Bild: Armin Weigel/dpa
Fünf Antworten zur Klimastudie

Kommt eine Heißzeit auf uns zu? Selbst bei Einhaltung des Pariser Klimaabkommens könnten bald entscheidende "Kippvorgänge" im globalen Umweltsystem angestoßen werden, die einen Domino-Effekt auslösen und den Klimawandel unaufhaltsam weiter verschlimmern, schreiben jetzt Klimawissenschaftler. Statt einer Eiszeit drohe eine "Heißzeit".

 Aber was bedeutet diese Heißzeit für uns?

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Was ist eine Heißzeit überhaupt?

Mit einer Heißzeit ist nicht eine Hitzewelle gemeint, wie sie Deutschland derzeit erlebt. Es geht um ein langfristiges Klima-Phänomen

  • Bei einer Heißzeit würde sich die Erde langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter ansteigen, schreibt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
  • Ein internationales Team von Wissenschaftlern diskutiert diese Möglichkeiten in den "Proceedings" der US-nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") und blickt dabei insbesondere auf "Kippelemente im Klimasystem". 

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Und was bitte sind "Kippelemente im Klimasystem"?

Kippelemente im Erdsystem kann man mit schweren Felsbrocken am Strand vergleichen, erklärt Mitautor und PIK-Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber. Wenn diese langsam, aber unaufhörlich unterspült werden, könnte irgendwann schon die Landung einer Fliege ausreichen, um die Brocken kippen zu lassen. 

"Wir weisen in unserem Artikel darauf hin, dass es im planetarischen System bereits derart unterspülte Felsbrocken gibt, die wir als Kippelemente bezeichnen. Ist die Erderwärmung weit genug fortgeschritten, reicht vielleicht schon eine kleine Veränderung aus, um diese Elemente in einen ganz anderen Zustand zu stoßen." 

Beispiele für bereits existierende Kippelemente sind die auftauenden Permafrostböden in Russland, die sich erwärmenden Methanhydrate auf dem Meeresboden und die großen Ökosysteme wie der Amazonas-Regenwald.

Mitautor Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre und designierter Ko-Direktor des PIK, vergleicht die Kippelemente mit Dominosteinen

"Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu."

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Das sind ja finstere Zukunftsaussichten. Wie ist die aktuelle Situation?

In Teilen der Westantarktis seien bereits einige Kippelemente überschritten worden. "Der Verlust des Eises in einigen Regionen könnte dort schon ein weiteres, noch umfangreicheres Abschmelzen über lange Zeiträume vorprogrammiert haben", sagte Schellnhuber. 

  • Im Pariser Klimaabkommen ist vereinbart, die globale Erderwärmung  zwischen 1,5 und unter zwei Grad Celsius zu stoppen. 
  • Das könnte aber nach Angaben der Autoren schwieriger werden als bislang angenommen.

Selbst bei einer Begrenzung der menschengemachten Erderwärmung auf maximal zwei Grad könnten Kippelemente im Klimasystem angestoßen werden, die eine noch stärkere Erwärmung – auch ohne weiteres menschliches Zutun – bewirken, erläuterte Erstautor Will Steffen von der Australian National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC). 

Nach Angaben des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung könnte das bedeuten, dass sich der Klimawandel dann selbst verstärkt – "auf lange Sicht, über Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende". 

Derzeit ist die Erde im Durchschnitt bereits gut ein Grad wärmer als noch vor Beginn der Industrialisierung.  

Das sind die Folgen des Klimawandels:

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Okay... Zeit für Panik?

Nicht unbedingt. Der Artikel des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung biete zwar eine gute Einordnung von vielen Einzelstudien, bleibe aber recht unkonkret, kommentierte Klimaforscher Reto Knutti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. 

Das Autorenteam argumentiere zwar, dass schon bei zwei Grad eine Schwelle hin zu einem deutlich anderen Zustand der Erde liegen könne, verweise aber zugleich darauf, dass es noch unsicher sei, wo eine solche Schwelle tatsächlich liege

Jonathan Overpeck von der University of Michigan hingegen hält den Artikel für wichtig: Auch wenn es nicht möglich sei, die exakte Erdtemperatur zu bestimmen, bei der eine Kaskade von Kippelementen die Erde in Heißzeit bringe, sei es richtig, sich Sorgen zu machen

Was können wir tun, um die Heißzeit zu verhindern?

Schellnhuber betont, dass jeder Einzelne etwas beitragen könne, um dem Klimawandel zu begegnen, aber vor allem sei die Politik gefordert. Als Beispiel nennt er den Kohleausstieg: 

Die Kohleverstromung ist das schädlichste, was man dem Klima antun kann.

Und auf diese Weise kannst auch du was zum Umweltschutz beitragen:

LEVEL 1: Was du vom Sofa aus tun kannst
Du siehst einen coolen Post über Klimawandel, Frauenrechte oder ein anderes wichtiges Thema? Klick nicht nur auf "Like", sondern teile ihn. Selbst wenn er nur ein paar Leute inspiriert, ist das etwas Gutes.
Lass dir keine Kontoauszüge mehr schicken. Bestell sie ab und lad sie dir im Online-Banking runter. Dann hast du immerhin weniger Papier verschwendet.
Sei laut - selbst vom Sofa aus. Du kannst per E-Mail deine Politiker daran erinnern, mehr für die Umwelt zu tun, oder online an Petitionen teilnehmen.
Du daddelst eh im Netz herum? Dann google doch zwischendurch, ob die Läden oder Marken, bei denen du einkaufst, vorbildlich mit ihren Arbeitnehmern und der Umwelt umgehen...
... falls nicht, könntest du beim nächsten Einkauf woanders hingehen.
Melde die Arschlöcher: Wenn du siehst, dass Menschen im Netz andere fertigmachen, dann schau nicht einfach weg, sondern melde die Postings, ...
... mach Screenshots und in ganz schlimmen Fällen wende dich an die Polizei oder im Fall von Bekannten an Vertrauenspersonen aus deren Umfeld.
Lies/guck/hör mehr Nachrichten. Nur wer etwas mitbekommt, kann auch etwas tun. (Da du auf diesem Artikel gelandet bist, scheinst du das glücklicherweise schon zu tun.)
Du hast ein schlechtes Gewissen, willst aber auf manches nicht verzichten? Auf Seiten wie Atmosfair kannst du durch Spenden Projekte unterstützen, ...
die deinen CO2-Fußabdruck ausgleichen - zum Beispiel den letzten Flug in den Urlaub.
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LEVEL 2: Mehr Tipps für dein Zuhause (manches davon geht sogar auf dem Sofa)
Heiz den Backofen nicht vor. Klar, bei manchen Dingen braucht man eine spezifische Temperatur, aber viele Speisen (Aufläufe und Co.) kann man schon in den Ofen stellen, ...
... sobald man ihn anmacht. So kann der Ofen am Ende früher wieder ausgeschaltet werden.
Kauf öfter mal das nicht eingepackte Gemüse. Bei vielen Produkten kann man als Konsument ganz leicht zeigen: Dieser ganze Verpackungsmüll nervt mich.
Hol dir einen Teppich: Er hält den Raum im Winter etwas wärmer und du musst nicht so viel heizen.
Du bist Raucher? Dann kauf Streichhölzer statt Feuerzeuge. Deren Produktion verbraucht weniger Ressourcen und ist umweltfreundlicher.
Tu deinen Haaren einen Gefallen und lass sie manchmal einfach an der Luft trocknen, anstatt zu föhnen. Verbraucht dann keinen Strom. Das gilt auch für Wäschetrockner, falls du einen hast.
Iss weniger Fleisch. Du musst kein Veganer werden. Aber die Fleischproduktion verbraucht unfassbar viele Ressourcen, im Vergleich zu allen anderen Lebensmitteln...
... also hilft es schon, wenn du deine Fleischlust ein wenig zügelst.
Und zum Schluss noch ein paar All-Time-Favourites: Mach Wasch- und Spülmaschine nur an, wenn sie auch voll sind, dusch nicht so lange und recycle deinen Müll. So!
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LEVEL 3: Was du draußen tun kannst
Kauf klüger ein: Wer sich vorher überlegt, was er braucht und was nicht, kauft nicht mehr als er braucht und fällt auch nicht so oft auf Marketing-Tricks herein.
Wo wir schon beim Einkaufen sind: Wenn es geht, kauf lieber lokal als bei der Kette. Viele kleine Geschäfte beleben deine Stadt, geben Menschen Arbeitsplätze und ...
... in manchen Fällen kaufen sie auch bei lokalen Herstellern ihre Produkte ein. Also einfach mal umschauen.
Wenn du Fisch kaufst oder im Restaurant bestellst, guck vorher kurz nach, ob die Fischart bedroht ist oder ob die Art, sie zu fangen, der Umwelt schadet. Hier geht das ganz leicht.
Besseres Gewissen beim Kaffeetrinken: Kauf nicht so oft die Wegwerfbecher, sondern hol dir einen schicken Wiederverwendbaren. Das selbe gilt für Wasserflaschen aus Plastik und Einkaufstüten.
Kauf hässliches Obst. Die schönen Äpfel gehen immer weg, aber ein paar Dellen oder eine komische Form machen Obst und Gemüse oft zum Ladenhüter. Dadurch werden sie nicht nur zu unnötigem Müll, ...
... sondern es sendet auch die Nachricht an die Produzenten: "Wir wollen Gen-Food und Chemie im Anbau, damit das Obst möglichst perfekt wird." Schluss damit!
Geh Second Hand shoppen. Sehr viele Probleme der Welt wären nicht so extrem, wenn wir nur nicht so wahnsinnig viele Waren produzieren würden. Gib lieber coolen Fundstücken ein neues Zuhause.
Und nochmal Second Hand: Spende, was du nicht brauchst. Wohltätige Organisationen freuen sich - und die Umwelt auch.
Geh wählen! Man kann es einfach nicht oft genug sagen.
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Mit Material von dpa


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