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Wir haben einen Kognitionspsychologen um Hilfe gebeten.

Die Wahrheit macht relativ selten Spaß. Jede und jeder erinnert sich wahrscheinlich an Momente, in denen man vor ihr die Augen verschließen wollte. Und trotzdem gibt es kaum etwas frustrierenderes als Diskussionen mit Menschen, die einfache Fakten nicht anerkennen wollen. 

Ein besonders frappierendes Beispiel ist die vom Menschen gemachte Klimakatastrophe. Denn um die Erde vor der totalen Überhitzung zu bewahren, müssen Menschen – besonders in der westlichen Welt – mit Einschränkungen leben lernen und sich auf ebensolche einigen. 

Doch obwohl 99,94 Prozent aller durch Fachkollegen geprüften Artikel zum Thema den menschengemachten Klimawandel bestätigen (Studie), gibt es noch immer Menschen, die ihn leugnen – obwohl sie keine Experten sind.

Warum ist das so? Und kann man Klimaleugner mit Fakten noch erreichen?

Stefan Schulreich ist Kognitionspsychologe an der Uni Hamburg

Stefan, bei der Klimakrise geht es um Fakten. Warum gibt es manche Menschen, die sie leugnen?

"Wir alle sind immun gegen Fakten – zumindest gegen manche. Unser Hirn sammelt ständig Daten. Das können alle möglichen Informationen sein, über das aktuelle Wetter zum Beispiel oder eben Nachrichten zum Klimawandel.

Das Problem: Wir machen beim Datenverarbeiten ständig Fehler. So kommt es, dass wir Fakten nicht als solche anerkennen können oder wollen. Das kann passieren, wenn wir unter Zeitdruck stehen oder wenn Informationen mehrdeutig sind."

Welcher Fehler konkret ist für das Faktenleugnen konkret verantwortlich?

"Am ehesten das, was wir in der Forschung 'confirmation bias' nennen, den 'Bestätigungsfehler'. Viele Studien zeigen, dass wir Informationen selektiv wahrnehmen, immer genau so, wie sie zu unserem Weltbild passen."

„Wer Nachrichten liest, nimmt die bevorzugt wahr, die die eigene Überzeugung bestätigen.“

Hast du dafür ein Beispiel?

"Wenn eine Zeitung zwei Meldungen über Straftaten auf den Titel druckt, eine von einem Geflüchteten begangen, eine von einem Deutschen – dann wird jemand, der Vorurteile gegenüber Geflüchteten hat, diese Nachricht als vermeintlichen Beweis anführen, dass Ausländer kriminell sind. Und die andere überlesen oder als Einzelfall runterspielen. Jemand anderes wird gerade den deutschen Straftäter betonen, um das Gegenteil zu beweisen. Damit sind beide Seiten in ihrem 'confirmation bias' gefangen."

Wie kann ich dafür sorgen, auch andere Informationen "reinzulassen"?

"Selbst sollte man sich vor Augen halten, dass man anfällig ist, Informationen selektiv zu verarbeiten. Sowie den Wunsch nach Wahrheit hegen – auch wenn sie einem eventuell 'nicht passt' – und sich systematisch mit anderen Perspektiven auseinandersetzen."

Wenn wir nun alle solche Fehler machen, dann sollten am besten nur noch die Experten über Klimawandel reden, oder?

"Auch dann wäre deren Stimme aber nur ein leises Summen im Vergleich zur inneren Stimme der 'gefühlten' Experten."

Warum das?

"Weil viele sich kompetenter fühlen als sie sind. Ausgerechnet jene, die in einem Gebiet eher inkompetent sind, überschätzen ihre Kompetenz systematisch, weil sie nicht wissen können was wahre Kompetenz ist. Das ist ein Phänomen, das wir in der Kognitions- und Sozialpsychologie den 'Dunning-Kruger-Effekt' nennen. 

Umgekehrt gilt: Wer in einem Gebiet besonders kompetent ist, weiß, was man nicht weiß. Man nimmt diese Grenzen stärker wahr und zweifelt daher schneller an seinem Wissen. Außerdem unterschätzt man häufig, um wie viel kompetenter man ist als der Rest. Beides kann zu Kommunikationsproblemen führen.

Inwiefern?

"Wenn ich als Experte meine Unsicherheit, die selbst mit ausgezeichneter Datenlage in Resten vorhanden ist, in allzu vorsichtigen Aussagen formuliere, mag das in der Wissenschaft funktionieren, aber nicht in der breiten Öffentlichkeit. Hardcore-Skeptiker denken dann, man hätte im Grunde genommen eh keine Ahnung. Wenn ich andere als unwesentlich weniger kompetent als mich selbst wahrnehme, setze ich zu viel voraus und kommuniziere komplex und unverständlich.

Zugespitzt formuliert: Sind wir alle ein bisschen dumm in den Bereichen, in denen wir keine Experten sind?

"Nein, ich würde eher sagen, dass wir uns überschätzen. 

„Die Selbstüberschätzung gilt für die vom Klimawandel Überzeugten und die Leugner gleichermaßen.“

Leugner führen ein paar kalte Tage an, um zu beweisen, dass es angeblich keine Erderwärmung gibt. Jemand, der die Klimakrise hingegen ernst nimmt, stilisiert schon ein paar heiße Tag im Sommer zum eindeutigen Beleg hoch. Recht haben beide nicht – denn was zählt, ist der statistische längere Trend und ein Verständnis für die Komplexität von Wetter und Klima."

Gibt es neben dem "confirmation bias" noch andere Faktoren, die unseren Blick auf Fakten beeinflussen?

"Ja, vor allem emotionale und motivationale Faktoren spielen eine große Rolle. Emotionen steuern unser Denken und Verhalten dabei eher kurzfristig. An der Uni Hamburg haben wir das gerade beim Faktor Stress näher untersucht: Stress beeinflusst vorübergehend unsere kognitiven Fähigkeiten, wir entscheiden dann etwa weniger zielgerichtet und mehr gewohnheitsmäßig. Motivationale Faktoren hingegen wirken eher langfristig."

Ich kann mir unter motivationalen Faktoren gerade nichts vorstellen.

"Am besten kann man das erklären mit Bedürfnissen, Werten und Vorstellungen, die uns antreiben. Ist mir zum Beispiel Treue wichtig, werde ich Nachrichten über Scheidungsraten oder Seitensprünge umso strenger bewerten, aber vielleicht auch besonders aufmerksam das Verhalten meines Partners gegenüber attraktiven Geschlechtsgenossen verfolgen." 

Wie hilft mir nun dieses Wissen bei Diskussionen über die Klimakrise weiter? Also konkret: Wie überzeuge ich Klimawandelleugner?

"Immer noch mit Fakten. Und mit Vertrauen. 

„Ein häufiges Problem ist, dass beide Seiten häufig schon mit einer Kampfbereitschaft in eine Diskussion kommen – nur ist es dann keine Diskussion mehr.“

Auch der Versuch, Menschen zu korrigieren, indem man Evidenz hinknallt, führt häufig zu einem sogenannten 'backfire effect', also das Gegenteil von dem was man eigentlich erzielen wollte."

Jetzt sagst du, ich soll mit Fakten kommen, sie aber nicht "hinknallen". Wie dann?

"Unsere Wahrnehmung wird wie gesagt durch Emotionen und Werte stark beeinflusst. Das kann man ausnutzen! Die Wissenschaft nennt das 'moral framing': Die Emotion bereitet den Boden für den Fakt. Überlege also, wie du deine Sicht auf den Klimawandel in eine Geschichte verpacken kannst, an die dein Gegenüber anknüpfen kann."

Hast du ein Beispiel?

"In einer Studie in den USA haben Psychologen herausgefunden, dass Liberale zwar generell ein verstärktes Umweltbewusstsein haben, Konservative dieses aber durchaus auch zeigen, wenn man in Überzeugungsversuchen an ihre Werte appelliert. Authorität ist ihnen wichtig? Recycling ist Bürgerpflicht! Die Heimat ist besonders schützenswert? Es geht um die Reinheit der Natur!"

Das klingt nun aber sehr nach populistischen Slogans.

Die müssen nicht unbedingt schlecht sein, wenn sie funktionieren. Aber Diskussionen mit Vertrauensbasis sollten sie nicht ersetzen. Und nicht nur Worte helfen, sondern auch Bilder. Eine klare Abbildung mit den Temperaturtrends kann oftmals mehr bewirken als Worte – auch bei Klimawandelskeptikern, wie eine Untersuchung zeigte. 

Im Grunde genommen geht es darum Fakten so aufzubereiten, dass sie einfach verarbeitet werden können und dabei auf einem fruchtvollen Boden fallen – durch ein ehrliches Interesse am Gegenüber und dem Versuch, auf seine Werte und Sichtweise wirklich einzugehen."

Weitere Tipps im Umgang mit Faktenleugnern?

Der Kognitionswissenschaftler John Cook hat gemeinsam mit dem Psychologen Stephan Lewandowsky das "Debunking Handbook" geschrieben – einen kurzweiligen Guide, wie man mit Faktenleugnern umgehen kann. Du kannst es hier kostenlos downloaden.


Musik

Sechs Gründe, warum Festivals in der Stadt das Größte sind

Wer an Festivals denkt, der denkt an riesige Bühnen irgendwo in der Pampa, an Campingplätze, Food-Trucks und Matsch. Und wer schon mal wirklich bei einem solchen Festival war, dem zaubern diese Gedanken ein Lächeln auf die Lippen, weil: Es gibt halt einfach nichts Besseres!

Aber stimmt das wirklich? Gibt es WIRKLICH nichts Besseres? Wir meinen: doch. Noch ein ganz kleines bisschen besser als die typischen Festivals in der Natur sind nämlich Festivals in der Stadt. Festivals also, die mitten in einer Metropole stattfinden und sich dabei womöglich noch über Dutzende Spielstätten verteilen. Festivals, für die man kein Zelt mitbringen muss, weil man im schicken Hotel schläft. Festivals wie das Pitchfork Music Festival Paris, Iceland Airwaves oder – ganz aktuell – das Reeperbahn Festival in Hamburg. Über die geht wirklich gar nichts.