Bild: imago/Westend 61

Seit etwa 24 Stunden habe ich es schwarz auf weiß: Ich bin eine Klimasünderin. Natürlich kam diese Einsicht nicht komplett überraschend. Allein, dass ich als Mensch in einer westlichen Industrienation existiere, schadet dem Klima.

Doch seit gestern ist es schlimmer: Ich fühle mich, als würde ich höchstpersönlich mit dem Feuerzeug neben einem Gletscher stehen. 

Schuld an diesem Gefühl ist der CO2-Rechner des Umweltbundesamts

Mit dem kann jeder seine eigene CO2-Bilanz ausrechnen. Es gibt Fragen zum Haushalt, zur Ernährung, zum Reiseverhalten. Am Ende spuckt der Rechner eine Grafik aus, auf der die eigenen Emissionen dargestellt sind – und ein Vergleich zum deutschen Durchschnitt.

Zumindest im Vergleich zu anderen, dachte ich vorher, sollte ich ganz okay dastehen. Schließlich ernähre ich mich fast vegan, ich fahre nie Auto, dafür viel Zug, ich lebe in einer winzigen Neubauwohnung. All diese Dinge muss ich im Fragebogen angeben.

Doch als der Rechner mir meine Bilanz ausspuckt, ist sie vernichtend. 

12,7 Tonnen Kohlendioxid habe ich im letzten Jahr ausgestoßen, eine Tonne mehr als der deutsche Durchschnitt von 11,6 Tonnen.

Zwar schlage ich mich in Sachen Ernährung, Strom und Konsum ganz okay. Doch die Grafik zeigt ein eindeutiges Problemfeld: Es ist mein Reiseverhalten. Beziehungsweise, vor allem eine einzige Reise.

Ich war letztes Jahr über meinen Geburtstag in New York, sieben Tage Wolkenkratzer, Museen und American Pizza. Für den Flug dorthin veranschlagt der Rechner fast vier Tonnen CO2, ein Drittel meiner gesamten Bilanz.

Das Ergebnis löst sofort Schuldgefühle aus. Und Reue. 

Sieben Tage in New York – war das wirklich vier Tonnen CO2 wert? Dass ich zu meinem Geburtstag etwas Besonderes erleben wollte, und dann auch noch in die USA, diese Hochburg von Industrialisierung und Kapitalismus reiste, erscheint mir auf einmal grenzenlos egoistisch. Wie die größtmögliche Frechheit, die ich unserem Planeten antun konnte.

Am liebsten würde ich den Flug wieder rückgängig machen, doch das geht leider nicht. Ich lande stattdessen auf der Webseite von Atmosfair, dem Unternehmen, das gewissensgeplagte Jetsetter wie mich gegen Geld CO2-Emissionen kompensieren lässt. Für knapp 70 Euro könnte ich den Flug nach New York ausgleichen. Atmosfair unterstützt damit Projekte, die zum Klimaschutz beitragen sollen.

Unter Umweltschützern ist dieser "Ablasshandel" umstritten. Das ausgestoßene CO2 verschwindet davon ja nicht, und die geförderten Projekte wirken meistens erst in der Zukunft. Aber ist das nicht besser, als gar nichts zu tun? Mein Mauszeiger schwebt über dem "Bezahlen"-Button.

Ich bezahle nicht, sondern lege mich erst mal schlafen.

Es hilft nicht: Am nächsten Morgen ist das schlechte Gewissen immer noch da. 

Mir fällt etwas ein, das es beruhigen könnte. Im Internet suche ich nach Zahlen, um meinen eigenen CO2-Ausstoß ins Verhältnis zu setzen.

Und da sind sie: Insgesamt wurden in Deutschland 2017 905 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen, schätzt das Umweltministerium. Ein Drittel davon kommt von der Energiewirtschaft, dann folgen Industrie und Verkehr. Es sind vor allem einige wenige Unternehmen, die einen Großteil des CO2 verursachen: Nur 100 Unternehmen produzierten 71 Prozent aller weltweiten Treibhausgase, fand eine Studie 2017 heraus (Guardian). 

Allein der deutsche Energieversorgungskonzern RWE verursachte im Jahr 2017 217 Millionen Tonnen CO2 (Panorama), vor allem die Kohlekraftwerke sind dafür verantwortlich.

Das ist 54 Millionen Mal so viel wie mein Flug nach New York

Klar, meine Reise war unnötig. Und RWE versorgt immerhin deutschlandweit Menschen mit Strom. Trotzdem bleibt die einfache Tatsache: Mein persönlicher Einfluss auf den Klimawandel ist verschwindend gering.

Der Klimarechner des Umweltbundesamts vermittelt mir das Gegenteil. Ich öffne noch einmal meine tiefrote Bilanz.

Vor lauter schlechtem Gewissen hatte ich übersehen: Das Umweltbundesamt will mir einen Ausweg aus meinem Klimasünder-Dasein zeigen.

Ich soll ein "CO2-Szenario" entwerfen und Vorsätze fassen, wie ich mein eigenes Verhalten kurz-, mittel- und langfristig ändern kann, um das Klima zu schonen.

Ob ich nicht meine Wohnfläche verkleinern oder meinen Einkauf strukturierter planen möchte, fragt mich das Tool. Noch winzigere Wohnung? Noch weniger einkaufen? Mehr Geld für meinen Strom bezahlen?

Ja, ja, ja, antworte ich brav. Und endlich hat der Rechner gute Nachrichten für mich.

Bis 2050, verkündet er, könne ich mit dieser Einstellung meinen CO2-Ausstoß um 95 Prozent senken.

Das kenne ich schon. Der Klimarechner ist nicht der Einzige, der zu meiner Läuterung vom Klimasünder beitragen will. Nachhaltige Bambus-Zahnbürsten und Turnschuhe aus Meeresplastik. Stoffbeutel statt Plastiktüten. Ständig appellieren Unternehmen an mein schlechtes Gewissen.

Es ist Versprechen und Drohung zugleich: Wenn ich mich richtig verhalte – richtig esse, einkaufe, reise – dann lässt sich das Klima retten.

Doch das ist schlicht und einfach gelogen. 

Unternehmen profitieren von dieser Lüge, weil sie weiterhin ungestraft Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre pusten können, während die Kunden im Supermarkt damit beschäftigt sind, sich zu fragen, ob sie eigentlich noch Wattepads benutzen dürfen.

Aber auch wir Konsumentinnen haben uns darin eingerichtet. Denn glauben wir das Märchen vom Konsum, winkt statt schlechtem Gewissen die Hoffnung auf eine nicht-katastrophale Zukunft.

Aber warum wälzt sogar das Umweltbundesamt die Verantwortung auf mich ab?

Vielleicht will der Staat noch ein bisschen Zeit gewinnen, bis sein Versagen in Sachen Klimaschutz endgültig offenkundig wird.

Deutschland ist eine Autonation, ein Konzept für flächendeckende öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Die Energiewende geschieht nicht radikal genug, noch immer sind wir viel zu sehr von Kohle abhängig. Unternehmen und Landwirtschaft, die der Umwelt schaden, werden gefördert. All das hat die Regierung zu verantworten.

Aber anstatt diejenigen zu kritisieren, die etwas ändern können, anstatt Druck auf staatliche Stellen auszuüben oder Unternehmen auf ihre Doppelmoral aufmerksam zu machen, sitze ich zuhause und schäme mich für meinen Urlaub.

Ich weiß, dass Klimaschutz nur funktioniert, wenn alle mitmachen. Ich bin durchaus bereit, zu verzichten.

Doch allen Bürgern ein CO2-Zeugnis auszustellen und sie zu kleineren Wohnungen zu überreden, verschiebt die Klimarettung ins Private, entpolitisiert sie. Dabei ist sie die drängendste politische Frage, die wir haben.

Doch weil Politiker auf sie keine Antwort haben, fragen sie stattdessen eben zurück: Ob ich nicht demnächst einfach in Deutschland Urlaub machen will?


Gerechtigkeit

Frauen heimlich unter den Rock zu fotografieren, ist in Deutschland nicht strafbar. Zwei Frauen wollen das ändern.

Ein Mann kniet sich im Supermarkt neben eine Frau, als würde er etwas aus dem unteren Regalfach nehmen. Während sie sich ihrem Einkauf widmet, schießt er schnell und heimlich ein Foto – unter ihrem Rock

Solche und ähnliche Situationen kennen viele Frauen; auf Youtube gibt es Videos, die Männer beim Upskirting zeigen, und leider auch Videos von Opfern des sogenannten Upskirtings, ganze Filme, in denen die Smartphone-Kamera Frauen verfolgt und versucht, ihren Intimbereich zu fotografieren. 

Wenn jemand heimlich Fotos vom Intimbereich einer anderen Person macht, klingt das erstmal, als sei es strafbar. Doch das ist oft nicht der Fall: Upskirting, also das voyeuristische Fotografieren unter den Rock einer Frau, wird vom deutschen Strafrecht nicht abgedeckt. Das wollen zwei junge Frauen ändern.

Wie ist die Rechtslage zu Upskirting?

Seit 2014 gibt es in Deutschland den Paragrafen 201a im Strafgesetzbuch zur "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Allerdings sind demnach heimliche Aufnahmen nur dann strafbar, wenn sie in privaten oder geschlossenen Räumen aufgenommen werden – zum Beispiel in Wohnungen, auf öffentlichen Toiletten oder in Umkleidekabinen – und auch dann meist nur, wenn sie an Dritte weitergegeben werden. 

Wenn einem also jemand auf der Straße oder auf einem Konzert unter den Rock fotografiert und das Bild einfach behält, ist dies vom Strafrecht nicht abgedeckt. Es verstößt damit zwar immer noch gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht, kann aber eben strafrechtlich nicht ohne weiteres geahndet werden.