Bild: FlixMobility
Daniel Krauss im Interview

Seit Greta Thunberg die Welle der weltweiten Freitagsstreiks losgetreten hat, ist der Klimaschutz das bestimmende Thema politischer Debatten. Immer wieder kommt dabei die Frage auf, ob individuelles Engagement überhaupt etwas bewirkt – immerhin wird ein Großteil der Emissionen von Unternehmen verursacht.

Unternehmerinnen und Unternehmer der Digitalbranche haben deshalb eine Initiative gegründet, die sich "Leaders for Climate Action" nennt. Mit dabei sind über 100 Führungskräfte, unter anderem von Ecosia, Soundcloud, Zalando und nebenan.de.  

Auch Flixbus ist mit dabei. Wir haben mit Flixbus-Mitgründer Daniel Krauss, 35, über die Initiative, sein persönliches Klima-Engagement gesprochen. Und die Frage, ob man als Busunternehmen nicht ohnehin ein Teil des Problems ist.

bento: Die Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich zu den "Leaders for Climate Action" zusammengeschlossen haben, wollen auch privat etwas für den Klimaschutz tun. Was machen Sie persönlich?

Daniel Krauss: Ich bin viel unterwegs, das zieht natürlich Emissionen nach sich. Die gleiche ich durch Zahlungen an Kompensationsunternehmen aus. Ich nutze so oft wie möglich Bus und Bahn. Vor fünf Monaten bin ich Papa geworden, seitdem mache ich mir mehr Gedanken über die Zukunft der kommenden Generationen. Deshalb achten wir bei dem Haus, das wir gerade bauen, sehr auf Klimafreundlichkeit: Wärmepumpe, Solaranlage, Zisterne.

Es ist umstritten, wie viel Klimaschutz-Maßnahmen im Privaten bringen, angesichts der riesigen CO2-Mengen, die in der Industrie ausgestoßen werden. Wie groß ist die Verantwortung des Einzelnen?

Wenn man nur auf das eingesparte CO2 schaut, machen individuelle Maßnahmen das Kraut nicht fett, wie wir in Franken sagen. Das wichtige Stichwort ist aber Verantwortung: Maßnahmen im Privaten helfen dabei, dass jeder sich bewusst macht, wie viel wir ändern müssen und wo man ansetzen kann. Eine Lösung können individuelle Maßnahmen aber nicht sein, das ist klar. Hier sind Politik und Unternehmen gefragt.

Stichwort Unternehmen: Was ist das Ziel der Initiative?

Gerade im digitalen Bereich sind wir Unternehmer es gewohnt, dass Dinge sehr schnell gehen. Schnelles Wachstum, schnelle Entscheidungen. Der politische Diskurs um Klimaschutz läuft im Gegensatz dazu furchtbar langsam ab. Die Bundesregierung tut seit Jahren viel zu wenig dafür, sinnvolle Maßnahmen zur CO2-Reduktion zu beschließen. Deswegen haben wir beschlossen, uns zusammenzuschließen und eine öffentliche Stimme zu erzeugen. Damit können wir hoffentlich den Druck auf die Politik erhöhen und Lobbygruppen die Stirn bieten, die Klimaschutzmaßnahmen im Weg stehen.

Welche Bedingungen muss ein Unternehmen erfüllen, um der Initiative beizutreten?

Es muss sich direkt unseren Zielen verpflichten und nachweisen, dass es selbst Maßnahmen ergreift.

Was heißt das konkret?

Es gibt Verpflichtungen auf zwei verschiedenen Ebenen. Erstens auf der persönlichen: Der Unternehmer oder die Unternehmerin selbst muss einen Überblick über den eigenen CO2-Footprint liefern und diesen bei einem Kompensationsunternehmen ausgleichen. Wir sind überzeugt davon, dass Führungspersonen eine Vorbildfunktion haben, deshalb nehmen wir die mit in die Pflicht. Auf Unternehmensebene haben wir ein dreistufiges Modell. Zum Start müssen die Unternehmen einen Klimabeauftragten einsetzen, der sich einen Überblick über die CO2-Bilanz verschafft und Einsparmaßnahmen vorschlägt. Innerhalb von zwölf Monaten müssen Unternehmen ihre CO2-Bilanz deutlich verbessern und das, was noch übrigbleibt, möglichst kompensieren. Nach zwei Jahren sollen Mitglieder der Initiative global klimaneutral sein oder Leuchtturmprojekte zum Klimaschutz umsetzen.

Oder? Die Klimaneutralität ist also keine Pflicht?

Nein, eine Verpflichtung wäre naiv. Bei vielen Unternehmen lässt sich das nicht realisieren, zum Beispiel wenn sie keinen kompletten Zugriff auf die Lieferkette haben. Im heutigen Wirtschaftssystem ist es nicht möglich, das hundertprozentig zu schaffen.

Wir brauchen also ein anderes Wirtschaftssystem?

Ich weiß nicht, ob man den Kapitalismus gleich abschaffen muss. Man muss ihn aber hinterfragen und anpassen. Ein Beispiel: Kapitalismus funktioniert nach Angebot und Nachfrage von Produkten, Dienstleistungen und Ressourcen. Mittlerweile wissen wir, dass CO2 ein relevanter Faktor für das Fortbestehen unseres Planeten ist, es ist aber kostenlos. In dieser Hinsicht ist der Markt dysfunktional. Ob eine Anpassung reicht oder am Ende doch der Kapitalismus über den Haufen geworfen werden muss, da bin ich nicht Wirtschaftsexperte genug, um das zu beurteilen.

Die Initiative fordert deshalb eine CO2-Steuer. Wie soll die aussehen?

Wir orientieren uns da an den Empfehlungen des Rats der Wirtschaftsweisen. Das heißt: Eine sofortige Bepreisung mit 50 Euro pro Tonne CO2, bis 2030 eine schrittweise Erhöhung auf mindestens 130 Euro.

Sie schreiben auch davon, dass ein finanzieller Ausgleich für sozial Benachteiligte sichergestellt werden solle. Wie stellen Sie sich den vor?

Dazu gibt es meines Wissens nach noch keine konkrete Idee. Aber ich glaube auch, dass die Debatte an der Stelle oft unnötig verkompliziert wird. Wenn man CO2 verursachergerecht besteuert, ist nur eine kleine Korrektur notwendig. Im Normalfall verbrauchen sozial Benachteiligte nämlich deutlich weniger CO2. Deshalb müssten Priviligierte sowieso viel mehr draufzahlen. Ich kann noch so supernachhaltige Produkte das ganze Jahr über kaufen, wenn ich mir dann einmal im Jahr die Urlaubsreise nach Thailand gönne, haut das erst richtig rein.

Welche Einsparungsmaßnahmen haben Sie bei Flixbus ergiffen?

Intern versuchen wir Geschäftsreisen zu vermeiden, viel über Videokonferenzen zu besprechen. Wenn doch mal eine Reise notwendig wird, wird die kompensiert. Außerdem machen wir noch so simple Sachen wie nachhaltiges Papier und Wasserspender statt Plastikflaschen benutzen und darauf achten, dass das Licht immer ausgeschaltet wird.

Und Ihr eigentliches Geschäft, die Busfahrten?

Über 95 Prozent der Busse erfüllen die Abgasnorm Euro 6. Wir haben außerdem testweise drei E-Busse in Betrieb genommen. Für lange Strecken eignen die sich aber noch nicht. Wir haben in BeNeLux sogar Busse mit Solarpanels auf den Dächern und setzen uns ständig mit anderen alternativen Antrieben auseinander. Leider ist aber das meiste noch nicht marktreif.

Die meisten ihrer Busse fahren mit Diesel, durch günstige Preise machen sie der Bahn Konkurrenz und holen Menschen von der Schiene auf die Straße. Ist Flixbus nicht Teil des Problems?

Fernbusse sind Teil der Lösung und nicht etwa des Problems. Solange die Bahn nicht zu 100 % mit Ökostrom fährt, ist die Umweltbilanz des Fernbusses besser. Abgesehen davon, dass wir auch Zugverbindungen anbieten – die mit Ökostrom fahren. Wichtig ist, ein flächendeckendes öffentliches Verkehrsnetz zu haben, bei dem alle Fernverkehre gut ineinandergreifen. Nur so können wir die Leute motivieren, auf’s eigene Auto zu verzichten.

Mitfahrende können bei Ihnen die CO2-Bilanz ihrer Fahrt freiwillig kompensieren. Allerdings machen das nur etwa zehn Prozent der Fahrgäste. Wie kann das sein?

10% ist ein enorm großer Anteil bei Reisenden. Wir prüfen dennoch, wie man diese Option im Buchungsprozess noch prominenter platzieren und bewerben kann, damit noch mehr Menschen sich dafür entscheiden.

Ein Beispiel: Wenn ich jetzt spontan einen Bus von Hamburg nach Berlin buchen wollte, würde mich das knapp 30 Euro kosten. Für 36 Cent könnte ich die Fahrt kompensieren. Das ist etwas mehr als ein Prozent des Fahrpreises. Warum schlagen sie das nicht einfach verpflichtend oben drauf oder übernehmen die Kosten selbst?

Wir haben auch darüber nachgedacht, aber da wären wir wieder bei der Verantwortung vom Anfang. Wir sind der Meinung, dass Leute sich bewusst und aktiv dafür entscheiden sollen. Wir haben mündige Kundinnen und Kunden, die nicht gezwungen werden wollen. 


Fühlen

Allgäu statt Asien: Mein Urlaub ist genauso schön wie deiner
Warum wir öfter Urlaub vor der eigenen Haustür machen sollten.

Statt mit dem Flieger nach Südostasien musste ich mich für meine letzte Reise von meinem Heimatort Stuttgart aus gerade mal zweieinhalb Stunden ins Auto setzen. Umgeben von Bergen ließ ich die stressigen Prüfungswochen im Allgäu vier Tage lang hinter mir. Einige Tage später erzählte ich einer Freundin bei Kaffee und Kuchen von meinem Ausflug in die Berge: Ich schwärmte von Natur, Stille und Hausmannskost. 

Sie winkte jedoch ab: Das sei kein richtiger Urlaub. Für einen Urlaub müsse man schon in den Flieger steigen und den Ozean überqueren. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen: Was sie, die sich jetzt erst zwei Wochen lang in Kalifornien die Sonne auf den Kopf brutzeln lassen hat, da in einem Nebensatz fallen ließ, machte mich wütend. Denn sie verkennt damit vollkommen, worauf es bei einem guten Urlaub ankommt.

Klar, ich würde auch gerne ein Foto auf Instagram (#travelgirl) posten, wie ich an einem langen Sandstrand auf der anderen Seite des Erdballs mit einem Strohhalm in einer Kokosnuss herumstochere.