Darum sollten Robert Habeck und Leonardo DiCaprio künftig Bahn fahren.

Mit dem Flugzeug von Berlin nach München, weil die Fernbeziehung sonst leidet? Wochenendtrip nach Venedig, weil das Wetter in Deutschland nervt – und die Flüge einfach so billig waren?

Klar ist das schlecht fürs Öko-Karma. Aber egal: Zahlen wir halt die CO2-Abgabe auf den Flugpreis drauf. Sogar Grünen-Chef Robert Habeck fliegt wohl manchmal Kurzstrecke (Twitter). Und einen wirklichen Unterschied macht eine einzelne Konsumentscheidung ja doch nicht – bei Deutschlands 904,7 Millionen Tonnen Treibhausgasen im Jahr, die in der Klimabilanz des Umweltbundesamtes etwa für 2017 berechnet wurden. Oder?

Doch, sagt ein britischer Wissenschaftler. Steve Westlake ist kein Klimaforscher, sondern Kommunikationswissenschaftler. Er hat das Flugverhalten von Menschen untersucht – und wie ihr Umfeld darauf reagiert. Dafür hat er 32 qualitative Interviews geführt und 380 Menschen befragt.

Westlakes Ergebnis: Nicht-Fliegen ist ansteckend, weil es das Fliegen als Normalität infrage stellt. (The Conversation

Westlake beruft sich auf die Idee der sozialen Normen: Unser Verhalten beeinflusst demnach das Verhalten der Menschen um uns herum. Eine wichtige Rolle spielen dabei einzelne, hoch angesehene Personen – das hat frühere Forschung bereits gezeigt. Sie können die moralischen Normen und das Verhalten von Gruppen so beeinflussen, dass Nachhaltigkeit zur neuen Normalität wird. (Studie

In Schweden wurde eine ähnliche Debatte um den Begriff "Flugscham" ausgelöst.

Statt einen Flieger zu nehmen, fuhr Greta Thunberg mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, schrieb darüber – und löste so die Debatte um Flugscham aus. Die These: Steigen Reisende heute – mit Vorbildern wie Greta Thunberg – nur noch verschämt in den Flieger, weil sie um die negativen Auswirkungen des Fliegens auf die Umwelt wissen? Wirkt sich die Flugscham vielleicht sogar auf das Reiseverhalten aus? (SPIEGEL ONLINE

Wir haben mit dem Kommunikationswissenschaftler Steve Westlake gesprochen: über Flugscham – und warum Leonardo DiCaprio dringend die Bahn nehmen sollte. Westlake lehrt an der Universität Cardiff in Wales.

Herr Westlake, wohin sind Sie zuletzt geflogen?

Nach Verona, in Italien. Das war vor vier Jahren, danach habe ich mit dem Fliegen aufgehört. Es ist schwer, heutzutage nicht zu fliegen. Es gehört für die meisten zum Leben dazu und es aufzugeben ist ein starkes Signal.

Warum haben Sie aufgehört?

Kevin Anderson hat mich dazu gebracht, ein angesehener Klimaforscher aus Großbritannien. Er ist sehr kritisch gegenüber Menschen, die viel fliegen. Vor allem gegenüber Forschern, die sagen, sie wollen den Klimawandel stoppen – und dafür um die Welt fliegen. Man muss nach den eigenen Idealen auch leben. Ich finde das sehr logisch.

Sie wurden also von einem Nicht-Flieger inspiriert. Genau das besagen auch Ihre Untersuchungen: Menschen lassen sich von umweltbewussten Nicht-Fliegenden beeinflussen. Was haben Sie genau herausgefunden?

Ich wollte wissen, ob die individuelle Entscheidung, mit dem Fliegen aufzuhören, noch mehr bewirkt, als nur meine persönlichen Emissionen zu reduzieren. Ob man die Vorstellung von der Normalität des Fliegens aufheben kann. Es hat sich gezeigt: Etwa die Hälfte der Befragten reist seltener mit dem Flugzeug, weil sie jemanden kennen, der gar nicht mehr fliegt. Drei Viertel sagten, es habe ihre Haltung zum Fliegen verändert und nur sieben Prozent meinten, es habe sie gar nicht beeinflusst.

Wie viele Befragten kannten überhaupt Nicht-Flieger?

Etwa jeder Dritte kannte eine Person, die tatsächlich wegen des Klimawandels nicht mehr fliegt.

Wenn ich nicht mehr fliege – wie viele Menschen inspiriere ich damit?

Ich habe versucht, diese sogenannten Trickle-Down-Effekte zu quantifizieren, aber das ist nicht so einfach. 77 Prozent der Nicht-Flieger kennen niemanden, den sie beeinflusst haben. 16 Prozent sagen, sie kennen ein bis zwei solcher Menschen. Viele wissen aber einfach nicht, welchen Einfluss sie auf andere haben. Ich spreche zum Beispiel oft mit anderen über meinen Wandel zum Nicht-Flieger – aber ob ich sie damit beeinflusst und ihr Leben verändert habe, erfahre ich nicht unbedingt. Wie groß der Effekt ist, kann ich nicht genau sagen – aber es gibt ihn.

Ich müsste also viel darüber sprechen.

Ja. Die Menschen, die auf das Fliegen verzichten wurden in meiner Umfrage als engagiert und als Experten in Umweltfragen wahrgenommen. Es kann aber auch schwierig sein, die Entscheidung, nicht zu fliegen, zu kommunizieren.

Weil ich anderen damit das Gefühl gebe, ich sei der bessere Mensch?

Genau. Fliegen ist etwas Großartiges, die Menschen lieben es, es gibt ihnen das Gefühl von Freiheit. Das versteh ich auch. Mir war klar, dass Fliegen ein sensibles Thema ist. Ein Studienteilnehmer hat mir einmal vorgeworfen, meine Forschung sei schlecht recherchiert und faschistisch. Und ich bin auch nicht per se dagegen: Es ist eine wundervolle Technologie.

In Schweden gibt es bereits eine Debatte um Flugscham. Müsste Fliegen nicht eher zum Stigma werden?

Negative Reize und Gefühle, wie etwa Scham, haben keinen nachhaltigen Effekt. Es gibt Menschen, die zehnmal im Jahr zum Spaß nach Australien fliegen. Die erreicht man nicht, wenn man sie bloßstellt – aber man kann sie inspirieren. Sie haben vielleicht noch nie darüber nachgedacht, dass ihr Verhalten schädlich für das Klima ist. Da muss man wertfrei herangehen. 

Wie kommen Sie eigentlich zu Konferenzen, wenn Sie Ihre Studie vorstellen?

Meine Konferenzreisen beschränken sich auf Orte, die ich mit dem Zug erreiche. Kevin Anderson ist vor ein paar Jahren mit dem Zug von Großbritannien nach China gefahren.

Wie lange dauert das?

Lange. Etwa zwei Wochen.

Aber nicht jeder hat das Privileg, zwei Wochen nach China zu reisen, um einen Vortrag zu halten.

Stimmt. Anderson sagt auch nicht, alle Menschen müssten komplett auf das Fliegen verzichten. Aber sie sollten sich überlegen, ob der Grund für die Reise eine Notwendigkeit oder Ego sei – besonders bei Forschern. Die fliegen um die Welt, um eine 20-Minuten-Präsentation zu halten. Wer das Thema Umweltschutz ernst nimmt, der sollte sich selbst darin genauso ernst nehmen wie die Probleme im System.

In Deutschland gab es eine große Debatte um Grünen-Politiker, die innerhalb von Deutschland mit dem Flugzeug gereist sind.

In meiner Umfrage habe ich das auch thematisiert: Ist es okay, wenn Obama zur Klimakonferenz mit dem Privatjet fliegt und dann mit 14 Autos vorfährt? Oder wenn Leonardo DiCaprio einen Klimafilm dreht, aber einen sehr CO2-intensiven Lebensstil hat? Heiligt der Zweck – also der Film oder die Klimakonferenz – die Mittel?

Was kam heraus?

Die Befragten haben eindeutig gesagt: Das ist heuchlerisch. Über 60 Prozent meinten, niemand darf von anderen verlangen, den Klimawandel aufzuhalten, wenn er sich selbst nicht entsprechend verhält. Da gibt es offenbar ein großes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Fairness. Wir alle wissen, dass sich unsere Lebensstile werden ändern müssen – und die Reichen sollten auch nicht darum herumkommen.

Nicht-Fliegen, um andere von einem nachhaltigeren Lebensstil zu überzeugen, das legt viel Verantwortung auf den Einzelnen. Müsste das nicht über die Industrie geregelt werden, über die Besteuerung von Treibstoff zum Beispiel?

Ich habe auch nach der Zustimmung zu staatlichen Maßnahmen gefragt, die das Fliegen einschränken würden. Sollten Flüge teuerer werden, je mehr eine Person jährlich bucht? Sollten Flüge generell höher besteuert werden? Auch da zeigte sich: Kannten die Befragten einen Nicht-Flieger, stieg die Bereitschaft solche Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Die Debatte über kollektive und individuelle Verantwortung ist natürlich wichtig. Als Teil des sozialen Systems können wir aber auch als Einzelne etwas beitragen.



Style

Umweltsünde Denim: Diese 14 Jeans-Teile wurden nachhaltig produziert

Denim, der Stoff, aus dem Jeans gemacht werden, ist eines der umweltschädlichsten Materialien in der Modeindustrie. Es besteht hauptsächlich aus Baumwolle. Um ein Kilogramm davon zu erzeugen, werden etwa 10.000 Liter Wasser benötigt. Der größte Teil beim Anbau der Baumwolle. Zum Vergleich: Ein T-Shirt aus Baumwolle schluckt in der Herstellung etwa 2000 Liter. Schon das sind mehr als zehn volle Badewannen.

Für die Färbung der Baumwolle mit dem Farbstoff Indigo braucht es außerdem jede Menge Chemikalien und Schwermetalle, die nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Menschen, die die Blue Jeans herstellen, schädlich sind.

Noch dazu kommen Pestizide und Gentechnik auf den Baumwollfeldern, um möglichst schnell möglichst viel ernten zu können, und schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung in den Fabriken.

Was jetzt? Nie wieder Jeans? Keine Sorge: Wir stellen 14 Jeans-Teile vor, die nachhaltig produziert wurden.