Bild: bento / Dilan Gropengiesser
"Die Eroberung des Unwahrscheinlichen"

Der Holzboden schwankt leicht unter den Füßen, die Discokugel wirft Lichtsprenkler an die Wand, Gitarrenmusik begleitet das Geplätscher der Wellen, eine schwarze Katze schnurrt auf den Planken. Claudius Schulze, ein schlaksiger 31-Jähriger mit ausgewaschenen Jeansshorts, kniet vor einem Gewirr aus Kabeln. Er bastelt gerade an dem Motor für sein selbstgebautes Hausboot.

Im Video: Claudius zeigt uns sein Hausboot
"Die Eroberung der Unwahrscheinlichkeit"

Auf diesen Namen hat er das Boot vergangenes Wochenende getauft. Unwahrscheinlich ist ein schwacher Ausdruck für das Monsterprojekt, mit dem Claudius im März begonnen hat. Da beschloss er mit Freunden, ein Hausboot zu bauen. Am Pier des Hafenmuseums in Wilhelmsburg hat er das Boot zusammengezimmert. Ein halbes Jahr später schwimmt es.

Warum steckt ein junger Mann seine Freizeit und sein Erspartes in eine Idee, die untergehen kann? Claudius ist eigentlich Fotograf und verdient sein Geld mit Aufträgen und einer Stelle an der Leuphana Universität in Lüneburg, nebenbei schreibt er an seiner Dissertation über Fotografie. Die Baumaterialien haben ihn insgesamt 6000 Euro gekostet.

Andere bauen mit 31 ihr erstes Eigenheim, Claudius zimmert sich sein Hausboot(Bild: bento / Dilan Gropengiesser)
Boot statt Baumhaus

Trotzdem hatte er keine Bedenken: "Mir fallen jeden Tag durchgeknallte Ideen ein, aus irgendeinem Grund fand ich diese Idee weniger durchgeknallt." Und er konnte auf die Hilfe seiner Freunde vertrauen: Ein Bekannter beriet ihn als professioneller Baustatiker, handwerklich erfahrene Freunde packten mit an.

Außerdem hatte Claudius schon Erfahrung: Dem Boot ging ein Baumhaus voraus. Aber ohne Baugenehmigung musste er das Vorhaben abbrechen. "Dann habe ich erfahren, dass es auf dem Wasser viel entspannter ist, etwas zu bauen."

(Bild: bento / Dilan Gropengiesser)
Neue urbane Lebensräume

Nach Abenteuer klingt so ein Hausboot, nach Huckleberry Finn und Vagabundenleben. Aber es steckt auch ein Nachhaltigkeitsgedanke dahinter: Eigentlich wollte Claudius nur recyceltes Material verwenden, aber altes Holz wäre möglicherweise nicht stabil genug gewesen. Die Fenster, die die Vorderseite des Bootes verglasen, sind dafür wie geplant second-hand.

Nachhaltig ist auch die Nutzung von brachliegenden Hafenflächen. "Ich wollte mich von den absurden Mietpreisen in Hamburg entfernen", sagt Claudius. Er wird zwar nicht auf dem Wasser wohnen, denn dafür müsste das Boot viel strengere Auflagen erfüllen.

Stattdessen werden die 50 Quadratmeter als Galerie, kreativer Freiraum, Veranstaltungsort und kleine Idylle dienen, für Freunde und Bekannte. Er plant zum Beispiel, regelmäßig einen Erzählsalon zu organisieren: Unter einem Oberthema geben die Teilnehmer im Spoken-Word-Stil wahre Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten. Alles natürlich im privaten Rahmen – und in einem Raum, der auf Stadtboden kaum bezahlbar wäre.

In der Slideshow: Die Entstehung des Hausbootes
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Hafen für alle

Bisher ist das Glück auf Claudius' Seite. Keine großen Unfälle, keine Schwerverletzten. Um anderen Bootsbauern die Arbeit zu erleichtern, wird er seine Baupläne als Open Source Dokument online stellen. Das ist Teil der aktivistischen Seite, die das Projekt für ihn hat. Denn mit dem frei verfügbaren Know-How könnte sich künftig jeder sein persönliches Wasserschloss bauen – und damit die Gewässer zurückerobern.

Mit dem Dach als Terrasse hat Claudius sogar 100 Quadratmeter zur Verfügung(Bild: bento / Dilan Gropengiesser)
Ein ewiges Projekt

Ein leerer Bierkasten zeugt von der Einweihungsfeier, fertig ist das Boot aber noch lange nicht. "Und wird es wahrscheinlich auch nie", sagt Claudius und lacht. Die Einrichtung fehlt noch, für den Winter steht die Dämmung der Wände an. Der Bauherr kann sich auch vorstellen, das Dach als Terrasse zu gestalten und einen Wassergarten anzulegen. Ein ewiges Projekt, aber das stört Claudius nicht. "Das Bauen macht tierisch viel Spaß!"

Jetzt genießt er aber erst mal die Sonne auf seiner Bagalute. Bagalute, das ist der Spitzname des Bootes und ein nordischer Ausdruck für "Herumtreiber". Wohin es ihn treiben wird, wird sich zeigen. Claudius hat noch eine ganze Menge durchgeknallter Ideen.

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Der jüngste Fall: Hans-Peter Friedrich.

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