Bild: Screenshot TVNOW
Nein, Kerzen sind nicht schlimmer als ein Dieselmotor.

Schon seit einigen Jahren ist Mario Barth nicht mehr bloß der stadienfüllende Comedian mit dem immergleichen Thema – auf RTL darf er auch ab und an zur besten Sendezeit den investigativen Reporter spielen. 

Bei "Mario Barth deckt auf!" kommen Wutbürger voll auf ihre Kosten: Denn meistens geht es um Steuergelder, die nach Ansicht des Comedian sinnlos verprasst werden.

Am Mittwochabend war ein großes Thema bei Mario Barth der Skandal um Schadstoffbelastung durch Dieselautos

Auch Barth habe nicht verstanden, worum es dabei eigentlich geht, erklärt er zu Beginn – weshalb er sich mit "Super-Experten" getroffen habe, die ihm die Diskussion um Stickoxide und deren Gesundheitsgefahr erklären sollten. Das große Problem: In der Sendung werden Behauptungen aufgestellt, die längst widerlegt sind.

1 Kerzen sind schlimmer als Diesel

Bei der Diskussion um Stickoxide geht es um den EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Jahresdurchschnitt sollte dieser nicht überschritten werden. Diesen Wert hat die EU nicht "einfach so" festgelegt, wie es der Physiker und "Super-Experte" Michael Schreckenberg Mario Barth erzählt. Der Grenzwert beruht in Wahrheit auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). (SPIEGEL ONLINE)

Tatsächlich gibt es vereinzelt Kritik an dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Die WHO hält bislang dennoch an dem Wert fest. Und die EU prüft die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid – allerdings kommt für sie nur eine verschärfung der Werte in Frage (SPIEGEL ONLINE)

Ausgestattet mit einem Messgerät und zwei Experten an seiner Seite will Mario Barth nun testen, wie hoch die Stickoxid-Belastung im Alltag ist. Sie zünden die Kerzen auf einem Adventskranz an, Barth hält das Messgerät darüber. Innerhalb kurzer Zeit misst dieses einen Wert von 75 Mikrogramm Stickstoffdioxid. Barth gibt röchelndes Husten von sich, die Wissenschaftler sind sich einig: Da sei man schon fast tot. 

Am Gasherd steigt der Wert anschließend auf bis zu 118 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, am Ende zündet sich Mario Barth noch eine Zigarre an – und der Wert schnellt auf 400 Mikrogramm an – zehnmal so viel als der EU-Grenzwert also. 

Was ist dran am Ergebnis von Mario Barths Experiment?

Dass Kerzen angeblich schlimmer sein sollen als Dieselmotoren, das wurde bereits im Dezember auf Facebook verbreitet. Das Recherchenetzwerk Correctiv stellte damals klar, warum diese Rechnung nicht aufgeht.

Denn wie bereits erwähnt: Der Grenzwert von Stickoxiden liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Gase verteilen sich in der Luft, weshalb auch der gesamte Raum mitgezählt werden muss. In einem 20 Quadratmeter großen Raum mit drei Meter hohen Decken müssten deswegen 2400 Mikrogramm Stickoxid ausgestoßen werden, damit der Grenzwert erreicht wird. 

Außerdem gebe es Studien, wonach es Unterschiede gebe, ob Stickoxide im Innen- oder Außenraum ausgestoßen werden. Im Innenraum verfliege es demnach schneller, was bedeutet, dass die erhöhte Konzentration nicht so lange in der Luft bleibt. Denn: An Oberflächen zerfallen Stickoxide. (Correctiv)

Adventskranz oder Gasherd erhöhen also für kurze Zeit die Schadstoffbelastung in der Wohnung – mit einem Leben an einer vielbefahrenen Straße ist das aber nicht vergleichbar. 

2 Wer an einer stark befahrenen Straße lebt, atmet im Leben so viele Stickoxide ein, wie ein starker Raucher in wenigen Monaten.

Nach seinem Experiment will Mario Barth noch mehr über die Belastung durch Stickoxide wissen und spricht mit dem Pneumologen Justus de Zeeuw. Dieser versichert ihm, man könne das Zehntausendfache des Stickoxid-Grenzwertes einatmen und es würde nichts passieren. 

Entweder hat nun de Zeeuw in den vergangenen Wochen nicht aufgepasst, oder die RTL-Redaktion. Denn als Argument bringt der Lungenfacharzt starke Raucher: Die würden in nur sieben Monaten so viele Stickoxide aufnehmen, wie ein Mensch, der 80 Jahre an einer stark befahrenen Straße gelebt habe. 

Genau das behauptete auch im Januar sein Kollege Dieter Köhler in einer Stellungnahme zum Stickoxid-Grenzwert, die von hundert weiteren Ärzten unterschrieben wurde. 

Das Papier wurde von zahlreichen anderen Wissenschaftlern als unseriös bewertet. Allein der Vergleich kurzfristiger Spitzenbelastungen beim Rauchen mit der permanenten Dauerbelastung durch Straßenverkehr wurde kritisiert.

Im Februar stellte sich dann zudem heraus: Köhler hatte sich verrechnet. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die kurzzeitige Belastung beim Rauchen von Zigaretten der andauernden Belastung durch den Straßenverkehr entspreche – eine vergleichbare Menge würde man erst in sechs bis 32 Jahren aufnehmen. (taz)

Mario Barth gibt vor, Licht ins Dunkel zu bringen, doch nach "Mario Barth deckt auf!" ist man ratloser als zuvor. Erklärt wird hier wenig, stattdessen wird viel Stoff geliefert, worüber sich Zuschauerinnen und Zuschauer aufregen sollen – garniert mit Haudrauf-Humor, der sich mal gegen Veganer, mal das dritte Geschlecht richtet.



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