Und welche Begriffe im Umgang mit Populisten helfen.

Wie bedrohlich klingt das Wörtchen "Wandel"? Medien stellen sich gerade genau diese Frage – und überdenken ihre Begriffe für die Berichterstattung zum Klimawandel. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich einig, dass die globale Erwärmung und der CO2-Haushalt in einem unnatürlich hohen Maße zugenommen haben – und dass der Mensch seinen Anteil daran hat. 

Die britische Zeitung "Guardian" hat nun verkündet, ihre Sprache in Bezug auf Klimaberichterstattung grundlegend zu ändern und so der Forschungslage Rechnung zu tragen: Statt "Klimawandel" soll künftig "Klimanotfall" oder "Klimakrise" bevorzugt werden, statt "globaler Erwärmung" von "globaler Erhitzung" die Rede sein. Und aus "Klimaskeptikern" wird künftig "Klimaforschungsleugner". Mit den neuen Begriffen wolle man "wissenschaftlich präzise" sein, heißt es in der Begründung.

Kann so eine einfache Regelung unser Denken über den Klimawandel schon beeinflussen? Und wenn ja, was bedeutet das für unser Miteinander?

Um zu verstehen, wie Sprache funktioniert, haben wir mit Elisabeth Wehling gesprochen. 

Das ist Elisabeth Wehling

Wehling, 1981 in Hamburg geboren, hat Linguistik, Soziologie und Journalistik in Hamburg, Rom und an der kalifornischen Berkeley-Universität studiert. An letzterer forscht sie als Kognitions- und Sprachwissenschaftlerin und untersucht dabei unter anderem, welche Auswirkung Sprache auf das Gehirn hat.

(Bild: Imago)

Frau Wehling, was halten Sie davon, den "Klimawandel" künftig "Klimakrise" zu nennen?

"Dahinter steckt die Idee, sich mehr Gedanken über Sprache zu machen – und einen Weg zu finden, Fakten bestmöglich zu transportieren. Die Redaktion des Guardian kam wohl zu der Meinung, dass die Faktenlage rund die Klimaveränderung so dramatisch ist, dass man nicht länger von einem Wandel schreiben sollte – sondern es als Krise benennen muss." 

Was ist so falsch am Wort "Wandel"?

"An dem Wort ist nichts falsch. Auch der Wandel beschreibt einen Fakt, denn das Klima wandelt sich ja. Aber es ist eine sehr neutrale Interpretation dessen, was derzeit geschieht. Und es beschreibt einen Prozess, bei dem nicht impliziert wird, dass der Mensch diesen Wandel von außen mitbedingt. Denn 'sich wandeln' ist eine reflexive Konstruktion: 'Man wandelt sich', nicht: 'Man wird gewandelt'. 

Wenn ich mir anschaue, wie ein Eisbär vor 20 Jahren gelebt hat und wie es ihm heute geht, dann würde wohl kaum jemand sagen: 'Das Leben des Eisbären hat sich gewandelt.'
Elisabeth Wehling

Man würde eher sagen: 'Dem Eisbären geht es heute sehr viel schlechter.' 

Wie man Klimaveränderungen benennt, zeigt also, wie man sie bewertet: Will ich den negativen Aspekt der Veränderung nicht betonen, ist 'Wandel' perfekt. Will ich hingegen auf die Gefahren für den Planeten hinweisen, ist 'Krise' schon beinahe zwingend – wie ja andere das Wort auch für 'Finanzkrise', 'Autoindustriekrise' oder 'Flüchtlingskrise' nutzen."

Sollten nicht nur Fakten statt Bewertungen zählen? Wenn zum Beispiel die meisten Forscher sagen, es wird heiß – ist es dann nicht egal, ob von Wärme oder Hitze gesprochen wird?

"Das ist es nicht. Denn wir können Fakten nicht ohne Bewertung denken. Immer, wenn mein Gehirn einen Fakt verstehen muss, sucht es sofort nach einer Einordnung. Wir brauchen also etwas Sinnstiftendes, das uns sagt, was dieses 'verdammt heiß' wirklich bedeutet. Ohne einen Frame kann ich Fakten keinen Sinn zuschreiben."

Was genau ist ein Frame?

"Ein Frame ist ein Deutungsrahmen. Unser Gehirn ist voller Momente, die wir erlebt haben, Gespräche, die wir geführt haben – also voll von Frames. Frames sind unsere Welterfahrung. Jedes Wort aktiviert einen Frame. Das Wort 'Katze' aktiviert Ihr gespeichertes Wissen zu dem Tier. Hätten Sie den Frame nicht, könnten Sie den Buchstaben K-A-T-Z-E keinen Sinn zuordnen. Framing ist die sprachliche Umsetzung unserer Gedanken. Und indem wir sprachlich Frames setzen, aktivieren wir eben diese Frames im Kopf unserer Gegenüber. Jeder von uns framt also Fakten, jeden Tag, tausendfach – bewusst oder unbewusst." 

Haben sie ein Beispiel für zwei Frames für ein und denselben Fakt?

"Es gab in der Psychologie eine Studie mit zwei Gruppen, die über eine schwierige Operation entscheiden sollten. Der einen Gruppe sagte man, dass es eine zehnprozentige Sterbewahrscheinlichkeit gebe. Der anderen, dass man die Operation mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit überleben werde. 

Die Fakten sind die gleichen, aber die Gruppe mit der Sterbewahrscheinlichkeit war deutlich zögerlicher. Die beiden Wörter 'sterben' und 'leben' verändern komplett die Wahrnehmung auf ein und denselben, sehr einfachen Fakt. Wie hätte der Arzt es neutraler ausdrücken können? Von 'zehn Prozent Misserfolg' sprechen? Dann hätte er den nicht unwesentlichen Fakt verschwiegen, dass es um Leben und Tod geht. Wer also Fakten benennen will, kommt um Frames nicht herum."

Jemand, der künftig vom Guardian nicht mehr als "Skeptiker" sondern als "Wissenschaftsleugner" benannt wird, dürfte die neuen Frames sicher als Manipulation verurteilen.

"Framing in Politik, Gesellschaft und Privatleben bedeutet oft ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltsichten. Das ist erst mal nichts Schlechtes – sondern im besten Fall ein Gewinn für unseren Diskurs. Wenn jeder erklären kann, warum er welchen Begriff verwendet, entsteht mehr Verständnis für die Denkweise des anderen. 

Dennoch wird Framing von einigen gerade selbst geframt, indem der Begriff mit Propaganda gleichgesetzt wird. Das ist ein verzerrendes Framing des Framing-Konzepts selbst. Bestenfalls aus Unkenntnis über das Forschungsfeld, schlechtestenfalls aus Strategie. 

Die Gleichsetzung von Framing und Manipulation ist aber faktisch falsch.
Elisabeth Wehling

Kommunikation basiert immer auf Frames – ob es sich um ein Liebesgedicht handelt, einen politischen Manipulationsversuch, oder konstruktiven demokratischen Streit. Wenn einer von 'Asyltourismus' spricht, dann ist das natürlich Framing. Das kann ein Manipulationsversuch sein. Ob jemand glaubt, was er sagt, ist eine Frage der Ehrlichkeit des Sprechenden. Frames nutzt er in jedem Fall."

Aber das Wort "Asyltourismus" ist doch ziemlich eindeutig.

"Das ist es. Ich halte das Wort auch für problematisch. Aber vielleicht glaubt derjenige oder diejenige ja tatsächlich, dass Menschen in Not nur Fernreisende sind und spricht nur aus, was der denkt. Sollte man den Begriff dekonstruieren? Ja. Sollte man darauf hinweisen, dass es irreführend ist? Ja. Aber ob der Sprecher mich bewusst manipulieren will oder nach bestem Wissen und Gewissen von sich sagen kann, dass er in diesem Frame denkt, muss er selbst beantworten."

Zurück zum Klima! Welche Sprache empfiehlt sich dort?

"Die Klimaveränderung ist ein Thema, das relativ ideologieübergreifend als wichtiges Problem erachtet wird. Ganze Staaten haben sich ja nicht umsonst zum Pariser Klimaabkommen zusammengefunden, sondern weil die Weltgemeinschaft im Großen und Ganzen der Meinung ist, dass hier eine krisenhafte Veränderung aufgehalten werden muss. Es ist also sinnvoll, Sprache zu nutzen, die den Ernst der Lage deutlich machen. Denn Sprache spiegelt ja nicht nur unser Denken, sondern leitet es auch an. 

Wer von 'Katastrophe' oder ‚emergency’ reden will, kann das tun. Ansonsten halte ich 'Krise' für ziemlich treffend. Zur aktuellen Lage in Österreich würden ja auch die wenigsten von einem Regierungswandel sprechen. Sondern eben von einer Regierungskrise."

Gibt es einen Tipp für den Küchentisch? Wie kann ich die Debatte positiv beeinflussen, ohne anderen vor den Kopf zu stoßen?

"Jeder sollte sprachlich ganz bei sich selbst bleiben. Das heißt zunächst, den Mut haben, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen: 

Rede ich so, wie ich denke? Ist das, was da gerade passiert, in meinen Augen ein 'Klimawandel' oder eine 'Klimakrise'?
Elisabeth Wehling

In einem zweiten Schritt solte man bereit sein, diese Sprache, die der eigenen Sichtweise gerecht wird, zu verteidigen. 

Wenn mir jemand Sprechverbote erteilen will – im Sinne von: 'Hey, mit deinem Krisengerede willst du nur Stimmung machen!' – muss ich in der Lage sein, mit Argumenten meinen Blick auf die Dinge zu erläutern: 'Ich will dich nicht beeinflussen, denke und spreche bitte, wie Du willst – aber gestehe mir dasselbe zu. Ich rede so, wie ich die Sache sehe. Und zwar denke ich, dass wir hier einer globalen Krise gegenüber stehen. Wie siehst Du denn die Sache? Ist es keine Krise?' 

Streitgespräche über Frames können so die produktivsten Gespräche überhaupt sein: Weil wir durch das Diskutieren unserer Frames unsere Weltsicht offenlegen."

Wie die Politik unser Denken mit Sprache beeinflusst, hat sie im Buch "Politisches Framing" beschrieben. Darüber haben wir uns auch hier mit ihr unterhalten:


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