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Wie Greenpeace Labels unter Druck setzt.

Während glitzernde Minikleider und stoßgedämpfte Sneakers in den Schaufenstern die Trends der achten Jahreszeit verkünden, sitzt die Greenpeace-Campaignerin Kirsten Brodde mit den Managern der Fashionindustrie am Verhandlungstisch in London.

2011 hat Greenpeace seine Detox-Kampagne gestartet, seitdem haben sich 33 der weltweit größten Modekonzerne verpflichtet, bis 2020 auf alle giftigen Substanzen in ihren Kleidungsstücken zu verzichten. Die Unternehmen willigten ein, bevor sie die Politik dazu zwingt.

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Ob Fastfashion-Konzern, Edellabel oder Discounter, sie alle plagt das schlechte Gewissen. Denn: Jeans im used-look, knitterfreie Blusen oder wasserabweisende Outdoorjacken enthalten oft weichmachende Phthalate und Alkylphenole (APEO), die den Hormonhaushalt von Menschen und Tieren verändern. Oder perflourierte Chemikalien (PFC), die sich in Blut und Gewebe anreichern und Organe schädigen können.

Viele Kleidungsstücke sind nicht nur für den gesundheitsschädlich, der sie trägt. In China zum Beispiel, ein großes Produktionsland, seien mehr als zwei Drittel der Flüsse und Seen als verschmutzt klassifiziert, sagt Brodde. Giftstoffe aus den Fabriken werden oft ungeklärt abgeleitet und tauchen später im Trinkwasser und Essen auf.

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Wer sich einmal auf die strategische Allianz eingelassen hat, den beobachtet Greenpeace genau. So verpflichtete sich Adidas schon früh zur Giftfreiheit, doch sei lange nichts passiert, sagt Brodde. Erst als Greenpeace erneut kurz vor der WM Turnschuhe des Herstellers getestet, wieder gefährliche Stoffe gefunden habe und Aktivisten weltweit vor den Läden protestiert hätten, habe der Sportbekleider konkrete Zwischenziele für den Ausstieg aus den wichtigsten Schadstoffen festlegt und seine Abwasserdaten veröffentlicht.

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"Das war ein schmerzhaftes Erlebnis für Adidas. Druck ist unser bestes Mittel“, sagt Brodde. Heute schneidet Adidas Greenpeace zufolge vergleichsweise gut ab, genau wie Esprit, C&A und H&M. Auch Tchibo, Aldi Nord und Aldi Süd/Hofer, Lidl, Rewe/Penny und Coop haben umgesetzt, was sie versprochen haben.

Allein Aldi, Lidl und Tchibo machen etwa eine Milliarde Euro Umsatz mit Textilien und gehören damit zu den zehn größten Modehändlern in Deutschland. Noch vor einem Jahr fanden unabhängige Labore im Auftrag von Greenpeace in mehr als der Hälfte der Proben von Discounter-Textilien umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien oberhalb der Grenzwerte. Reihenweise gaben Kunden Gummistiefel, Kinderjacken oder Schuhe zurück. Jetzt haben sie die ersten besonders gefährlichen Chemikalien aus der Produktion verbannt, legen Listen mit schädlichen Substanzen offen und veröffentlichen ihre Abwasserdaten.

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Lidl, Tchibo und Rewe/Penny tun sich laut Greenpeace außerdem hervor, indem sie in recyclingfähige Textilien investieren. Sie wollen Rücknahmesysteme und Upcycling-Kollektionen einführen, die alte Kleidung wiederverwerten.

Adidas ein "Detox-Held“? Discounter als Vorbilder? So viel Lob aus dem Munde einer kritischen, unabhängigen Umweltorganisation wie Greenpeace? Ist das gerechtfertigt? "Wenn die Unternehmen Etappenziele erreicht haben, besteht kein Anlass sie nicht zu loben“, sagt Kirsten Brodde.

Und warum gibt Greenpeace den großen Unternehmen bis 2020 Zeit, ihre Versprechen einzulösen? "Statt einzelne Substanzen zu eliminieren oder strengere Grenzwerte einzuführen, wollen wir alle gefährlichen Chemikalien aus der Produktion verbannen“, sagt Brodde. Bei der schier unendlichen Zahl potentieller Gefahrstoffe sei das eine echte Herausforderung.

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Für Michael Kopatz, Wissenschaftler am Wuppertal Institut, geht die Greenpeace-Kampagne nicht weit genug. Unternehmen würden nur dann mitziehen, wenn der Imagevorteil, den sie sich durch die Detox-Vereinbarung erhoffen, den Kostennachteil kompensiert, der durch höhere Investitionen entsteht. Seiner Meinung nach sollte Greenpeace einen konkreten Fahrplan zur rechtlichen Regelung vorlegen, auch auf EU-Ebene. "Freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus“, sagt Kopatz.

Brodde hält dagegen: "Ich sehe derzeit keinen Minister, der sich für solche Ziele auf EU-Ebene stark machen würde.“ Trotzdem drängt auch sie darauf, dass künftig alle gefährlichen Substanzen sowie auch importierte Textilien durch das europäische Chemikalienprogramm REACH erfasst werden.

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Zusammen mit dem Institute for Public and Environmental Affairs (IPE), eine chinesische Umwelt-NGO, setzt sie sich dafür ein, die Gesetzgebung direkt in den Produzentenländern zu verbessern. So gäbe es in China mittlerweile erste Ansätze für strengere Chemikalienverordnungen und verbindliche Abwasserregelungen.

Das größte Hindernis ist jedoch keineswegs aus dem Weg geräumt: die Überproduktion. "Wie soll der Planet entlastet werden, wenn wir die gleiche Menge an Textilien produzieren? Die Unternehmen haben den Konsumenten über Jahre ein fatales Konsumverhalten antrainiert“, sagt Brodde. Sie plädiert für ein "Ende der Zuckerwatte in den Schaufenstern“.

Die Kleidung der Zukunft müsse nicht nur unbedenklich, sondern auch haltbar, zeitlos, recyclingfähig und reparaturfreundlich sein. Genug Stoff für viele weitere Kampagnen der Umweltorganisation.