Bild: Lorenz Keyßer/Giulia Fontana

Am Mittwoch will Greta Thunberg in ein Segelboot steigen und die zweiwöchige Fahrt nach Amerika antreten, um im September beim Uno-Klimagipfel in New York dabei zu sein – denn ihre Reise soll möglichst klimaneutral sein (SPIEGEL ONLINE). In Schweden haben zwei Frauen eine Initiative gestartet, bei der sich 10.000 Menschen verpflichtet haben, 2019 nicht zu fliegen – 2020 sollen es 100.000 werden (BBC).

Auch Giulia Fontana, 27, und ihr Freund Lorenz Keyßer, 23, wollen das Klima so wenig wie möglich belasten. Beide studieren Umweltnaturwissenschaft in Zürich und haben vor wenigen Jahren beschlossen, nicht mehr zu fliegen. Diese Entscheidung wurde auf die Probe gestellt, als Giulia nach Australien eingeladen wurde – als Trauzeugin einer guten Freundin. Die beiden überlegten, einfach abzusagen. Doch Giulia und Lorenz fanden eine Lösung: Eineinhalb Monate lang reisten sie mit dem Zug und auf einem Frachtschiff um die Welt. 

Die Reiseroute

Der Hinweg führte Giulia und Lorenz über Berlin nach Moskau, von wo sie mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Peking fuhren. Von dort ging es an die Küste nach Qingdao, von wo sie ein Frachtschiff bis nach Brisbane in Australien brachte. Nach eigenen Berechnungen verbrauchten sie dabei pro Person rund 372 Kilo CO2 – mit dem Flugzeug wäre es mindestens zehnmal so viel gewesen.

Für den Rückweg nahmen die beiden einen anderen Weg: Mit dem Frachtschiff nach Japan, von dort über Südkorea in den äußersten Osten Russlands, nach Wladiwostok und erneut mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau und weiter nach Berlin. 

Nach einem Jahr in Australien und weiteren sechs Wochen Rückreise sind sie jetzt wieder in Europa. 

Wir haben mit ihnen über das Problem der weiten Reisen gesprochen – und das Privileg, sie trotzdem machen zu können.

Wann habt ihr entschieden, dass ihr nicht mehr fliegen werdet?

Giulia: "Lustigerweise als ich in einem Flugzeug aus China nach Zürich war, vor drei Jahren. Das war mein einziger interkontinentaler Flug. Es fühlte sich für mich einfach falsch an: Zu wissen, wie viele Emissionen jetzt gerade ausgestoßen werden und dass ich die Flugindustrie unterstütze. Deswegen habe ich entschieden, dass das mein letzter Flug war." 

Lorenz: "Ich habe mich gefragt, wie verantwortungsbewusst Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler ihre Ergebnisse eigentlich kommunizieren – und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich als Umweltwissenschaftler vorleben muss, was ich predige. Und damit ist Fliegen nicht vereinbar." 

Doch dann wurdest du, Giulia, als Trauzeugin nach Australien eingeladen.

Giulia: "Als ich gefragt wurde, haben wir gesagt: Wir würden natürlich gerne kommen, aber wir fliegen nicht. Aber ich wollte nicht "Nein" sagen. Also haben wir begonnen, zu recherchieren, ob es einen alternativen Weg gibt. Irgendwann war dann klar: Das funktioniert, also machen wir es auch."

Jetzt sind sechs Wochen allein für die Anreise enorm viel Zeit, die hat nicht jeder. Für wen kommt eure Art des Reisens überhaupt in Frage?

Giulia: "Das Reisen ohne Flugzeug kommt generell für viele Menschen in Frage. Wenn es dann aber sehr weit weg geht, sind es in erster Linie Menschen, die Zeit haben. Zeit ist wohl die größte Barriere. Aber auch Menschen, die eine Vorbildsfunktion haben, die etwa in der Umweltbewegung aktiv sind."

Lorenz: "Menschen, die in der Gesellschaft privilegiert sind – dazu gehören wir sicher auch. Wir haben die richtigen Pässe, wir haben die Zeit und auch das Geld. Aber Menschen haben eine Verantwortung, den Wandel zu leben, den sie haben möchten. Wir brauchen dafür einen einen gesellschaftlichen Wandel hin zu Entschleunigung und mehr Zeit-Wohlstand."

Der Flieger nach Sydney hebt aber ab, ob ihr an Bord seid oder nicht. Glaubt ihr wirklich, dass ihr einen Unterschied macht?

Lorenz: "Ich würde sagen, dass dieser Satz nicht stimmt. Das Flugzeug würde ja nicht leer fliegen. Es gibt einen kritischen Punkt, ab dem genug Menschen in einem Flugzeug sitzen, damit es sich rentiert. Deshalb hat jede und jeder Einzelne einen Einfluss darauf, wie viele Flugzeuge abheben. 

Ich denke allerdings, dass diese individuellen Beiträge natürlich nur ein kleiner Teil sind. Den größeren Beitrag sehe ich eher im Wertewandel. Wir wollen auch vermitteln, dass man ein gutes Leben führen kann, ohne zu fliegen."

Giulia: "Klar sind die Menschen, die sich entschieden haben, nicht mehr zu fliegen, eine Minderheit. Aber es ist beachtlich, wie schnell diese Bewegung wächst. Das macht uns Hoffnung."

Die globalen Flugbewegungen werden laut Prognosen trotzdem weiter steigen.

Lorenz: "Ich denke, die No-Fly-Bewegung hat die wichtige Aufgabe zu zeigen, dass man nicht fliegen muss, um ein gutes Leben zu führen. Ich sehe sie eher als einen notwendigen Beitrag zu einem systematischen Wandel. Freunde von uns müssen zum Beispiel berufsbedingt häufig fliegen – wenn sie es nicht tun, sind sie aus ihrem Job raus. Solchen Dingen ist nur auf höheren Ebenen zu begegnen."

Wo könnte man da beispielsweise ansetzen?

Lorenz: "Ein Beispiel wäre eine Vielfliegersteuer, die ansteigt, je mehr Flüge man im Jahr macht. Und dazu gehört auch eine Diskussionen über den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft. Wir brauchen weniger Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum – und auch reduzierte Arbeitszeiten. Das alles würde sehr dazu beitragen, dass Menschen auf Flugreisen verzichten könnten. Langsames, lokales Reisen würde gefördert."

Sollten somit Flugreisen zum Vergnügen eurer Meinung nach überhaupt gar nicht mehr angeboten werden können?

Giulia: "Das ist schwer zu sagen. Vielleicht wäre noch ein "Vergnügungsflug" im Leben einer Person drin, wenn das die planetaren Grenzen nicht überschreiten würde. Aber wir befinden uns in einer Klimakrise. Wir haben keine Zeit, um auf Technologiewunder zu warten und unser Leben weiterzuführen wie bisher. Das ist doch komisch: Manchmal ist es einfacher, sich vorzustellen, wie wir uns in eine Klimakatastrophe bewegen, als aufzuhören, aus Vergnügen zu fliegen."

Bräuchte man dann überhaupt noch Flugzeuge?

Giulia: "Ich würde ganz klar sagen, dass Menschen sie brauchen, die vor Krieg, Verfolgung oder Klimakatastrophen fliehen, weil es nicht so sein sollte, dass sie ihr Leben auf der Flucht riskieren müssen. Aber auch Menschen, die in irgendeiner Form benachteiligt sind, beispielsweise Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Und Menschen, die zum Beispiel Familie im Ausland haben. Wenn jemand die Möglichkeit haben sollte zu fliegen, dann sie."

Vieles in unserer Lebenswelt wäre ohne Flugreisen kaum noch denkbar – Auslandssemester beispielsweise oder auch manche Fernbeziehungen. Was heißt das für euer Anliegen?

Lorenz: "Das zeigt, wie schwierig der Übergang zu einer Zukunft mit extrem reduzierter Flugzahl wird. Der nötige System- und Kulturwandel ist enorm groß. Es heißt auch, dass wir diesen Übergang ohne Opfer und Verzicht nicht schaffen werden."

Würdet ihr diese Reise mit Bahn und Schiff wieder machen?

Giulia: "Nein. Ich glaube, das ist schon etwas, was man nur einmal im Leben macht." 

Vielleicht werdet ihr also keine fernen Kontinente mehr erkunden. Wie fühlt sich das an?

Lorenz: "Für uns ist das eigentlich nicht so schlimm. Wir haben auch selbst gemerkt, dass wir Europa eigentlich gar nicht richtig kennen und es hier so viel zu entdecken gibt."

Giulia: "Wir haben in Europa ganz viele unterschiedlichen Kulturen. Und in den Ländern, in denen wir leben, gibt es so viele Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern. Ich glaube deshalb nicht, dass wir keine neuen Kulturen und keine neuen Menschen kennenlernen können, nur weil wir zu Hause sind."


Future

Besser-Ossis: Warum wir über eine Ost-Quote in Unternehmen reden sollten
Ein Interview über junge Ostdeutsche in Führungspositionen.

Ostdeutsche gehören zu Deutschland. Knapp jeder fünfte Deutsche kommt aus den neuen Bundesländern. Aber in den Chefinnenetagen deutscher Unternehmen, Behörden und Kliniken finden sie kaum Platz: Nur 1,7 Prozent der bundesdeutschen Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder beim Militär werden von Ostdeutschen besetzt. Und selbst im Osten leiten vor allem Westdeutsche die größten Firmen, Ostdeutsche machen hier lediglich 33 Prozent der Führungskräfte aus. (MDR)

Wer konnte, ging nach der Wende weg und suchte sich einen Job im Westen: Zwischen 1991 und 2017 zogen knapp 3,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger aus dem Osten fort. (Zeit)

Was ist mit den jungen Ostdeutschen? Bleiben sie immer noch genauso fern der Führungsetagen wie ihre Eltern?

Oder sind Ost-Millennials, also alle Ostkinder, die in den Neunzigern und um die Jahrtausendwende groß wurden, mittlerweile besser für eine Karriere in Deutschland gerüstet? Sind sie gar die besseren Chefärzte, Richterinnen und CEOs?  

Antworten auf diese Frage weiß Johannes Staemmler.