Klimaschützer treffen Autofans

"Hier spricht die Polizei: Wir werden diese Blockade jetzt räumen." Zwei Männer treten an eine Gruppe von sitzenden Aktivistinnen und Aktivisten heran, packen den ersten von ihnen unter den Armen und an den Füßen und tragen ihn weg. Grinsend lässt er sich das gefallen. Denn die, die ihn gerade forttragen, sind auch Aktivisten. Es ist nur ein Training.

Am frühen Samstagabend haben sich Klimaschützer auf einer Wiese am Main getroffen. 

Sie kommen von Gruppierungen wie "Extinction Rebellion" oder "Ende Gelände" und haben an diesem Wochenende ein Ziel: die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt lahmlegen. 

Mehr als 50 Gruppen haben sich dafür unter dem Motto "Sand im Getriebe" zusammengeschlossen.

Die meisten von ihnen sind am Samstag schon auf die Straße gegangen, als mindestens 15.000 Menschen vor den Toren des Messegeländes gegen SUV und für eine schnelle Verkehrswende demonstrierten. (SPIEGEL)

Die IAA hat es in diesem Jahr so schwer wie noch nie: Schon 2017 waren die Besucherzahlen rückläufig, doch in diesem Jahr haben sogar zahlreiche Aussteller abgesagt – Toyota und Peugeot etwa, aber auch die Luxusmarke Rolls Royce (taz). Dazu kommen die Massenproteste der Klimabewegung, die von dem schweren SUV-Unfall in Berlin mit vier Toten noch befeuert wurden (SPIEGEL).

Dabei gibt sich die Autoindustrie alle Mühe, umweltfreundlich zu wirken: Gleich zweimal hat VW sein neues Elektroauto ID3 prominent ausgestellt, und selbst am Porsche-Stand steht der elektrische Taycan im Mittelpunkt. 

Doch auf einem großen Platz zwischen den Messehallen ist von Klimafreundlichkeit wenig zu spüren: Auf einem Offroad-Parcours im Freien können die Besucherinnen und Besucher die Leistungsfähigkeit der neuesten SUV und Geländewagen bewundern – die Schlange am Rande des Feldes spricht am Samstag, dem ersten Besuchertag der Messe, für großes Interesse. Da erklimmt ein Mercedes aberwitzige Steigungen und ein Audi fährt über eine Wippe – Gegebenheiten, denen wohl kaum ein Fahrer eines Stadtgeländewagens jemals begegnet.

Einer der Zuschauer am Rande des Parcours ist Daniel, 18. Er fährt einen Audi A3. Lieber wäre ihm ein RS3, die Sportwagenvariante mit 400 PS.

Daniel macht gerade eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Obwohl er noch gar nicht lange Auto fahren darf, sagt er, dass er kaum noch darauf verzichten könne. "Ich möchte auch nicht verzichten." Daniel glaubt an die Zukunft des Autos – wenn sich am aktuellen Verkehrsmodell etwas änderen könne, dann nur mit neuen Technologien.

Und Klimaschutz? Der sei schon wichtig, sagt Daniel. Er hält das Auto aber nicht für einen entscheidenden Faktor. "Natürlich ist nicht alles gut, was die Autoindustrie macht." Man solle auch mal bei anderen Industriezweigen, bei Flugzeugen und Schiffen ansetzen. "Fridays for Future" sei zwar gut, für viele der Schülerinnen und Schüler sei es aber einfach nur ein Trend, mitzugehen bei den Demos. "Ich glaube, nur wenige von ihnen würden auf den Luxus verzichten wollen, den sie akutell haben."

Anna, die eigentlich anders heißt, hält das Auto für verzichtbar. 

Vielleicht zweimal im Jahr sei sie im Auto unterwegs, sie bezeichnet sich selbst als "passionierte Fahrradfahrerin". Sie wünscht sich einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, um die Verkehrswende zu stemmen. Die IAA steht für sie stellvertretend für eine klimaschädliche Industrie. Verständnis für die Besucherinnen und Besucher hat sie daher nicht. 

Die 22-Jährige hat sich mit rund 120 Aktivistinnen und Aktivisten in einem Park westlich des Messegeländes versammelt. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen am Sonntagmorgen. Nach und nach wird die Gruppe größer. Die meisten von ihnen tragen weiße Maleranzüge, wie die Kohlekraftgegner von "Ende Gelände". Auch Anna hat schon zweimal im Tagebau demonstriert.

In Bamberg studiert sie Soziologie, in Frankfurt ist sie aber schon seit mehreren Wochen, weil sie gerade ein Praktikum im Bundesbüro des globalisierungskritischen Netzwerks "Attac" macht. Deshalb war sie in die Vorbereitungen zur Aktion schon länger involviert. 

Heute ist sie Teil einer von drei Gruppen, das Ziel aller sind verschiedene Eingänge der IAA. Möglichst viele wollen sie blockieren, möglichst wenige Menschen sollen auf die Messe gelangen. Anna macht sich jedoch Sorgen, dass sie zu wenige Aktivistinnen sind, um wirklich etwas zu erreichen. Bislang haben sich vielleicht 120 Menschen im Park versammelt, sie hatte mit mehr gerechnet. Von anderen Aktivisten hat sie Bilder zugeschickt bekommen, darauf sind reihenweise Polizeiwagen vor dem Haupteingang der Messe zu sehen. 

Als sich der Zug schließlich in Bewegung setzt und die ersten Sprechchöre ertönen, ist Annas Pessimismus weggeblasen. Die Gruppe hat sich nochmals verdoppelt, die Messe ist bereits in Sichtweite – aber bisher keine Polizei. 

Das war Annas größte Befürchtung: dass sie nicht einmal in die Nähe des Eingangs kommen würden, dass die Polizei ihnen den Weg versperren würde. "Dann setzen wir uns davor auf den Boden und das war's." 

Doch die Polizei wartet direkt am Eingang zur Messe – und hält sich zurück. Nach etwas Hin und Her einigen sich die Aktivisten darauf, eine Sitzblockade in einiger Entfernung zur Polizeikette zu errichten. Besucherinnen und Besucher der IAA wollen sie durchlassen – sie wollen nur das Durchschlängeln ungemütlich machen. Das geht aus Sicht der Klimaaktivsten einige Zeit lang auch gut. Als eine größere Gruppe durchmöchte, kommt es zu Gerangel. 

Einige der Besucher versuchen, sich auf die Seite der Demonstrierenden zu reden, während sie durch die Sitzblockade staksen: Sie seien doch auch für Klimaschutz sagen sie. Die Einstellung von Daniel – CO2 einsparen ja, aber doch bitte nicht zu sehr beim Auto – teilen offenbar viele hier. 

Draußen in der Blockade wird es bald wieder ruhig. Besucherinnen werden umgeleitet, so wie es aussieht, bleibt die Konfrontation aus. Doch dazu sollte es auch gar nicht kommen, das war bereits im Vorfeld Konsens unter den Aktivistinnen. Viele von ihnen sind noch unerfahren mit der Protestform des zivilen Ungehorsams.

Der Protest in Frankfurt zeigt, dass dieser Arm der Klimabewegung größer wird. Mit Aktionen wie der am Sonntag wachse der politische Druck, ist Anna überzeugt. "Bürgerliche Demonstrationen werden gerne übersehen", sagt sie.

An diesem Wochenende behält sie damit Recht: Am Samstag, als Tausende in Sichtweite zum Messegelände demonstrierten, war davon drinnen wenig zu spüren. Wer nicht gerade am Nachmittag am Haupteingang war, sah nichts vom Protest. 

Am Sonntag ist es jedoch kaum möglich, die Blockadeaktion zu übersehen: Bis zum frühen Nachmiittag sind drei Eingänge blockiert, erst als an zweien die Polizei schließlich mit Räumung droht, stehen die Aktivisten auf. Über Twitter hatte die Automesse angesichts der Proteste schon am Vormittag empfohlen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen.

Die Verkehrswende ist den Aktivistinnen und Aktivisten geglückt – zumindest für ein paar Stunden.


Fühlen

Was der Tod meiner Großmutter mit mir gemacht hat
Mit Hilfe einer Psychologin habe ich versucht, Trauer besser zu verstehen.

Die Nachricht, dass meine Großmutter im Krankenhaus lag, überbrachte mir meine Mutter. "Mach dir keine Sorgen, sie wird schon wieder", versicherte ich ihr. Klar, warum sollte sie auch nicht? Abgesehen von ihrer Diabeteserkrankung ging es ihr doch gut. Wir telefonierten regelmäßig. Ich in Hamburg, sie in Bosnien, durch das Telefon ganz nah beieinander. 

Schon drei Stunden später sprachen ihre Ärzte plötzlich von einer kritischen Phase, die sie überstehen müsse. Sie überstand sie nicht. 

Plötzlich ging alles ganz schnell. Eigentlich wollte ich gerade zur Arbeit, doch keine zwei Stunden später war ich auf dem Weg in das rund 1600 Kilometer entfernte Mostar in Bosnien und Herzegowina. 

Während die Autobahn an mir vorbeizog, wechselten sich Erinnerungen und Tränen ab. Wie meine Großmutter mich morgens mit dem Klimpern des Geschirrs weckte – oder mich wieder zudeckte, wenn in der Nacht die Decke von mir rutschte. Wie ich sie mit ihren Seifenopern aufzog und irgendwann trotzdem mitguckte. 

Am Haus angekommen, fühlte sich alles unwirklich an. An der Haustür klebte ein Totenschein mit ihrem Foto und den Namen der Hinterbliebenen. Dann traf es mich: Oma ist tot. Wirklich. Es war kein schrecklicher Traum.

Statt ihrer Umarmung erwartete mich hinter der Tür diesmal nur Leere.

Im Haus erinnerte alles an sie. Das Kissen, auf dem sie schlief, die Kupferkanne, in der sie sich ihren Kaffee kochte, der rosafarbene Kamm im Badezimmer. Ich brach in jedem Zimmer weinend zusammen. 

Die Heftigkeit der Trauer überrumpelte mich. Das erste Mal erlebte ich so intensiv, wie sich der Tod einer geliebten Person anfühlt.

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, finde ich es wahnsinnig, was in meinem Kopf und Körper während dieser Zeit vorgegangen ist. Mein Körper befand sich im Ausnahmezustand, ich schlief zwei Tage lang nicht, aß wenig. Es war fast, als hätte mich eine schwere Grippe befallen.

Um diese Gefühle besser zu verstehen, befrage ich Judith Gonschor, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe "Klinische Psychologie und Psychotherapie" der Philipps-Universität Marburg. Sie forscht zu Trauer und leitet ein Projekt zu Trauerstörungen.