal wieder spontan etwas gekauft. Ein Buch, Deko, Kosmetika. Der Auslöser, mit dem Ausmisten anzufangen und nicht ständig Neues zu kaufen, war dann ein Dokumentarfilm über buddhistische Mönche. Deren einfache und reduzierte Lebensweise hat mich total fasziniert und inspiriert. Mir wurde klar, dass mich viele Dinge eher belasten als bereichern. Ich wollte etwas verändern. Die Klarheit, die in meinem Inneren gefehlt hat, wollte ich um mich herum schaffen. Je weniger ich besaß, desto befreiter habe ich mich gefühlt. Und ich habe gemerkt, dass ich meine Unzufriedenheit mit Konsum nur scheinbar kompensiert habe.

Das ist alles. So wohnt Mimi in ihrem WG-Zimmer in Berlin.

(Bild: privat)

bento: Wie meinst du das?

Mimi: Ich erinnere mich noch gut an spontane Impulskäufe – besonders bei kleinen Dingen wie Nagellack. In solchen Momenten denkt man, es würde einen glücklich machen, diese eine Sache zu besitzen. Am Ende stimmt das aber nicht. Letztlich ist es nur eine Gewohnheit, und die kann man sich abgewöhnen.

bento: Wie hast du das geschafft?

Mimi: Ich habe einfach ein paar Nächte darüber geschlafen und dann überlegt, ob ich das Produkt immer noch haben möchte. Manchmal reicht schon eine Nacht. Mittlerweile muss ich mich gar nicht mehr zurückhalten, wenn ich durch die Stadt gehe und in die Schaufenster sehe. 

So sieht Mimis Kleiderschrank heute aus. In den Kisten bewahrt sie unter anderem Unterwäsche, Socken, Accessoires wie Schal und Handtasche und Bettwäsche auf.

(Bild: privat)

bento: Vergangenes Jahr haben alle mit Marie Kondo ihre Schränke ausgemistet. Bist du beim Aussortieren nach einem bestimmten Prinzip vorgegangen? 

Mimi: Nein, eher intuitiv, würde ich sagen. Angefangen habe ich bei meinen Klamotten. Mittlerweile besitze ich noch etwa zwanzig Teile in meinem Kleiderschrank. Schlafanzug und Unterwäsche zähle ich nicht mit. Dann habe ich meine Bücher weggegeben. Ich weiß, dass das vielen Menschen besonders schwerfällt, aber ich war ehrlich zu mir: Ich würde sie nicht noch einmal lesen. Heute leihe ich Bücher nur noch aus. Auch Deko habe ich großzügig aussortiert und nur noch Dinge in meiner Wohnung, die mir wirklich etwas bedeuten, wie zum Beispiel alte Fotos oder Skizzen meiner Mutter. Die Dinge, die ich heute besitze, schätze ich auch.

bento: Was hast du mit den ganzen aussortierten Sachen gemacht?

Mimi: Ich habe vieles verschenkt. Am Anfang habe ich noch versucht, Sachen zu verkaufen, aber das kostet viel Zeit und Energie. Wenn man nichts wegschmeißen möchte, ist dieser Teil der anstrengendste am Aussortieren. Aber der Gedanke, dass die Dinge, die einen selbst nicht glücklich machen, in einem anderen Menschen Freude auslösen könnten, hilft. Als ich zum Beispiel alte Kinderkassetten weggeben habe, habe ich mir vorgestellt, dass sie vielleicht andere Kinder genauso glücklich machen würden wie mich damals. 

bento: Wie hat sich deine Einstellung zu Konsum verändert?

Mimi: Ich finde, heute herrscht ein richtiger Konsumzwang. Menschen werden geradezu manipuliert, Dinge zu kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Werbung vermittelt uns immer wieder, dass wir – so wie wir sind – nicht gut genug seien. Dass wir noch dieses und jenes bräuchten, um wirklich glücklich und zufrieden zu sein. So ist es aber nicht.

bento: Was ist dir stattdessen im Leben wichtig? 

Mimi: Mir sind Menschen und Erlebnisse wichtiger als Dinge. Seit ich begonnen habe, minimalistisch zu leben, habe ich die gewonnene Zeit und Energie in alte Hobbies gesteckt. Ich habe wieder angefangen, Ballett zu tanzen, und arbeite nebenher als Komparsin beim Film – ein Traum, den ich schon sehr lange hatte. Außerdem habe ich auch begonnen, bei den Dingen, die ich besitze, mehr auf Qualität und Nachhaltigkeit zu achten. 

Das ist alles, was Mimi in ihrem Badezimmer braucht: Zahnbürste, Zahnpastapulver, Zahnseide, Deocreme, Kokosöl, Menstruationstasse, Rasierer, Körperseife, festes Shampoo und ein waschbares Abschminktuch.

bento: Nachhaltigkeit und Minimalismus gehören für dich also zusammen?

Mimi: Ja, auf jeden Fall! Nachdem ich alles aussortiert hatte, habe ich schnell gemerkt, dass ich immer noch sehr viel Müll produziere. Daraufhin habe ich begonnen, mich mit alten Hausmitteln zu beschäftigen und stelle viele Reiniger zum Beispiel selbst her. Hier in Berlin gibt es mehrere Unverpacktläden und Cafés, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, es ist also relativ einfach für mich, so zu leben. 

bento: Was sagen deine Familie und Freunde zu deiner minimalistischen Lebensweise? 

Mimi: Bei meinen Freunden mache ich meinen Lebensstil nicht besonders zum Thema. Deshalb habe ich auch damit angefangen, meine Leidenschaft auf Youtube zu teilen. 

Meine Mutter versteht das alles überhaupt nicht. Bei jedem Telefonat fragt sie, ob ich mir endlich neue Kleider gekauft hätte. Sie sorgt sich und möchte, dass es mir gut geht und an nichts fehlt. Das kann ich verstehen. Ich habe russische Wurzeln und meine Mutter ist in der Sowjetunion großgeworden. Dort gab es nicht viel, sie musste gewissermaßen unfreiwillig einen minimalistischen Lebensstil führen. Ich glaube, deshalb fällt es ihr schwer, zu verstehen, dass ich mich freiwillig dafür entscheide. 

bento: Und wenn du mal etwas geschenkt bekommst? Was machst du dann?

Mimi: Meine Freunde und Familie wissen, dass ich mich über Gutscheine, Geld oder nützliche Dinge mehr freue als über andere materielle Dinge. Ein schönes Geschenk ist zum Beispiel eine gute Seife. Damit kann man mich wirklich glücklich machen.

Neugierig geworden? Das sind Mimis Tipps für ein minimalistischeres Leben:

  1. Überlege dir, wo der größte Bedarf ist, Ordnung zu schaffen und auszumisten. 
  2. Es ist besser, nach Kategorien aufzuräumen als einen einzigen Ort wie einen Schrank. So kann man zum Beispiel alle Kleidungsstücke, die man besitzt, auf einmal begutachten und entscheiden, was man behalten möchte. 
  3. Motiviere dich, indem du dir vorstellst, wie die Kategorie aussieht, sobald du sie reduziert hast. 
  4. Beim Einkaufen kannst du dir die Fragen stellen, ob dir das Produkt in einem halben Jahr immer noch gefällt und ob du nicht vielleicht schon etwas Ähnliches hast. 
  5. Achte mehr auf Qualität als auf Quantität.  
  6. Fokussiere dich auf das, was du brauchst und das, was dir wirklich Freude macht.

Uni und Arbeit

Wer als Arbeiterkind studiert, hat zu viele Nachteile
Für mehr Chancengleichheit braucht es mehr Unterstützung, kommentiert bento-Autorin Wiebke.

Wir können heutzutage unabhängig von unseren Eltern eigene Entscheidungen treffen – meistens jedenfalls. Ob wir uns nach der Schulzeit für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden, ist häufig dennoch abhängig von unserer sozialen Herkunft. Für viele Kinder aus Arbeiterfamilien ist es noch immer nicht selbstverständlich, zu studieren. Von 100 jungen Menschen aus Nicht-Akademikerfamilien beginnen nur 27 mit einem Studium. Haben die Eltern einen Hochschulabschluss, sind es 79. (DZWH)

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