Bild: Christophe Gateau/dpa / privat
Wirtschaftswissenschaftler Fabian Lindner im Gespräch

Der Klimawandel ist die "größte Herausforderung", der sich die Menschheit derzeit stellen muss – das sagte der ehemalige Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon bereits vor fünf Jahren, und auch in der deutschen Gesellschaft hat sich laut Umfragen diese Erkenntnis festgesetzt. 

Doch noch immer bewegt sich in der Politik nicht viel – am Donnerstag tagte zum dritten Mal das neu eingesetzte Klimakabinett der Bundesregierung, doch entschieden wurde nichts. (SPIEGEL ONLINE)

Die größten Probleme, vor denen die Politik vor etwa zehn Jahren stand, hießen Finanz- und Eurokrise. Probleme, auf die die Regierungen rasch mit handfesten Entscheidungen reagierten. Indem sie Milliarden in die Hand nahmen, um Banken zu retten – oder gleich ganz Griechenland.

Weshalb scheint es im Gegensatz dazu so schwierig, bei der Bekämpfung des Klimawandels schnell zu handeln? Darüber haben wir mit dem Wirtschaftswissenschaftler Fabian Lindner gesprochen. 

Lindner ist Referatsleiter für Allgemeine Wirtschaftspolitik am Institut für Makro- und Konjunkturforschung (IMK) bei der Hans-Böckler-Stiftung und hat sich ausführlich mit der Eurokrise beschäftigt. Daneben tritt er auch als Experte für nachhaltige Wirtschaftspolitik auf. 

Herr Lindner, während der Finanz- und Eurokrise schien es für die Regierungen ein Leichtes zu sein, viel Geld in die Hand zu nehmen, um Banken oder Länder zu retten. Bei der Klimakrise hingegen agiert die Politik sehr zögerlich. Warum ist das so?

Das hat wahrscheinlich vor allem mit der Plötzlichkeit zu tun: Von jetzt auf gleich standen Banken und damit das ganze Wirtschaftssystem vor dem Abgrund. Da war schnelles Handeln gefragt. Im Gegensatz dazu ist der Klimawandel keine plötzliche Krise, sondern schwingt die ganze Zeit im Hintergrund mit. Zudem erscheinen die Gefahren des Klimwandels erst mal sehr abstrakt. Was das schmelzende Eis in der Arktis mit uns zu tun hat, ist nicht so intuitiv zu verstehen wie: Wenn das Finanzsystem untergeht, verlieren wir unser Erspartes und unsere Jobs. 

Dazu kommt: Die Veränderungen, die die Umstellung des weltweiten Energiesystems mit sich bringen, sind um einiges größer, als alles, was man zur Bekämpfung einer Finanzkrise machen muss. 

Im Vergleich zu einer Klimakrise ist die Finanzkrise quasi Peanuts. Es braucht einen langen Atem, den nicht nur die Politik, sondern auch Medien und viele Bürger nicht haben, wenn die Gefahr nicht akut erscheint. 

Insofern haben die aktuellen Hitzerekorde – zusammen mit den Schülerdemonstrationen – etwas Gutes: Der Klimawandel wird konkret, und wir sind jetzt und hier betroffen.

Man muss allerdings bedenken, dass der Staat gar keinen so großen direkten Einfluss auf die Energiewirtschaft hat: In Deutschland ist die Energieversorgung zum größten Teil in privater Hand. 

Während der Finanzkrise sind doch auch Privatbanken ins Schleudern geraten und wurden vom Staat sehr schnell gerettet. Müssten die großen Energieversorger jetzt nicht massiv reguliert und gleichzeitig unterstützt werden, um das Klima zu retten?

Selbstverständlich. Das wird ja jetzt auch angedacht, beispielsweise mit der CO2-Steuer. Da würde man ja sagen: Ihr könnt gerne CO2 verfeuern, aber es wird dann verdammt teuer. Dadurch werden andere Energieformen attraktiver, sowohl für Konsumenten, aber auch für Produzenten. Die Frage ist allerdings, ob das ausreicht.

Auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz war ja eine Regulierungsmaßnahme: Damit sollte die Erzeugung von Erneuerbaren Energien bevorzugt werden. Das Gesetz ist jetzt knapp 20 Jahre alt, und der Anteil von Solar- und Windkraft an unserem gesamten Energieverbrauch liegt heute bei nur vier Prozent.

Bislang setzt man Anreize und hofft, dass der Markt darauf reagiert – das hat er jedoch nicht ausreichend gemacht. 

Zweifeln Sie an dem Glaubenssatz, dass die Politik den Rahmen schafft für das Wohl der Gesellschaft – und die Wirtschaft ihn ausfüllt?

Ja, absolut. Daran habe ich in gewisser Weise schon immer gezweifelt, mit Blick auf den Klimawandel kommt aber noch etwas dazu: Wenn wir sagen, dass wir in den kommenden zehn Jahren das Ruder herumreißen und massiv CO2-Emissionen senken müssen, können wir das dem Privatsektor nicht allein überlassen. 

Hans-Böckler-Stiftung

Die Hans-Böckler-Stiftung ist das Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Angegliedert sind auch Forschungseinrichtungen wie das 2005 gegründete Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das als international einflussreiche Denkfabrik für Wirtschaftspolitik gilt. 

Eine höhere CO2-Bepreisung allein wird nicht ausreichend sein, dass die bestehenden Technologien in den Erneuerbaren Energien so massiv ausgebaut werden, um den weltweit steigenden Energiebedarf zu decken.

Das kann nur der Staat regeln, direkt oder mit massiven Förderungen für die Privatwirtschaft.

Gäbe es denn Möglichkeiten, direkter bei Energieunternehmen einzugreifen?

Soweit ich das überblicke, gibt es in Deutschland noch niemanden, der eine staatliche Energieinfrastruktur will, einen staatlichen Energiekonzern, der den Ausbau der erneuerbaren Energien massiv vorantreibt. Ich persönlich hätte große Sympathien dafür, interessanterweise scheint das aber niemand so richtig zu fordern.

Frankreich und Schweden haben in den 80er-Jahren mit staatlichen Unternehmen massiv in die Atomenergie investiert – das ist natürlich etwas, was wir heute nicht wollen. Trotzdem wurden innerhalb von zehn Jahren im Elektrizitätsbereich die CO2-Emissionen enorm gesenkt, auch wenn das damals ein eher unwichtiger Aspekt war.

Bei der Bekämpfung von Finanz- und Eurokrise wurden in nächtelangen Diskussionen wichtige Entscheidungen getroffen. Auch bei der Bekämpfung des Klimawandels drängt die Zeit – weshalb wird trotzdem so zögerlich agiert?

Das hat sicher etwas mit dem Wachstumsdiskurs zu tun. Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich so sozialisiert worden: Wachstum ist immer besser als kein Wachstum. Und auch unsere Politik richtet sich stark an diesem Ziel aus.
Aber im Fall der Klimakrise gibt es natürlich einen Zielkonflikt. Ein steigendes Bruttoinlandsprodukt führt eher zu steigenden CO2-Emissionen. Auf jeden Fall sinken sie nicht so sehr, wie wenn wir eine schwächelnde Wirtschaft haben. Die Finanzkrise war für das Klima eigentlich das beste, was hätte passieren können – denn währenddessen sind auch die CO2-Emissionen gesunken.

Wollen Sie sagen, um den Planeten zu retten, sollten wir die Wirtschaft so richtig schön ausbremsen? 

Nein, aber die Forschung massiv stärken. Im Moment wissen wir noch nicht genau, wie wir wirklich alle Bereiche, nicht nur den Strom, CO2-neutral machen können. Da braucht es viel mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung, etwa für Energiespeicher oder klimaneutrale Mobilität. Das sind große Aufgaben, die mit hohen Kosten verbunden sind, zumeist für die Privatwirtschaft. Und die ist oft nicht willens und teilweise ohne staatliche Unterstützung finanziell auch nicht in der Lage, das alles zu stemmen. Umso wichtiger ist, dass jetzt alles getan wird, um den notwendigen Wandel im großen Stil voranzutreiben. 


Fühlen

Freibäder sind das Schlimmste am Sommer
Und das nicht nur, weil sie so voll sind.

Die Füße sind mit Schweiß und Staub paniert, über den Kopf halte ich ein Handtuch, das etwas Schatten spendet. An diesem Sonntag sind es laut Wetterdienst 40 Grad – und ich befinde mich auf dem komplett schattenlosen Pfad einer Schrebergartensiedlung in Mainz, auf dem Weg zu einem Freibad

Statt der ersehnten Abkühlung erwartet mich am Ende des Wüstenmarsches eine endlose Schlange vor dem Eingangstor – in der Sonne. Und wie jedes Mal verfluche ich mich selbst für die Idee, in ein Freibad gehen zu wollen.