Bei "Fridays for Future" zeigen Tausende junge Menschen, dass sie alles andere als politikverdrossen sind.

Die Schülerinnen und Schüler, die zu Hunderten auf dem Hamburger Rathausplatz stehen, sind laut aber friedlich. Bei den "Fridays for Future" protestieren junge Menschen in zahlreichen Ländern seit Wochen für mehr Klimaschutz. Allein in Belgien gingen diese Woche dafür schätzungsweise 13.000 Schülerinnen und Studenten auf die Straße. Heute sind – laut Organisatoren – 1500 in Hamburg unterwegs. 

Angestoßen hat die Bewegung die 15-jährige Greta Thunberg aus Schweden. Seit sie im vergangenen August erstmals die Schule schwänzte, um gegen den Klimawandel zu protestieren, schlossen sich immer mehr junge Leute ihrem Beispiel an. 

In Deutschland gibt es auch kritische Stimmen. Die Junge Union Baden-Württemberg forderte kürzlich, Abwesenheit für Klimaschutz-Proteste ins Zeugnis einzutragen – als Fehlzeit. Der Chef der CDU-Jugendorganisation, Philipp Bürkle, polterte dazu: "Die Lehrkräfte haben Schulschwänzen entsprechend konsequent zu ahnden."

Aber warum gehen junge Menschen bei -2 Grad auf die Straße und bleiben nicht einfach im Bett oder – wie es sich laut JU gehört – im Klassenzimmer? 

Wir haben sechs junge Menschen gefragt:

Milad und Alexander, beide 18

Warum seid ihr hier und wie oft macht ihr sowas?

Alexander: Ich mache das zum ersten Mal. Okay, ich schwänze die Schule dafür. Aber wenn ich nicht die Schule schwänzen würde, wäre die Welt immer noch am Ende.

Milad: Mir ist vor allem wichtig, dass jetzt etwas von der Politik kommt und die sehen, dass wir auch in Zukunft weiter protestieren werden und etwas verändern möchten. Wir müssen wirklich was gegen den Klimawandel tun.

Wo müsstet ihr gerade eigentlich sein?

Milad: Wir müssten jetzt offiziel im Chemie- oder Physik-Unterricht sein. Aber das lassen wir ausfallen. Obwohl unser viertes Semester in der Oberstufe wirklich kurz ist und wir den Unterricht brauchen. Aber das ist jetzt wichtiger.

Alexander: Und wenn man sich in Chemie sich sowieso damit auseinandersetzt, dann können wir auch gleich herkommen. 

Milad: Ja! Es macht keinen Sinn, wenn wir in der Schule Umweltschutz behandeln, aber dann nichts tun.

Und was sagt ihr zur Kritik am Schülerstreikt?

Alexander: Das ist Quatsch. Man sollte eigentlich das Recht zu protestieren haben. 

Milad: Das war auch für uns schwer zu entscheiden, aber man muss immer Prioritäten setzen. 

Henrike, 51, Unternehmerin

Äh. Warum sind Sie heute beim Schülerstreik?

Wir möchten die Schüler unterstützen! Wir sind große Fans von Greta Thunberg, die das ja ins Leben gerufen hat. Wir sind selbst keine Schüler, aber haben Kinder und Patenkinder und wollen nicht, dass deren Zukunft den Bach runtergeht. Es ist höchste Zeit, etwas zu tun.

Warum ist der Streik wichtig?

Unsere ganze Lebensgrundlage steht auf dem Spiel, das ist viel wichtiger als Schule. Oder noch wichtiger. Wir finden es sehr wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern demonstrieren gehen. Aber man sieht, dass die Schülerinnen und Schüler gar keine Unterstützung brauchen. 

Und wird der Protest der Schüler etwas verändern?

Ja! Es ist wirklich eine Veränderung zu spüren von 'Ich fahr mal mit der Bahn oder benutze Recycling-Becher' hin zu 'Die Politik muss handeln'. Die Zukunft steht auf dem Spiel.

Fabiola, 19

Fabiola sorgt hier für Ordnung. Als Ordnerin hilft sie dabei, dass beim Schülerstreik alle Regeln eingehalten werden. Zwischen Rathaus und Demo muss immer ein schmaler Streifen freigehalten werden, so will es die Stadt. Die meisten Schülerinnen interessiert das jedoch wenig. Fabiola hat nur kurz Zeit, doch das Thema Klimaschutz ist ihr wichtig.

Warum ist dir das Thema wichtig?

Es wird einfach viel zu wenig getan, um das Klima zu schützen. Unsere Erde erwärmt sich und wir wissen das seit vielen Jahrzehnten, und es tut sich einfach nichts. Wir Jugendlichen sind die, die es ausbaden müssen. Deshalb sind wir vor dem Rathaus, um der Hamburger Regierung zu sagen, dass es uns reicht. Und dasselbe machen ja Jugendliche in anderen Städten und der ganzen Welt.

Schwänzt du auch die Schule?

Ich arbeite! Ich mach mein freiwilliges ökologisches Jahr bei "Plan for the planet". Und dadurch, dass wir uns gegen den Klimawandel einsetzen, wird das Streiken und Schwänzen eigentlich unterstützt. 

Kriegst du etwa Geld dafür, dass du heute hier bist?

Nee, Quatsch. (lacht)

Was sagst du zur Kritik?

Das finde ich kompletter Quatsch. Es sollte vielmehr unterstützt werden, dass sich Kinder und Jugendliche sich für sowas einsetzen. Und wenn man die Schule schwänzt für so einen Zweck, dann ist es etwas sehr Ünterstützenswertes, und man sollte den Schülern nicht noch Steine in den Weg legen, sondern es als außerschulisches Engagement unterstützen.

Renée und Daytona, beide 18 

Warum seid ihr heute hergekommen?

Daytona: Wir jungen Leute müssen etwas machen.

Renée: Wir sind die Zukunft!

Daytona: Genau. Wir müssen zeigen, dass wir für die Umwelt einstehen.

Was für Fächer verpasst ihr gerade in der Schule?

Daytona: Englisch.

Renée: Bei mir Mathe.

Und was sagt ihr zur Forderung, den Schulstreik als Fehlzeit ins Zeugnis einzutragen?

Renée: Ich glaube, viele wissen gar nicht, dass man schwänzt. Wir sind 18 und können uns selbst entschuldigen. Wir können schreiben, wir seien krank – und dann braucht man auch gar kein Attest.

Daytona: Das ist einfach auch vollkommener Schwachsinn. Ich schwänze ja nicht die Schule, weil ich es lustig finde oder im Bett liege. Ich mach das für die Menschen, ich mach das für mich, ich mach das für die Zukunft. Ich mach das für meine Kinder und meine Enkel. Und deswegen stehe ich hier. Die brauchen mir nicht sagen, dass ich schwänze. Das hätten die für uns schon machen sollen!

Steven, 18

Warum bist du hier und wie oft machst du so was?

Das ist mein erstes Mal. Und ich mache das, weil die Leute erfahren müssen, dass es den Klimawandel gibt. Sonst gibt es das eigentlich nicht mehr, den Winter. 

Wo müsstest du eigentlich gerade sein?

In der Schule. Ich glaube, ich hätte jetzt Philosophie.

Warum ist dir der Schulstreik wichtiger?

Warum für eine Zukunft lernen, die es theoretisch nicht geben wird? Der Klimawandel ist da. Wenn das den Leuten nicht klar wird, gibt es irgendwann keine Zukunft mehr. 

Was hältst du von der Idee, Fehlzeiten ins Zeugnis zu schreiben?

Das ist mir nicht so wichtig, weil ich mich selbst entschuldigen kann. Aber ich bin jetzt im Abijahrgang und da wäre das ansonsten natürlich schon scheiße, wenn es im Zeugnis steht. Ich finde, da kann man auch ein Auge zudrücken. Andererseits ist es aber auch ein Zeichen, dass wir das trotzdem machen und dass es uns wichtiger ist!

bento per WhatsApp oder Telegram


Gerechtigkeit

100 Jahre Frauenwahlrecht – aber längst nicht alle dürfen wählen
Frauen ohne deutsche Staatsbürgerschaft machen bei Twitter auf sich aufmerksam.

Am 30. November 1918 wurde in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger beschlossen – am 19. Januar 1919 durften Frauen dann auch zum ersten Mal wählen. 

Die Sozialdemokratin Marie Juchacz hielt damals als erste Frau eine Rede in der Nationalversammlung (EAF Berlin): 

"Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als freie und gleiche im Parlament zum Volke sprechen kann […]. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

Mit dem Frauenwahlrecht ist der Kampf um Gleichberechtigung aber noch lange nicht vorbei.

"Auf dem Papier, in Gesetzen ist die Gleichberechtigung fast überall verwirklicht, in der Realität aber noch lange nicht. Es gibt noch viel zu tun", sagt Katarina Barley, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts. Es gebe "immer noch ungleiche Löhne, immer noch ungleiche Aufstiegschancen."