Bei der Urinale wird um Fakten gepinkelt. In ganz Deutschland beteiligen sich bereits Hunderte und wollen wissen: Was macht Glyphosat in meinem Körper?

In ganz Deutschland treffen sich diesen Herbst Leute zum gemeinsamen Pinkeln. Was nach einem etwas merkwürdigen Club klingt, ist tatsächlich eine hochpolitische Aktion. Bei der "Urinale“ können Bürger ihren Urin auf Rückstände des Pflanzengiftes Glyphosat untersuchen lassen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend“ ein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält hingegen daran fest, dass es "keine gesundheitlichen Auswirkungen auf Anwender, Anwohner und Verbraucher“ gebe (Stellungnahme Bundestag) – räumt aber Untersuchungsversäumnisse ein (MDR).

Verboten ist es bislang nicht. Im Gegenteil: Glyphosat ist das weltweit am häufigsten verwendete Herbizid in der Landwirtschaft, in Industriearealen und in heimischen Gärten. Seit 1974 ist das Pflanzengift im Einsatz.

(Bild: Urinale)

Pinkeln, Röhrchen abkochen, Probe in den Umschlag stecken, ab die Post. Unhygienisch ist die Probennahme nicht. Ein Teilnehmer der Urinale ist Martin Rasper vom Münchener Gemeinschaftsgarten "O’pflanzt is“. "Für mich sind Glyphosatrückstände nicht nur eine persönliche Gesundheitsgefährdung, sondern vor allem ein Zeichen dafür, dass unsere Landschaft flächendeckend vergiftet ist“, sagt er. Er hat selbst gepinkelt, und verteilt auf dem Erntedankfest des größten Münchener Gemeinschaftsgartens Urinprobensets.

Initiiert wurde die Kampagne von der Bürgerinitiative Landwende aus Klein Jasedow in Mecklenburg-Vorpommern. Seit Beginn der Aktion Anfang September sind dort mehr als 4.000 Anfragen für Untersuchungssets eingetroffen. Bis Ende Oktober waren bereits 600 Urinproben im unabhängigen Leipziger Labor BioCheck eingegangen. Die Leute seien besorgt und wollen wissen, wie belastet sie sind, sagt Jochen Schilk, Pressesprecher der Kampagne "Ackergifte? Nein, danke!“. Andere wollen vor allem mit ihrer Probe die Datenbasis erhöhen. Das Ziel der Aktion: mit mindestens 1000 Proben eine repräsentative Datengrundlage über die Rückstände des Pflanzenschutzmittels in Deutschland schaffen.

Denn: Bisher hätten in der Diskussion verlässliche Daten gefehlt, sagt Pressesprecher Schilk. "Stichproben zeigen, dass Probanden Glyphosat im Blut haben.“ (Pressemitteilung vom BUND).

Monsanto, Vertreiber des glyphosathaltigen Mittels Roundup, schreibt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2013, der Inhaltsstoff würde "nach der Aufnahme schnell vom Körper wieder ausgeschieden und nicht verstoffwechselt.“ Und weiter, Glyphosat würde "im Allgemeinen kaum über die Haut in den Körper aufgenommen und reichert sich nicht in tierischen Geweben an“.

(Bild: Urinale)

Angesichts der bald auslaufenden Zulassung des verbreiteten Herbizids besteht Handlungsbedarf (Süddeutsche Zeitung). Voraussichtlich Mitte 2016 entscheidet die Europäische Kommission, ob der Beikrautvernichter* verboten oder um weitere zehn Jahre verlängert wird. Die Bürgerinitiative Landwende will bis Frühjahr 2016 Ergebnisse vorlegen und damit eine Neuzulassung verhindern.

*statt Unkrautvernichter, denn vieles was sonst auf dem Feld wächst ist nützlich zum Erhalt der Artenvielfalt oder zum Aufbau der Hummusschicht

Unterdessen erfährt die "Urinale“ regen Zulauf, obwohl es 53 Euro kostet, den eigenen Urin auf Glyphosat testen zu lassen. Einigen ist das zu teuer. Auf dem Herbstfest des Münchener Gemeinschaftsgartens entschied sich gut ein Duzend Menschen deshalb, ihr Röhrchen nicht ins Labor, sondern auf den Schreibtisch von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt zu schicken.

(Bild: Urinale)

Das Ministerium sendet bei ihm eingegangene Proben derzeit postwendend an die Absender zurück. Vermerk: eine "ordnungsgemäße Behandlung“ der Probe sei nicht möglich. Für die Initiatoren der "Urinale“ ist klar: Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) müsse Bürgern zuhören und ihnen über "die Belastung mit einem Ackergift, das über die Nahrung aufgenommen worden sein könnte, Auskunft erteilen“, so Pressesprecher Jochen Schilk.

Das BMEL hält dagegen: Es liege nicht in seinem Aufgabenbereich, "Rückstände von Substanzen in Urinproben nachzuweisen“, so eine Sprecherin des Ministeriums. Dafür sei das Bundesinstitut für Risikobewertung zuständig.

Während an offizieller Stelle noch um die Zuständigkeit gepokert wird, stellten schwedische und US-amerikanische Studien schon jetzt fest: Die Umstellung der Ernährung von konventioneller auf biologische Kost kann helfen, um die Belastung mit Glyphosat zu reduzieren (Studie Boise State University).