An diesem Freitag gibt es etwas, das Klimawissenschaftlerin Jessica Strefler enttäuscht und etwas, das sie motiviert: Während sich die EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag in Brüssel nicht auf eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050 einigen konnten, kommen am Freitag in Aachen rund 20.000 Klimaaktivistinnen von Fridays For Future zusammen, um gegen genau diese Politik zu protestieren.

Jessica Strefler, 36, arbeitet seit zehn Jahren am Potsdam-Institut für Klimaschutz, einer der rennomiertesten Forschungseinrichtungen für Klimaschutz. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was sie der Fridays-For-Future-Bewegung zutraut – und wie sie sich von politischen Rückschlägen nicht unterkriegen lässt.

In Aachen kommen am Freitag Zehntausende junge Leute zusammen, um für den Klimaschutz zu protestieren. Wie groß ist ihre Euphorie?

Ich finde es großartig, wie sich die jungen Leute für das Thema einsetzen. Es geht ja schließlich auch um ihre Zukunft: Denn es ist ja die junge Generation von heute, die die Folgen des Klimawandels in Zukunft zu spüren bekommen wird. Daher ist es beeindruckend, wie viel Zeit, Energie und Ausdauer in diese Proteste fließen – obwohl sie seit Monaten andauern, werden sie nicht kleiner. Greta Thunberg vor einigen Wochen bei uns am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu Besuch, um sich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auszutauschen. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit und kennt die wissenschaftlichen Fakten. Genauso wie die vielen anderen FFF-Aktivisten, die unheimlich gut informiert sind und sich ja ganz explizit auf die Wissenschaft beziehen. Und das mit 16, 17, 18. Als ich zur Schule gegangen bin, eine Generation früher, war das alles noch überhaupt kein Thema an unseren Schulen.

Haben Sie selbst schon an den Demos teilgenommen?

Ich war in Potsdam bei den Demos von Scientists For Future dabei. Außerdem gibt es im Naturkundemuseum in Berlin jeden Freitag im Anschluss an die FFF-Demos eine Veranstaltungsreihe. Dort tauschen sich die Schülerschaft mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus. Auch dort bin ich mit Kolleginnen und Kollegen vertreten. 

In Brüssel konnten sich die EU-Chefs nicht auf den Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft bis 2050 einigen – trotz des großen Protests. Wieso scheitern solche Beschlüsse immer noch?

Ich kann natürlich auch nur Vermutungen aufstellen. Vor allem die Staaten, die stark von der Kohleförderung abhängig sind, wehren sich gegen den Beschluss. Einen großen Anteil haben also sicher Lobbygruppen, die ihre Geschäftsinteressen bedroht sehen. Hinzu kommt die Angst vor Veränderung und die mangelnde Vorstellung davon, welche Chancen eine klimaneutrale Wirtschaft mit sich bringt.

Leider ist es oft so: Erst wenn wir die Schäden wirklich sehen – wie im letzten Hitzesommer – bewegen wir Menschen uns auch. Dann erst merkt man, dass sich Debatten verändern.

Welche Vorteile und Chancen übersehen wir?

Nationen, die schnell handeln und sich von den fossilen Energieträgern verabschieden, werden Vorteile spüren. Die Luftqualität wird sich ändern und gesundheitliche Schäden nehmen ab – Aerosole wie Schwefel und Ruß sind nun mal schädlich für den Körper. China hat das bereits erkannt.

Und natürlich sind die Chancen für die Wirtschaft enorm: Länder, die schneller anfangen, ihre Energieerzeugung umzustellen, haben die Chance, Vorreitern zu werden. Wer eine günstigste und wettbewerbsfähigste Stromspeichertechnologie entwickelt, dem werden sich in Zukunft gigantische ökonomische Möglichkeiten eröffnen.

Selbst wenn sich die EU-Chefs noch einigen sollten, ist 2050 nicht viel zu spät?

Wenn die EU 2050 treibhausgasneutral wäre, wäre das im Einklang mit der Wissenschaft. Und es wäre konsistent mit dem Ziel des Pariser Klimaabkommens, die globale Erwärmung bei möglichst 1,5 Grad zu stoppen – im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Ich gehe auch fest davon aus, dass der Beschluss noch kommt.

Was stimmt Sie so optimistisch?

Wir sehen große Veränderungen. Man muss sich nur angucken, wie sich die Solar- und Windenergie entwickelt hat. Die Preise sind rasant nach unten gegangen, der Ausbau von erneuerbaren Energien schreitet voran.

Außerdem haben die Staaten mit dem Pariser Abkommen zum ersten Mal verbindliche und konkrete Beiträge festgelegt.

Aber Treffen wie das am Donnerstag in Brüssel sind Rückschläge. Wie fühlen sich die für sie persönlich als junge Wissenschaftlerin an?

Das ist eine große Enttäuschung – auch wenn die endgültige Entscheidung erst Anfang 2020 fallen soll. Aber der Klimawandel wartet nicht, auch nicht auf die EU. 

Ich rede mit meinem Freundeskreis und der Familie darüber – aber vor allem im Kollegenteam verarbeiten wir viel gemeinsam. Es geht nicht immer alles so gradlinig und so schnell, wie wir es gerne hätten.

Ich möchte mich nicht machtlos fühlen und versuche mein Leben klimafreundlich zu gestalten. Ich besitze kein Auto, ich esse kein Fleisch und wenig Milchprodukte, außerdem versuche ich, innerhalb Europas mit dem Zug zu fahren. Meinen Strom beziehe ich von einem  Ökostrom-Anbeiter. Und natürlich schaffe ich täglich als Wissenschaftlerin ein Problembewusstsein, versuche andere zu motivieren, sich für den Klimaschutz einzusetzen.

Wird Ihnen immer geglaubt?

Klimaleugner kommen vereinzelt vor, aber es ist in Deutschland relativ selten. Es gibt häufiger eine Skepsis gegenüber konkreten Lösungen – zum Beispiel bei Elektroautos. Sie zu hinterfragen, ist richtig. Zum Beispiel müssen die Batterien von Elektroautos deutlich effizienter werden, auch am Recycling-System müssen wir arbeiten. Andere Punkte kann man aber widerlegen.

Häufig wird eingewandt, dass die Elektroautos von der Klimabilanz her auch nicht besser seien als die Verbrenner. Das liegt vor allem am Strommix, doch sobald der Anteil der Erneuerbaren Energien steigt, wandelt sich das Bild.

Neue Technologien brauchen ihre Zeit. Gerade deshalb müssen sie früh und konsequent entwickelt und vor allem auch gefördert werden. Auch wenn sie am Anfang noch nicht optimal funktionieren.

Was macht Ihnen in ihrem Job Mut?

Im letzten Jahr war das auf jeden Fall Fridays For Future. Wie politisch und informiert die jungen Leute sind, ist beendruckend. Das sagte ich ja schon. Sie haben die Klimaschutzdebatte nachhaltig verändert und die Generation nach ihnen werden das sicher fortführen.


Fühlen

Meine Eltern wollen viel Kontakt, mir reicht weniger. Wie vermeide ich Streit?
Unsere Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet.

Claudia, 25, fragt:

Zu meinen Eltern habe ich eigentlich ein gutes Verhältnis. Doch seit ich in einer anderen Stadt wohne, ist unser Kontakt seltener geworden. Wir telefonieren etwa alle zwei Wochen, alle zwei Monate sehen wir uns. Für mich ist das in Ordnung – ich habe schließlich ein eigenes Leben, Freunde, einen Job. Meinen Eltern merke ich aber an, dass sie mich gern mehr zu Gesicht bekommen würden, auch Kommentare in die Richtung häufen sich.